Verschiedene Medien titelten kürzlich, dass eine Verlängerung der Elternzeit, wie sie die Familienzeit-Initiative fordert, nicht sinnvoll sei. Hintergrund dieser reisserischen Schlagzeilen ist eine Studie eines privaten Forschungsinstituts mit Sitz in Luzern, dem IWP. Doch die Lektüre dieser Studie hält eine grosse Überraschung bereit: Entgegen den negativen Schlagzeilen bestätigt die Studie vielmehr den Nutzen einer Elternzeit für die Beschäftigung und unterstützt ebenfalls eine Dauer von zweimal 18 Wochen, wie sie die Familienzeit-Initiative fordert.
Als im Februar die Studie des Instituts für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP) erschien, waren die Schlagzeilen gegenüber einem Elternurlaub fast durchwegs negativ: «Weniger wäre mehr in der Familienpolitik. (…) Laut einer neuen Studie ist ein Leistungsausbau mittels Krippensubventionen oder einer Ausweitung des Elternurlaubs unnötig.» (NZZ, 24.2.2026) Oder auch: «Mehr Elternzeit oder höhere Subventionen bringen nur Kosten statt Nutzen. Familienpolitik: Kein Ausbau nötig.» SRF machte die Studie zum Thema in der Sendung «10 vor 10», unter dem Titel «Mehr Elternzeit kann schlecht für die Karriere sein».
Nach mehreren Veröffentlichungen der Eidgenössischen Kommission für Familienfragen EKFF, die auf der Grundlage fundierter wissenschaftlicher Erkenntnisse die Berechtigung von Elternzeit belegen, geben solche negativen Schlagzeilen Anlass zu Fragen. Es braucht also Klarheit. Mehrere Faktoren lassen Zweifel an den negativen Schlagzeilen aufkommen.
Die Studie, die wohl den Nutzen einer Elternzeit in Frage stellen sollte, zeigt in Wirklichkeit, dass das Ziel der Familienzeit-Initiative ideal ist. Studienautor und Direktor des IWP, Prof. Dr. Christoph Schaltegger, fasst die Ergebnisse folgendermassen zusammen: «Positive Arbeitsmarkteffekte für Mütter treten vor allem bei kurzen bis mittleren Auszeiten von vier bis sieben Monaten auf.» Die Familienzeit-Initiative fordert die Einführung einer Elternzeit von 18 Wochen pro Elternteilt, was jeweils viereinhalb Monaten entspricht. Die Studie bestätigt zudem ein weiteres von der EKFF vorgebrachtes Argument: «Bereits eine kurze Elternzeit der Väter von wenigen Wochen führt zu einer intensiveren Beteiligung an der Kinderbetreuung10 und erhöht die Erziehungskompetenz.»
Die IWP-Studie bestätigt die Forderungen der Familienzeit-Initiative
Die IWP-Studie schlägt vor, die bestehenden familienpolitischen Instrumente in der Schweiz (bezahlter Elternurlaub, subventionierte Kinderbetreuung, Familienzulagen und Steuerabzüge) zu überprüfen. Warum also beginnt sie damit, eine Massnahme zu analysieren, die es noch gar nicht gibt, nämlich die Elternzeit? Dies scheint eine merkwürdige Voreingenommenheit.
Wie dem auch sei, bereits 2018 stellte die EKFF fest, dass der Effekt eines Elternurlaubs auf die Erwerbstätigkeit von Frauen ab einer Dauer von 28 Wochen abnimmt. Auch die Studie des IWP bestätigt anhand einer aktuellen Quelle, dass der Effekt des Elternurlaubs auf die Erwerbstätigkeit von Frauen ab 28 Wochen abnimmt.
Eine der Schlussfolgerungen der Studie spricht für sich: «Arbeitsmarktbeteiligung: Ein Mutterschaftsurlaub von 4 bis 7 Monaten erhöht die Arbeitsmarktteilnahme der Mütter; längere Urlaubszeiten wirken hingegen negativ. Die Elternzeit reduziert die Einkommensunterschiede zwischen den Eltern langfristig nicht. Entscheidend für eine kurzfristig höhere Beteiligung der Väter sind reservierte («Väterquoten»-)Monate.» Auch die Zusammenfassung der Studie spricht für die Familienzeit-Initiative!
Bürgerliche Antwort auf den Armutsbericht des Bundesrats
Die IWP-Studie kann als Antwort auf den Armutsbericht des Bundesrats verstanden werden, der im November 2025 erstmals veröffentlicht wurde. Seit 2017 ist die Einkommensarmutsquote stabil bei 8 Prozent geblieben. Das ist zwar weniger als in den Nachbarländern, doch das Ziel des Bundesrats, die Armut zu verringern, wurde nicht erreicht. Dabei hat sich die Schweiz im Rahmen der Agenda 2030 dazu verpflichtet. Studien zeigen, dass das Sozialversicherungssystem zur Armutsbekämpfung beiträgt. Ohne die Sozialversicherungen und die bedarfsabhängigen Sozialleistungen läge die Armutsquote bei Arbeitnehmenden und deren Kindern bei 16 Prozent und statt bei den derzeitigen 6 Prozent. Dieses bewährte System muss beibehalten werden, in Kombination mit strukturellen Massnahmen wie dem Ausbau des Bildungssystems, der familienergänzenden Kinderbetreuung oder arbeitsmarktpolitischen Massnahmen (z.B. Mindestlöhne) sowie individuellen Massnahmen wie beispielsweise dem Zugang zu Weiterbildung.
Zum allgemeineren Thema der Familienpolitik stützt sich die bürgerliche Bewegung nun auf die Studie des IWP, um zu behaupten, dass es den Familien in der Schweiz gut geht und keine weiteren Massnahmen notwendig sind. Diese Kooperation zwischen dem aus öffentlichen Mitteln finanzierten akademischen Milieu und den Wirtschaftskreisen, die sich offen für den Liberalismus und den Libertarismus nach amerikanischem Vorbild einsetzen – mit einer auf ein Minimum reduzierten Rolle des Staates und möglichst niedrigen Steuern, vor allem für die Reichsten – sollten alarmieren.