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Berufseinstieg im KI-Zeitalter: Chancen für junge Menschen sichern

9. Oktober 2026
Jackie Vorpe
Jackie Vorpe
Leiterin Bildungspolitik

Künstliche Intelligenz übernimmt zunehmend Aufgaben, die traditionell Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger übernommen haben. Wie können junge Menschen unter diesen Bedingungen erste Berufserfahrungen sammeln, die sie für einen dauerhaften Einstieg ins Berufsleben brauchen? Und welche Unterstützung brauchen sie für einen erfolgreichen Einstieg ins Arbeitsleben?

Junge Menschen der Generation Z (Jahrgänge 1997–2012) haben zunehmend Schwierigkeiten, auf dem Arbeitsmarkt Fuss zu fassen. Ein Grund dafür: Aufgaben, die bisher auf Einstiegsstellen erledigt wurden, können zunehmend von künstlicher Intelligenz übernommen werden. Betroffen sind alle Branchen und Bildungsstufen, besonders jedoch jene, auf die KI einen starken Einfluss hat (Kläui und Siegenthaler 2025): Informatiker:innen EFZ ebenso wie Personen mit einem Bachelor in Betriebswirtschaft oder einem Master in Rechtswissenschaften.

Veränderung der Aufgaben statt Verschwinden von Berufen

Einige Zahlen verdeutlichen das Ausmass dieser Entwicklung. Der im Sommer 2026 veröffentlichte KI-Bericht von jobs.ch beruht auf der Analyse von 7,3 Millionen Stellenanzeigen aus der Schweiz. Demnach lag der Anteil der Einstiegsstellen 2025 um 32 Prozent unter dem Durchschnitt der Jahre 2019–2022. Die Daten deuten allerdings weniger auf das Verschwinden von Berufen hin als auf die Geschwindigkeit, mit der sich Aufgaben, Erwartungen und Kompetenzprofile verändern. Laut einer Analyse der Denkfabrik einstAIn sind 28 Prozent der untersuchten Stellenprofile stark von KI betroffen. Die Automatisierung betraf lange vor allem manuelle, repetitive und routinemässige Tätigkeiten. Künstliche Intelligenz erfasst nun auch kognitive Aufgaben – darunter komplexe Tätigkeiten, die über reine Routine hinausgehen.

Junge Menschen sorgen sich um ihren Berufseinstieg

Der «Barometer Gute Arbeit» von Travail.Suisse zeigte 2025, dass rund 10 Prozent der befragten Arbeitnehmenden es für sehr wahrscheinlich hielten, dass ihre Stelle innerhalb der nächsten zehn Jahre durch digitale Technologien ersetzt wird. Travail.Suisse hielt damals fest, dass das Ausmass der Folgen des digitalen Wandels für die Arbeitnehmenden noch nicht vollständig absehbar ist. Die Auswertung der Ergebnisse für 2026, die im November vorliegen wird, dürfte hier weitere Erkenntnisse liefern.

Junge Menschen, die noch nicht auf dem Arbeitsmarkt Fuss gefasst haben, beschäftigt hingegen die Frage, ob sie überhaupt eine Stelle finden werden. Für diese Sorge setzt sich zunehmend ein neuer Begriff durch: «FOBO – Fear of Becoming Obsolete», die Angst, überflüssig zu werden. Der erwähnte Bericht von jobs.ch beschreibt damit die Unsicherheit einer Generation, die trotz guter Ausbildung und digitaler Kompetenzen nicht mehr auf einen erfolgreichen Berufseinstieg zählen kann. Laut dem Bericht befürchten 41 Prozent der unter 25-Jährigen, durch den technologischen Fortschritt beruflich an Bedeutung zu verlieren.

Algorithmische Diskriminierung bei der Einstellung

Zu den Schwierigkeiten junger Menschen ohne Berufserfahrung kommt ein weiteres Hindernis hinzu: Im Rekrutierungsprozess wird zunehmend künstliche Intelligenz eingesetzt. Junge Menschen geraten dadurch von zwei Seiten unter Druck. Einerseits fällt es ihnen schwer, Berufserfahrung zu sammeln. Andererseits kann ihnen gerade diese fehlende Erfahrung bei der KI-gestützten Prüfung ihrer Bewerbung zum Nachteil werden. Das Ergebnis: Bewerberinnen und Bewerber werden von der KI aussortiert, bevor ein Mensch ihre Bewerbung überhaupt geprüft hat.

Weiterbildung gewinnt an Bedeutung

Die veränderten Zugänge zum Arbeitsmarkt werfen eine grundsätzliche Frage auf: Was muss die Erstausbildung heute vermitteln, und was müssen wir im Laufe unseres Lebens lernen? Lebenslanges Lernen wird zwar seit Langem gefordert. KI lässt die Grenze zwischen Erstausbildung und Weiterbildung jedoch zunehmend verschwimmen. Die zu Beginn des Berufslebens erworbenen Kompetenzen reichen nicht mehr für eine ganze Laufbahn aus. Lernen wird deshalb zu einer dauerhaften Aufgabe im Berufsleben. Gleichzeitig werden berufliche Wechsel häufiger und Laufbahnen weniger geradlinig.

Welche Antworten brauchen junge Menschen?

In seiner Antwort auf eine Interpellation zur Arbeitsmarktsituation von Hochschulabsolventinnen und Hochschulabsolventen im Kontext von KI (Anfrage Alijaj 26.1010) kündigt der Bund für 2027 einen Monitoringbericht zu den Auswirkungen der Digitalisierung auf den Arbeitsmarkt an. Der Bundesrat hält zusätzliche gezielte Massnahmen derzeit nicht für notwendig. Aus Sicht von Travail.Suisse greift diese Haltung zu kurz: Die Herausforderungen beim Berufseinstieg erfordern vorausschauendes Handeln. 

Travail.Suisse sieht deshalb auf mehreren Ebenen Handlungsbedarf:

  • Die Schwierigkeiten beim Berufseinstieg ernst nehmen. Wenn junge Menschen beim Berufseinstieg mit Stigmatisierung oder Diskriminierung konfrontiert sind, kann dies zu Enttäuschung und einem Gefühl der Ausgrenzung führen. Angesichts der bereits grossen Herausforderungen für die psychische Gesundheit junger Menschen dürfen die ersten Erfahrungen mit der Arbeitswelt dieses Gefühl nicht noch verstärken.
  • Die Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung als durchgängiges Angebot über den gesamten Bildungs- und Berufsweg verankern (Interpellation Blunschy 26.4307). Insbesondere müssen junge Menschen darin unterstützt werden, ihre Laufbahn selbstständig zu planen und zu gestalten.
  • Sicherstellen, dass die Erstausbildung solide Grundlagen und überfachliche Kompetenzen vermittelt. Diese ermöglichen es, sich beruflich weiterzuentwickeln und neue Wege einzuschlagen – Fähigkeiten, die im Zeitalter der KI an Bedeutung gewinnen.
  • Mobilitätserfahrungen als Investition in die Entwicklung junger Menschen fördern. Sprachliche, interkulturelle, zwischenmenschliche und persönliche Kompetenzen – also menschliche Fähigkeiten – helfen ihnen, sich in einer durch KI veränderten Arbeitswelt zurechtzufinden und weiterzuentwickeln.
  • Junge Menschen bei Erwerbslosigkeit angemessen absichern. Die Arbeitslosenversicherung muss so reformiert werden, dass junge Menschen genügend Zeit und Unterstützung für einen erfolgreichen Berufseinstieg erhalten. Die parlamentarische Initiative Porchet 25.452, die darauf abzielte, wurde in der Herbstsession vom Nationalrat abgelehnt.
  • Bedarf an beruflicher Neuorientierung frühzeitig erkennen und präventive Weiterbildung stärken. Veränderungen in der Arbeitswelt dürfen nicht zu Brüchen im Berufsleben führen. Alle Arbeitnehmenden müssen sich rechtzeitig weiterbilden, ihre Kompetenzen aktualisieren und bei Bedarf einen Berufswechsel vorbereiten können, bevor sie vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen werden (Motion WBK-N 25.4414, mit Änderungen angenommen).

Über Travail.Suisse

Travail.Suisse ist der wichtigste unabhängige Dachverband der Arbeitnehmenden in der Schweiz, er ist parteipolitisch und konfessionell unabhängig. Travail.Suisse vertritt die Interessen der 130’000 Mitglieder seiner Mitgliedsverbände und aller Arbeitnehmenden in Politik und Öffentlichkeit. Travail.Suisse ist einer der vier nationalen Sozialpartnerdachverbände, ihm gehören zehn Mitgliedsverbände an.

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