Der im Februar veröffentlichte viamia-Monitoringbericht für den Zeitraum 2022–2025 zieht eine positive Bilanz dieses nationalen Laufbahnberatungsangebots für Personen über 40 Jahre. Viamia wurde im Rahmen der Initiative «Berufsbildung 2030» als Pilotprojekt lanciert und zielt darauf ab, die Beschäftigungsfähigkeit von Arbeitnehmenden in der Mitte ihrer Karriere zu stärken und berufliche Übergänge besser zu begleiten.
Während die Bilanz von viamia sehr erfreulich ist, sieht das politische Umfeld aktuell deutlich weniger positiv aus. Nach einem Beschluss des Bundesparlaments im Herbst 2024 wurde die Finanzierung von viamia durch den Bund gestrichen und damit die Verantwortung für die Fortführung des Programms auf die Kantone übertragen wurde. Diesen Entscheid hatte Travail.Suisse damals stark kritisiert, da er zu einem kantonalen Flickenteppich führen würde. Es ist zwar erfreulich, dass eine Mehrheit der Kantone laut einer im Oktober 2025 durchgeführten Umfrage offenbar beabsichtigt, das Angebot über die Pilotphase hinaus fortzuführen – dafür braucht es jedoch ausreichende und nachhaltige finanzielle Mittel. In diesem Zusammenhang kommt dem kürzlich veröffentlichten Monitoringbericht besondere Bedeutung zu: Er zeigt, dass viamia funktioniert und einem echten Bedarf entspricht, was die Notwendigkeit einer langfristigen Finanzierung unterstreicht – wobei ein stärkeres Engagement des Bundes erneut geprüft werden sollte. Ohne angemessene Finanzierung wird es schwierig sein, ein qualitativ hochwertiges Angebot zu gewährleisten, das in allen Kantonen zugänglich ist und den wachsenden Bedürfnissen der Erwerbsbevölkerung gerecht wird.
Immer komplexere berufliche Laufbahnen
Die Aufrechterhaltung und Weiterentwicklung von viamia sind umso notwendiger, als der Arbeitsmarkt tiefgreifende Veränderungen durchläuft. Die Digitalisierung, die Automatisierung und der rasante Aufstieg der künstlichen Intelligenz verändern die Berufe, die geforderten Kompetenzen und die beruflichen Perspektiven in vielen Branchen. Diese Veränderungen schaffen neue Chancen, führen aber auch zu grosser Unsicherheit für viele Arbeitnehmende. Viele stellen sich Fragen zur Zukunftssicherheit ihres Arbeitsplatzes, zur Entwicklung ihres Berufs oder zur Notwendigkeit, neue Kompetenzen zu erwerben. In diesem Zusammenhang werden Karriereentscheidungen komplexer und erfordern mehr Begleitung.
Berufliche Umorientierungen sind bereits eine wichtige Realität. Gemäss Daten des Bundesamts für Statistik haben sich im Jahr 2023 etwas mehr als ein Drittel der Personen, die den Arbeitsplatz gewechselt haben (34,5 Prozent), auch beruflich neu orientiert. Diese Zahl zeigt, dass Karrierewechsel nicht mehr nur Randerscheinungen sind: Sie gehören mittlerweile zum normalen Funktionieren des Schweizer Arbeitsmarkts.
Wunsch nach Veränderung und Neuorientierung
Der Bericht zeigt, dass die Hauptmotivation von Arbeitnehmenden, die viamia nutzen, der Wunsch nach beruflicher Weiterentwicklung ist. Sie nennen zudem den allgemeinen Wunsch nach Veränderung, den Wunsch nach einer beruflichen Neuorientierung, die Steigerung der Arbeitszufriedenheit sowie Unsicherheiten im Zusammenhang mit ihrer beruflichen Tätigkeit. Dieses Ergebnis bestätigt, dass Arbeitnehmende nicht erst dann eine Beratung in Anspruch nehmen, wenn sie bereits in Schwierigkeiten sind, sondern auch, wenn sie ihre berufliche Zukunft aktiv gestalten möchten.
Die Evaluation stellt fest, dass viamia mehrheitlich von Frauen im Alter von 40 bis 65 Jahren mit Schweizer Pass genutzt wird, die erwerbstätig sind und ein hohes Bildungsniveau aufweisen. Dieses Profil ist im Laufe der Jahre relativ stabil geblieben. Unter diesen Zielgruppen verdient die starke Präsenz von Personen über 50 Jahren besondere Beachtung. Tatsächlich ist ein Drittel der Teilnehmenden über 50 Jahre alt. Ältere Arbeitnehmende verfügen oft über wertvolle Kompetenzen, können aber auch mit spezifischen Hindernissen konfrontiert sein: Umstrukturierungen, Schwierigkeiten bei der Wiedereingliederung nach einem Arbeitsplatzverlust, altersbedingte Diskriminierung oder die Notwendigkeit, Kompetenzen auf den neuesten Stand zu bringen.
Die Mehrheit der viamia-Teilnehmenden verfügt über einen Hochschulabschluss. Für Travail.Suisse muss diese Feststellung zu gewissen Anpassungen führen. Geringer qualifizierte Personen, deren Arbeitsplätze oft am stärksten dem Druck auf die Arbeitsbedingungen oder dem Risiko der Arbeitslosigkeit ausgesetzt sind, müssen stärker von viamia profitieren können. Oft sind es gerade sie, die am dringendsten Unterstützung benötigen, um sich weiterzubilden, sich neu zu positionieren oder eine Umschulung vorzubereiten. Es gilt daher, die Information zum Angebot zu verstärken, den Zugang zu vereinfachen und gezielte Massnahmen zu entwickeln, um diese heute unterrepräsentierten Zielgruppen zu erreichen.
Erleichterung von Umschulungen in jedem Alter
Schliesslich muss die Schweiz, wenn sie berufliche Übergänge während des gesamten Lebens wirklich fördern will, auch ihre Förderinstrumente anpassen. Viele Menschen möchten sich nach dem vierzigsten oder fünfzigsten Lebensjahr neu qualifizieren oder den Beruf wechseln, verzichten jedoch aus finanziellen Gründen darauf. Die Möglichkeiten für eine Umschulung oder Weiterbildung dürfen nicht durch das Alter oder durch finanzielle Hindernisse wie indirekte Ausbildungskosten (Einkommensausfall, Kinderbetreuung) eingeschränkt werden. Travail.Suisse empfiehlt den Kantonen nachdrücklich, das Alter für den Anspruch auf kantonale Ausbildungsstipendien anzuheben oder sogar ein nationales Stipendium zu schaffen, das die kantonalen Stipendien ergänzt.
Mehrere aktuelle parlamentarische Vorstösse gehen in diese Richtung. Die am 27. April verabschiedete Motion der Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur des Nationalrats (WBK-N) fordert eine Strategie für präventive Weiterbildung und berufliche Umschulung angesichts des strukturellen und technologischen Wandels. In diesem Sinne hat der Nationalrat gerade eine Motion des Vizepräsidenten von Travail.Suisse, Giorgio Fonio zur Einführung eines «Supported Re-Entry»-Programms angenommen, das den Wiedereinstieg ins Erwerbsleben erleichtern soll. Schliesslich unterstreicht die Motion Durrer-Knobel zu Stipendien und Darlehen für Erwachsene in der Weiterbildung die Bedeutung der Beseitigung finanzieller Hindernisse für die Umschulung.
Für Travail.Suisse müssen diese Fortschritte nun konkret in die öffentliche Politik einfliessen und dafür sorgen, dass viamia nicht nur ein erfolgreiches Pilotprojekt bleibt: Es muss zu einer nachhaltigen Säule für die Sicherung der beruflichen Laufbahnen in der Schweiz werden.