Mehr als ein Drittel der Arbeitnehmenden in der Schweiz ist nach der Arbeit häufig oder sehr häufig zu erschöpft, um sich um private oder familiäre Angelegenheiten zu kümmern. Neue Auswertungen von Travail.Suisse zeigen: Besonders betroffen sind Arbeitnehmende im Detailhandel, Gesundheitswesen und Gastgewerbe. Die Ergebnisse machen deutlich, dass strukturelle Probleme entscheidend sind, nicht individuelle Unzulänglichkeiten. Wo Arbeitszeiten lang, die Erholung ungenügend und die Vereinbarkeit eingeschränkt sind, ist die Erschöpfung sehr hoch.
Im Rahmen der repräsentativen Befragung «Barometer Gute Arbeit» hat Travail.Suisse Arbeitnehmenden folgende Frage gestellt: «Wie häufig kommt es vor, dass Sie nach der Arbeit zu erschöpft sind, um sich noch um private oder familiäre Angelegenheiten zu kümmern?» In den Jahren 2024/2025 beantworteten 35 Prozent der Arbeitnehmenden diese Frage mit «oft bis sehr häufig». Mehr als ein Drittel ist somit regelmässig sehr erschöpft. Verglichen mit den Jahren 2021 und 2022 zeigt sich ein deutlicher Anstieg: 2021 lag der Anteil bei 31 Prozent, 2022 bei 33 Prozent. Vertiefte Auswertungen, die Travail.Suisse gemeinsam mit der Berner Fachhochschule durchgeführt hat, zeigen weitere Hintergründe auf.
Über 40 Prozent erschöpfte Arbeitnehmende im Gastgewerbe, Detailhandel und Gesundheitswesen
Mit über 40 Prozent ist der Anteil erschöpfter Arbeitnehmender in drei Branchen besonders hoch:
- Detailhandel (47%)
- Gesundheitswesen (43%) und
- Gastgewerbe (41%).
Ebenfalls überdurchschnittlich hoch ist der Anteil in der Branche «Information und Kommunikation» (38%). Dies deutet darauf hin, dass nicht allgemeine gesellschaftliche Faktoren entscheidend sind für einen hohen Anteil erschöpfter Arbeitnehmender. Dafür ist der Unterschied zwischen der Branche mit dem niedrigsten Anteil und der Branche mit dem höchsten Anteil an erschöpften Arbeitnehmenden mit 20 Prozentpunkten schlichtweg zu hoch. Es müssen zu einem wesentlichen Teil branchenspezifische Faktoren ausschlaggebend sein.
Frauen sind erschöpfter – aber entscheidend ist nicht das Geschlecht
Besonders hoch ist der Anteil erschöpfter Arbeitnehmender bei Arbeitnehmenden mit tiefen und mittleren Einkommen. Zudem sind Frauen (38%) deutlich häufiger erschöpft als Männer (31%). Allerdings zeigt sich dieser Unterschied je nach Branche sehr unterschiedlich. Die drei Branchen mit dem höchsten Anteil erschöpfter Arbeitnehmender – Gesundheitswesen, Detailhandel und Gastgewerbe – weisen alle einen hohen Anteil Frauen auf. Allerdings bestehen hinsichtlich der Geschlechterunterschiede je nach Branche beträchtliche Unterschiede. So ist etwa im Gesundheitswesen der Anteil erschöpfter Arbeitnehmender bei Frauen und Männern mit je 43% genau gleich hoch. Dies spricht entweder dafür, dass Frauen und Männer ähnliche Tätigkeiten ausüben oder dass die Arbeitsbedingungen unabhängig vom Geschlecht problematisch sind. Ein anderes Bild zeigt sich im Detailhandel. Zwar ist der Anteil erschöpfter Arbeitnehmender sowohl bei Frauen (50%) als auch bei Männern (40%) deutlich überdurchschnittlich. Die Arbeitsbedingungen sind in dieser Branche somit unabhängig vom Geschlecht problematisch, die negativen Auswirkungen treffen Frauen aber deutlich stärker. Denkbar ist beispielsweise, dass Frauen einen höheren Preis für die Folgen der eingeschränkten Vereinbarkeit bezahlen, weil sie mehr familiäre Verantwortung tragen. Auch im Gastgewerbe führen die Arbeitsbedingungen überdurchschnittlich häufig zur Erschöpfung (41%). Dabei sind Männer (44%) aber deutlich häufiger erschöpft als Frauen (38%). Entscheidend dürfte somit nicht das Geschlecht an und für sich sein, sondern die spezifischen Arbeitsbedingungen in einer Branche sowie ausserberufliche Verantwortungen, vor allem familiäre Verpflichtungen.
Erschöpfende Arbeitsbedingungen
Die Daten von Travail.Suisse zeigen einen klaren Zusammenhang zwischen bestimmten Arbeitsbedingungen und der Erschöpfung von Arbeitnehmenden. Besonders auffällig ist die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben: Von den Arbeitnehmenden, die ihre Arbeit nicht oder nur schlecht mit familiären Verpflichtungen und ihrem Privatleben vereinbaren können, sind 69 Prozent häufig oder sehr häufig erschöpft.
Ein weiterer zentraler Faktor ist die Erholung von der Arbeit. Von den Arbeitnehmenden, die oft oder sehr häufig nicht genügend Zeit haben, um sich von der Arbeit zu erholen, sind 63 Prozent erschöpft. Dieses Ergebnis ist wenig überraschend, zeigt aber, wie wichtig Ruhezeiten für die Gesundheit der Arbeitnehmenden sind.
Auch andere belastende Arbeitsbedingungen gehen mit einem erhöhten Anteil erschöpfter Arbeitnehmender einher. So sind erschöpft:
- 53 Prozent derjenigen, die oft oder sehr häufig in ihrer Freizeit arbeiten,
- 51 Prozent derjenigen, die oft oder sehr häufig überlange Arbeitstage von mehr als zehn Stunden leisten,
- 50 Prozent derjenigen, die oft oder sehr häufig Pausen verkürzen oder ganz ausfallen lassen,
- 50 Prozent derjenigen, die oft oder sehr häufig nicht rechtzeitig über Entscheidungen und Veränderungen im Betrieb informiert werden,
- 47 Prozent derjenigen, die oft oder sehr häufig unter Termindruck arbeiten,
- 45 Prozent derjenigen, die keinen oder nur geringen Einfluss auf die Gestaltung ihrer Arbeitszeiten haben,
- 44 Prozent derjenigen, die oft oder sehr häufig Überstunden leisten.
Diese Ergebnisse verdeutlichen, dass Arbeitnehmende nicht gleichmässig erschöpft sind, sondern dass bestimmte Arbeitsbedingungen und spezifische Konstellationen von Arbeitsbedingungen zu sehr problematischen Situationen führen, die einer grossen Erschöpfung der Arbeitnehmende führen.
Detailhandel und Gesundheitswesen im Fokus des Parlaments
Derzeit stehen im Bereich des Arbeitsgesetzes der Detailhandel und das Gesundheitswesen im Fokus – also jene Branchen mit den höchsten Anteilen erschöpfter Arbeitnehmender. Während im Detailhandel die Sonntagsarbeit ausgedehnt werden soll, hat es der Nationalrat bei der Umsetzung der 2. Etappe der Pflegeinitiative trotz des klaren Volksauftrags verpasst, die Arbeitsbedingungen spürbar zu verbessern. Damit bleiben die Interessen der Arbeitnehmenden im Parlament erneut ohne Gehör. Es bleibt zu hoffen, dass wenigstens in den Verhandlungen für einen neuen Gesamtarbeitsvertrag im Gastgewerbe Fortschritte für die Arbeitnehmenden erzielt werden können.