In der Herbstsession wird der Ständerat über die Assoziierung der Schweiz an das europäische Programm Erasmus+ entscheiden. Dafür ist 2027 eine zusätzliche Finanzierung von 130 Millionen Franken erforderlich. Travail.Suisse unterstützt die vollständige Teilnahme der Schweiz an Erasmus+. Diese Investition ist entscheidend, um die Offenheit, Qualität und Wettbewerbsfähigkeit unseres Bildungs-, Forschungs- und Innovationssystems zu sichern. Davon profitieren langfristig alle Arbeitnehmenden in der Schweiz.
Erasmus+ ist das wichtigste europäische Programm für Mobilität und Zusammenarbeit in der allgemeinen und beruflichen Bildung. Mehr als 30 Länder nehmen daran teil. Für den Zeitraum von 2021 bis 2027 stehen dem Programm rund 26 Milliarden Euro zur Verfügung. Ersamus+ fördert internationale Mobilität, die Zusammenarbeit zwischen Institutionen und Organisationen sowie die Weiterentwicklung der Bildungspolitik. Heute nimmt die Schweiz nur eingeschränkt am Programm teil. Eine vollständige Assoziierung an Erasmus+ würde ihr eine gleichberechtigte Teilnahme am Programm ermöglichen. Schulen, Lehrbetriebe, Hochschulen und weitere Bildungsakteure in der Schweiz würden dadurch einen wesentlich breiteren Zugang zu Mobilitätsangeboten, Netzwerken und europäischen Projekten erhalten.
Internationale Mobilität im Zeitalter von KI wichtiger denn je
Im Zeitalter der künstlichen Intelligenz erhalten Sprachaustausch und Mobilität eine neue Bedeutung. Digitale Hilfsmittel erleichtern das Übersetzen und die Kommunikation zunehmend. Sie ersetzen jedoch weder die Erfahrung einer anderen Kultur noch die Fähigkeit, sich in einem unbekannten Umfeld zurechtzufinden. Auch die interkulturellen Kompetenzen, die im direkten Kontakt mit anderen Menschen entstehen, können sie nicht vermitteln. Gerade in der Berufsbildung ist es schwierig, den Fremdsprachenerwerb direkt zu stärken: Die Einführung einer obligatorischen Fremdsprache in einem Bildungsplan stösst auf strukturelle Grenzen. Austausch und Mobilität sind deshalb besonders geeignete Mittel, um Sprachkompetenzen auf andere Weise zu fördern.
Mobilität ist auch eine Antwort auf eine weitere bedeutende Entwicklung: Für viele junge Menschen ist der Einstieg in den Arbeitsmarkt schwieriger geworden. Eine Berufserfahrung im Ausland kann einen Bildungsweg entscheidend bereichern und Fähigkeiten stärken, die heute besonders gefragt sind: Selbstständigkeit, Flexibilität, Anpassungsfähigkeit, Neugier, Offenheit und interkulturelle Kompetenz.
Erasmus+ stärkt die Berufsbildung
Zu den acht gemeinsamen bildungspolitischen Zielen von Bund und Kantonen gehört, Austausch und Mobilität im Bildungssystem zu verankern und auf allen Bildungsstufen zu fördern. Travail.Suisse betont insbesondere die Bedeutung von Erasmus+ für die Berufsbildung. In den vergangenen Jahren konnten diese Möglichkeiten dank der von Movetia umgesetzten Schweizer Lösung, dem Swiss-European Mobility Programme, ausgebaut werden. Ein Beispiel dafür ist das von Travail.Suisse entwickelte Projekt swype. Internationale Erfahrungen sind für Lernende jedoch nach wie vor nur sehr begrenzt zugänglich: Heute nehmen lediglich rund zwei Prozent von ihnen an einem Mobilitätsangebot teil. Eine vollständige Assoziierung an Erasmus+ würde es ermöglichen, die Angebote für Lernende langfristig zu sichern, zu vereinfachen und in grösserem Umfang auszubauen.
Und was bringt Erasmus+ der Weiterbildung?
Erasmus+ bietet auch für die Weiterbildung grosse Chancen. Schweizer Organisationen können sich bereits heute an bestimmten Kooperationsprojekten beteiligen, und Fachpersonen der Weiterbildung können Mobilitätsangebote nutzen. Die Teilnahmemöglichkeiten bleiben jedoch beschränkt: Schweizer Akteurinnen und Akteure können insbesondere keine eigenen Innovations- und Pilotprojekte entwickeln und haben nicht zu allen Instrumenten, Netzwerken und Finanzierungsmöglichkeiten des Programms Zugang.
Eine vollständige Assoziierung an Erasmus+ würde es Schweizer Weiterbildungsinstitutionen und -fachpersonen ermöglichen, sich umfassend an europäischen Netzwerken und Projekten zu beteiligen, eigene Vorhaben zu entwickeln und vom Wissenstransfer mit ihren Partnerorganisationen zu profitieren. Die europäische Zusammenarbeit kann damit die Qualität und Wirksamkeit der Weiterbildung in der Schweiz stärken.
Bereiche wie Microcredentials, die Anerkennung bereits erworbener Kompetenzen oder die Digitalisierung von Lernumgebungen bieten ein besonders grosses Potenzial für Austausch und Innovation. Die Weiterbildung verfügt in der Schweiz über ein erhebliches Entwicklungspotenzial – und muss zugleich hohen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Erwartungen gerecht werden. Dass sie von den im Ausland gewonnenen Erfahrungen profitieren kann, sollte selbstverständlich sein.
Erasmus+ zu unterstützen, bedeutet, in die Bildung zu investieren – aber auch in Kompetenzen, berufliche Mobilität und die Innovationsfähigkeit der Schweiz. Es bedeutet, Lernenden, Studierenden, Lehrpersonen, Forschenden, Weiterbildungsteilnehmenden und allen Menschen, die ihren Bildungs- oder Berufsweg durch eine internationale Erfahrung bereichern möchten, mehr Möglichkeiten zu eröffnen. Travail.Suisse unterstützt deshalb die vollständige Assoziierung der Schweiz an Erasmus+.