Es gibt politische Erfolge, die manchmal überraschen und zeigen, dass sich mit Beharrlichkeit und guter Zusammenarbeit Ungerechtigkeiten tatsächlich beseitigen und das Leben der Menschen konkret verbessern lassen. Die Annahme der Tessiner Standesinitiative durch die eidgenössischen Räte in der vergangenen Sommersession, welche den Kündigungsschutz auch auf Adoptivmütter ausdehnen will, ist ein solches Beispiel.
Als wir diese Initiative 2019 gemeinsam mit Fiorenzo Dadò und Maurizio Agustoni einreichten, wollten wir eine rechtliche Ungleichbehandlung beseitigen: den fehlenden Kündigungsschutz für Adoptivmütter im Vergleich zu biologischen Müttern. Das Bundesrecht gewährte Arbeitnehmerinnen während der Schwangerschaft und in den Wochen nach der Geburt einen besonderen Kündigungsschutz – für Frauen, die durch eine Adoption Mutter werden, bestand hingegen kein vergleichbarer Schutz.
Dabei bringt die Aufnahme eines Kindes in eine Adoptivfamilie dieselben Herausforderungen mit sich wie die Geburt eines Kindes: Die Familie muss ihren Alltag neu organisieren, das Kind braucht Präsenz, Aufmerksamkeit und ein stabiles Umfeld. Ein Kündigungsschutz ermöglicht es auch Adoptivfamilien, diese sensible Phase ohne die Sorge um den Verlust des Arbeitsplatzes zu bewältigen.
Der Weg bis zu diesem Erfolg war nicht einfach. Im Tessin vergingen mehrere Jahre, bis die Initiative die notwendige Unterstützung erhielt und nach Bern überwiesen werden konnte. Auch auf Bundesebene war der Erfolg alles andere als selbstverständlich. Ein entscheidender Schritt gelang im Ständerat, wo die Unterstützung von Fabio Regazzi und Marco Chiesa ausschlaggebend war, um eine äusserst knappe Mehrheit zu erreichen. Ebenso wichtig war der engagierte Einsatz von Isabelle Chassot, die sich mit grosser Überzeugung für dieses Anliegen einsetzte.
Im Nationalrat schien die Ausgangslage noch schwieriger, zumal die zuständige Kommission die Ablehnung der Initiative empfohlen hatte. Umso wichtiger war die Unterstützung der Tessiner Parlamentsdelegation. Dank des gemeinsamen Engagements gelang es, eine breite, parteiübergreifende Mehrheit zu bilden und damit einen Erfolg zu erzielen, der lange als kaum möglich erschien.
Neben dem parlamentarischen Entscheid ist vor allem das Signal wichtig, das von ihm ausgeht. Das Bundesparlament hat anerkannt, dass es keine Mütter erster und zweiter Klasse gibt. Es gibt Mütter, die Respekt und Schutz verdienen – unabhängig davon, ob sie auf biologischem oder auf dem Weg der Adoption Mutter geworden sind.
Nun folgt die Ausarbeitung der notwendigen Gesetzesänderungen. Der Entscheid ist ein konkreter Fortschritt für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, für die Gleichbehandlung und für eine Gesellschaft, die alle Formen der Elternschaft gleichermassen anerkennt und wertschätzt.