Die Schweiz ist überdurchschnittlich stark vom Klimawandel betroffen. Sie hat jedoch die Möglichkeit, sich bis zu einem gewissen Grad, an die Veränderungen anzupassen und ihre Bevölkerung zu schützen. Dafür muss sie in den kommenden Jahren und Jahrzehnten grosse Investitionen in den Schutz vor den Folgen der Klimaveränderung und in technologische Innovationen tätigen. Eine öffentliche Finanzierung vieler dieser notwendigen Investitionen ist dabei nicht nur die günstigste Möglichkeit, die Schulden gegenüber jungen und zukünftigen Generationen zu reduzieren. Sie bietet Arbeitnehmenden, aber auch Industrie und Gewerbe beträchtliche Chancen. Deshalb braucht es am 8. März ein Ja zum Klimafonds.
Die Schweiz ist weit stärker vom weltweiten Temperaturanstieg durch den Klimawandel betroffen als die meisten anderen Länder. Verglichen mit der Zeit vor der Industrialisierung liegt die Temperatur in der Schweiz inzwischen um 3 Grad höher. Weltweit beträgt der Anstieg 1,3 Grad. Die direkten Folgen davon sind einschneidend. Es regnet weniger, dafür umso stärker, Trockenheit und Hitze nehmen im Sommer stark zu und die Nullgradgrenze steigt in den Wintermonaten deutlich an. Dadurch scheint es in tieferen Lagen deutlich seltener. Diese heute bereits sichtbaren Entwicklungen werden sich in den kommenden Jahren noch verstärken.
Klimawandel trifft Arbeitnehmende
Klimatische Veränderungen betreffen Arbeitnehmende teilweise sehr direkt. Konkrete Folgen sind etwa wachsende und teilweise lebensbedrohliche Gesundheitsrisiken bei der Arbeit, ein erzwungener Strukturwandel oder eine sinkende Kaufkraft durch höhere Preise.
- Lebensbedrohliche Gesundheitsrisiken: Davon betroffen sind etwa Berufe im Bauhaupt- und Baunebengewerbe, insbesondere als Folge vermehrter Hitzetage. Gemäss aktuellen Prognosen dürfte der heisseste Tag in der Schweiz bei einem globalen Temperaturanstieg von drei Grad um etwa 4,4 Grad heisser sein als heute. Statt wie im Juni 2025 in Aarau mit 33,4 Grad oder in Visp mit 34,5, wären es dann 38 beziehungsweise 39 Grad. Die Folge davon ist ein starker Anstieg von teilweise lebensbedrohlichen gesundheitlichen Risiken, wie Hitzschläge oder Hitzeerschöpfungen. Hinzu kommt eine Zunahme von Unfällen durch Übermüdung und Unkonzentriertheit. Die Suva stellt beispielsweise an Tagen mit Temperaturen über 30 Grad eine Zunahme der Unfälle um 7 Prozent fest. Sie empfiehlt aus diesem Grund bereits heute, sehr schwere Arbeiten bereits ab 33 Grad auf das absolute Minimum zu reduzieren. Vom Anstieg der Hitzetage stark betroffen sind zudem Rentnerinnen und Rentner. [1] Auch andere Gesundheitsrisiken dürften mit der Klimaveränderung zunehmen, beispielsweise Infektionskrankheiten oder gefährliche Luftschadstoffe. [2]
- Erzwungener Strukturwandel: Mit den höheren Temperaturen verschiebt sich auch die Schneefallgrenze. Bei einem globalen Temperaturanstieg um 1,5 Grad erhöht sie sich in der Schweiz um etwa 190 Meter im Vergleich zur Zeit zwischen 1991 und 2020, bei einem Anstieg um 3 Grad um 550 Meter. Für Wintersportorte führt diese Veränderung zu einem erzwungenen Strukturwandel. In der Schweiz sind zwischen 50‘000 und 80‘000 Arbeitnehmende im Wintertourismus beschäftigt. Die steigende Schneegrenze führt dazu, dass neue Geschäftsfelder gefunden werden müssen. Dafür sind unter Umständen bedeutende Investitionen notwendig. Für die Arbeitnehmenden verändern sich die Berufe, in denen sie tätig sein können. Hinzu kommt, dass Extremwetterereignisse zunehmen und sich die Risiken in Berggebieten durch das Auftauen des Permafrostes stark erhöhen. Auch in anderen Branchen wird als Folge der Klimaveränderung, aber auch aufgrund der daraus folgenden von technologischen Anpassungen, ein Strukturwandel stattfinden.
- Steigende Preise: Die erschwerten Bedingungen etwa bei der Produktion von Lebensmitteln dürften auch zu höheren Preisen führen. Etwa die Hälfte des in der Schweiz konsumierten Gemüses wird beispielsweise aus Spanien und Italien importiert. In beiden Ländern werden in den kommenden Jahren aufgrund der zunehmenden Trockenheit und von Extremwetterereignissen massive Ernteausfälle erwartet. In der Folge werden auch in der Schweiz die Preise steigen. Dies ist allerdings nur eines von vielen Beispielen, die zeigen, wie sich die Klimaveränderung negativ auf die Kaufkraft von Arbeitnehmenden auswirken wird.
Die Schweiz ist diesen klimatischen Veränderungen nicht ohnmächtig ausgeliefert. Sie kann sich – im wahrsten Sinn des Wortes – bis zu einem gewissen Grad an die Veränderungen anpassen. Exemplarisch zeigt sich dies etwa beim Schutz von älteren Personen vor der zunehmenden Hitze. Mit entsprechenden Anpassungsmassnahmen können die negativen Folgen der Klimaveränderung zumindest aktuell noch reduziert werden. Dies erfordert aber entsprechende Investitionen in Schutzmassnahmen, in die Aus- und Weiterbildung bzw. Umschulung von Arbeitnehmende, und in die Entwicklung neuer Technologien und Produktionsformen. Letztere sind entscheidend dafür, dass das Ausmass des Klimawandels nicht Kipppunkte überschreitet, die zu unkontrollierbaren Situationen führen. Die entscheidende Frage ist deshalb nicht ob, sondern wer diese Investitionen finanziert und tätigt.
Schulden – eine absurde Diskussion
Die Gegner des Klimafonds, über den die Bevölkerung am 8. März abstimmt, argumentieren, dass der Fonds zu neuen Schulden führen würde. Zukünftige Generationen müssten für diese Schulden aufkommen. Angesichts der gewaltigen Herausforderungen, zu welchen die klimatischen Veränderungen führen werden, ist diese Argumentation absurd. Die grössten Schulden gegenüber jungen und zukünftigen Generationen entstehen durch Nichthandeln. Nichthandeln führt zu einer geschwächten Infrastruktur, bedeutenden Risiken für die Gesundheit von Arbeitnehmenden und Rentner:innen, zu fehlenden Mitteln für die Aus- und Weiterbildung von Arbeitnehmenden, zu fehlenden Schutzmassnahmen etwa in den Bergen und dadurch zu einem vermehrten Heimatverlust. Wenn die Klimaerwärmung zudem nicht gestoppt werden kann, werden wir ab einem gewissen Ausmass Kipppunkte überschreiten, welche zu unumkehrbaren und unkontrollierbaren Veränderungen des Klimas und für die Menschheit führen.
Die Schweizerische Eidgenossenschaft bezahlt aktuell auf ihre Schulden einen Zinssatz von etwa 0,3 Prozent für eine 10-jährige Anleihe. Das sind 30 Rappen auf 100 Franken. Diesen Zinssatz zahlt sie beispielsweise an Pensionskassen oder andere überwiegend inländische Anleger. Ein wesentlicher Teil davon finanziert somit direkt die Altersvorsorge. Ein Zinssatz von 0,3 Prozent ist unglaublich tief. In den USA beträgt der Zinssatz auf 10-jährige Anleihen beispielsweise 4 Prozent. Die Schweiz hat deshalb bei den öffentlichen Finanzen ein exorbitantes Zinsprivileg. Damit sich eine Investition, die durch die öffentliche Hand finanziert wird, wirtschaftlich lohnt, ist folglich nur ein sehr tiefer finanzieller Ertrag nötig. Dies im Gegensatz zur Aufnahme eines Kredites durch Private, seien es Haushalte oder Unternehmen. Eine 10-jährige Festhypothek kostet einen Haushalt in der Schweiz aktuell beispielsweise das Vier- bis Fünffache. Auch ein Unternehmen bezahlt für einen Kredit in der Regel deutlich mehr als 0,3 Prozent Zins, sofern es überhaupt einen Kredit erhält. Damit gibt es ein wichtiges ökonomisches Argument für den Klimafonds. Er ermöglicht die ohnehin notwendigen Investitionen zum tiefstmöglichen Preis.
Es braucht eine öffentliche Finanzierung – die Rolle von Unsicherheit und Innovation
Der neue Klimafonds würde Investitionen finanzieren. Die Frage ist, ob die öffentliche Hand dieses Geld auch am richtigen Ort finanziert oder ob Private dies nicht besser könnten.
Aufgrund der klimatischen Veränderungen sind in den kommenden Jahren und Jahrzehnten Investitionen in folgenden Bereichen notwendig:
- Infrastruktur: Dazu zählen etwa Investitionen in den Bereichen Schiene, Strassen oder in die Gefahrenvorsorge in den Bergen. Hier dürfte es weniger umstritten sein, dass eine öffentliche Finanzierung notwendig ist. Für grössere Investitionen fehlen Gemeinden und Kantonen häufig die ausreichenden Mittel. Private werden diese Investitionen zudem schlicht nicht tätigen, da der Ertrag öffentlich und nicht privat ist. Private Unternehmen werden die Infrastruktur aber gerne bauen. Jeder Bauunternehmer der deshalb gegen den Klimafonds stimmt, rechnet nicht.
- Gebäude, Ladestationen, Energieversorgung: Da die Nachfrage nach Energie in den kommenden Jahren stark steigen dürfte, wird eine effizientere und höhere Stromproduktion, sowie eine Speicherung durch die Haushalte notwendig sein. Eine Mitfinanzierung durch die öffentliche Hand liegt im allgemeinen Interesse und wird ohne Unterstützung der Haushalte nicht funktionieren. Dies nur schon deshalb, weil die meisten Schweizerinnen und Schweizer in einer Mietwohnung leben, bei der sie keinen Einfluss auf die Stromversorgung im Haushalt haben. Gleiches gilt für die Förderung eines Netzes an Ladestationen für die Elektromobilität. Auch dieses wird aufgrund von Unsicherheit, die teilweise selber von der Politik geschaffen wird, nicht ohne öffentliche Investitionen entstehen. Gebäudetechnik? Private Energieversorgung? Ladestationen? Das müsste viele Gewerbler hellhörig machen, denn diese Ausgaben des Fonds sind die Einnahmen eines Gewerblers. Dumm nur, dass Ideologie den Gewerbeverband blind macht.
- Forschung, Entwicklung, Innovation: Europa ist bei verschiedenen technologischen Innovationen ins Hintertreffen geraten. Sowohl China als auch die USA haben sich durch sehr umfangreiche öffentliche Investitionen einen bedeutenden technologischen Vorsprung erarbeitet. Ohne Produktivitätsvorsprung, bei höheren Kosten und der Möglichkeit einzelner Ländern, fast nach Belieben Exportüberschüsse zu erzielen, ist Freihandel – diplomatisch ausgedrückt – immer eine sehr riskante Antwort. Für die Schweiz werden deshalb in den kommenden Forschung, Entwicklung und Innovation entscheidend sein. Wer sich die Finanzierung der wichtigsten medizinischen und technologischen Entwicklungen in den letzten zwei Jahrzehnten genauer anschaut, weiss, dass öffentliche Investitionen in den USA oder China dafür entscheidend waren. [3] Der Klimafonds eröffnet in dieser Hinsicht der Schweiz und vor allem ihrer Industrie eine gewaltige Chance, die sie nicht verpassen darf.
- Gesundheitsschutz: Es gibt ein grosses Interesse am Schutz der öffentlichen Gesundheit. Dies gilt sowohl für die Gesundheit des Strassenbauers wie auch für diejenige der Rentnerin. Denn die Gesundheitskosten steigen stetig und werden von der Bevölkerung bezahlt. Prävention ist gerade bei Arbeitnehmenden in der Regel deutlich günstiger als Nachsorge. Auch in dieser Hinsicht spricht vieles dafür, dass der Schutz der Bevölkerung günstiger mit öffentlichen Investitionen finanziert werden kann.
- Aus- und Weiterbildung: Der Klimawandel wird in verschiedenen Branchen einen bedeutenden erzwungenen Strukturwandel nach sich ziehen. Arbeitnehmende werden die Branche wechseln und sich beruflich neu orientieren müssen. Es besteht ein öffentliches Interesse daran, dass alle Arbeitnehmenden einen angemessenen Platz in der Arbeitswelt einnehmen können. Dafür braucht es nicht nur Investitionen in Anlagen, sondern vor allem auch in die Qualifikationen von Menschen. Es ist eine der Stärken der Klimafonds-Initiative, dass sie eine Finanzierung von Aus- und Weiterbildungsmassnahmen, sowie von Einkommensausfällen während der Ausbildungszeit für Arbeitnehmende vorsieht.
Ein Klimafonds stellt für die Schweiz deshalb eine gewaltige Chance dar. Diese geht weit über die notwendigen Schutz- und Anpassungsmassnahmen als Folge des Klimawandels. Er ermöglicht vielmehr Innovationen, die auch in wirtschaftlicher Hinsicht für die kommenden Jahrzehnte entscheidend sein können.
[1] Ragettli M., A. Luyten, M. Röösli (2025): «Monitoring hitzebedingte Todesfälle: Sommer 2024», Impact-Indikator «Hitzebedingte Todesfälle» 1980-2024. Juni 2025. Im Auftrag des BAFU und BAG.
[2] Chen K., Vicedo-Cabrera A., Dubrow R. (2020) : « Projections of Ambient Temperature – and Air Pollution – Related Mortality Burden Under Combined Climate Change and Population Ageing Scenarios : a Review », Current Environmental Health Reports, Vol. 7, Nr. 3, S. 243-255.
[3] Mazzucato M. (2018): “The entrepreneurial state – Debunking Public vs. Private Sector myths », 10th anniversary edition, Grossbritannien.