Viele Menschen – mehrheitlich Frauen – haben grosse Schwierigkeiten, nach mehreren Jahren Unterbruch wieder eine Stelle zu finden, die ihrer früheren Tätigkeit entspricht. Der Nationalrat hat sich nun von einem Vorschlag von Giorgio Fonio, Vizepräsident von Travail.Suisse, überzeugen lassen: Im April nahm er eine Motion an, die ein spezielles Programm der Arbeitslosenversicherung für Personen schaffen will, die nach längerer Erwerbsunterbrechung wieder in den Arbeitsmarkt einsteigen möchten. Damit greift das Parlament eine zentrale Forderung auf, die Travail.Suisse bereits 2024 im Rahmen einer umfassenden Untersuchung zum Thema formuliert hatte.
Das von Giorgio Fonio vorgeschlagene Programm «Supported Re-Entry» orientiert sich am bestehenden Programm «Supported Employment» für Personen über 50 Jahre. Wie dieses soll auch das neue Angebot über die Arbeitslosenversicherung finanziert werden – also ohne zusätzliche öffentliche Mittel. Voraussetzung ist allerdings noch die Zustimmung des Ständerats. Das kostenlose oder kostengünstige Programm soll auf die besonderen Bedürfnisse von Wiedereinsteiger:innen zugeschnitten sein und insbesondere ein mehrmonatiges Coaching anbieten. Denkbar ist auch eine finanzielle Unterstützung für Arbeitgebende, die in die berufliche Wiedereingliederung investieren.Ein solches Angebot entspricht zudem den Zielen der Strategie der öffentlichen Arbeitsvermittlung 2030, welche die Ausgleichsstelle der Arbeitslosenversicherung definiert hat.
Wiedereinsteiger:innen sind mehrheitlich Frauen
Im Juni 2024 veröffentlichte Travail.Suisse eine umfassende Studie zum Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt. Darin wurde nicht nur das Ausmass des Problems aufgezeigt, sondern auch zehn konkrete Forderungen formuliert.
Als Wiedereinsteiger:innen gelten Personen,
- die aus familiären Gründen – etwa wegen Betreuungsaufgaben – ihre Erwerbstätigkeit aufgegeben haben,
- die über eine abgeschlossene Ausbildung und Berufserfahrung in der Schweiz verfügen,
- die seit mehreren Jahren nicht mehr berufstätig sind,
- und die derzeit weder eine Stelle noch einen Arbeitsvertrag in Aussicht haben.
Die Gruppe ist zwar sehr divers, weist aber gemeinsame Merkmale auf: Es handelt sich überwiegend um Frauen, die ihre Berufstätigkeit während fünf bis zehn Jahren unterbrochen haben. Ihr berufliches Netzwerk ist oft eingeschränkt und hilft bei der Stellensuche nur wenig weiter. Viele Betroffene sind hoch motiviert, gleichzeitig aber verunsichert und wenig selbstbewusst. Zudem fehlt häufig aktuelles Wissen über den Arbeitsmarkt, Bewerbungsprozesse und Weiterbildungsmöglichkeiten, weil sich diese in den letzten Jahren stark verändert haben. Hinzu kommt: Wiedereinsteiger:innen sind als Zielgruppe schwer erreichbar. Staatliche und private Beratungsangebote spielen deshalb eine zentrale Rolle.
Der Ausstieg aus dem Erwerbsleben ist oft nicht freiwillig
Unter den rund 400’000 Nichterwerbstätigen zwischen 25 und 64 Jahren gibt es viele Personen, die gerne arbeiten würden, aber den Wiedereinstieg nicht schaffen. Die Gründe für längere Erwerbsunterbrüche sind vielfältig, häufig stehen jedoch familiäre Verpflichtungen im Vordergrund. 2022 gaben 55,2 Prozent der Frauen zwischen 25 und 39 Jahren an, die den Arbeitsmarkt verlassen haben, haben dies «aus familiären Gründen» getan. Bei den Männern lag dieser Anteil bei lediglich 6,7 Prozent. Diese Zahlen der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung des Bundesamts für Statistik zeigen allerdings nicht, unter welchen Bedingungen diese Entscheidungen getroffen wurden.
Eine Studie des Büro BASS aus dem Jahr 2018 zeigt, dass zwischen 11 und 15 Prozent der Frauen nach der Geburt ihres Kindes nicht an ihren Arbeitsplatz zurückkehren konnten, obwohl sie dies eigentlich wollten. Hochgerechnet auf die rund 82’000 Geburten im Jahr 2022 bedeutet dies, dass zwischen 9’000 und 12’000 Frauen nach dem Mutterschaftsurlaub aus externen Gründen am Wiedereinstieg gehindert wurden. Oft sind die Arbeitsbedingungen nicht mit der neuen Familiensituation vereinbar, teilweise üben Arbeitgebende Druck aus, damit Arbeitnehmerinnen ihren Arbeitsplatz nach Ablauf des Kündigungsschutzes verlassen. Hinzu kommen fehlende oder zu teure Betreuungsangebote. Der Unterschied zwischen Frauen und Männern ist dabei deutlich: Frauen möchten wesentlich häufiger ihr Erwerbspensum erhöhen und haben deutlich grössere Schwierigkeiten, nach einer familienbedingten Unterbrechung wieder ins Berufsleben einzusteigen.
Ein Bundesratsbericht ohne konkrete Lösungen
Der Entscheid des Nationalrats zur Motion Fonio ist deshalb zu begrüssen. Denn der Bundesrat ging in seinem Bericht zum Postulat von Sibel Arslan aus dem Jahr 2023 kaum auf die spezifischen Bedürfnisse von Wiedereinsteiger:innen ein. Im Mittelpunkt standen vielmehr die Bedürfnisse der Unternehmen und der Wirtschaft, die das Arbeitskräftepotenzial von Frauen mit Kindern besser nutzen wollen. Zudem weist der Bericht mehrere Schwächen auf: Er basierte ausschliesslich auf einer Online-Umfrage, Gewerkschaften und Berufsverbände waren bei der Auswahl der Fachpersonen nicht vertreten, qualitative Interviews mit Betroffenen fehlten, und die arbeitsmarktlichen Massnahmen der regionalen Arbeitsvermittlungszentren wurden kaum berücksichtigt. Obwohl die Begleitgruppe des Berichts zahlreiche Kritikpunkte äusserte, fanden diese im Schlussbericht kaum Eingang. Damit blieb der Bundesrat konkrete Antworten schuldig. Keine der im Postulat erwähnten Massnahmen wurde vertieft geprüft, und eine umfassende Strategie für den Wiedereinstieg fehlt bis heute.
Beratungsangebote wurden abgebaut
Erschwerend kommt hinzu, dass in den Jahren vor der Veröffentlichung des Berichts Sparmassnahmen beim Bund dazu führten, dass rund die Hälfte der Beratungsstellen für Frauen geschlossen wurde. Gerade diese Stellen boten jedoch wichtige Unterstützung beim beruflichen Wiedereinstieg. Begründet wurde der Abbau damit, dass die kantonalen Berufs-, Studien- und Laufbahnberatungen (BSLB) bereits ähnliche Angebote bereitstellen würden. In der Praxis zeigt sich jedoch, dass diese Angebote oft nicht auf Wiedereinsteiger:innen zugeschnitten sind.
So ist die Beratung teilweise kostenpflichtig, und spezifische Angebote für den Wiedereinstieg fehlen vielerorts. Zudem richten sich die BSLB primär an junge Menschen unter 30 Jahren. Die berufliche Wiedereingliederung macht dagegen nur rund fünf Prozent der beratenen Personen aus – häufig Menschen über 45 Jahre.
Auch das Programm «viamia», das Personen über 40 Jahren ohne Zugang zu Angeboten der Arbeitslosenversicherung kostenlose Standortbestimmungen und Beratungen ermöglicht, wird künftig nicht mehr vom Bund finanziert. Die Verantwortung liegt nun bei den Kantonen, von denen die meisten die Finanzierung nicht übernommen haben.
Ein Programm, das auf die Bedürfnisse der Betroffenen eingeht
Beratung spielt beim Wiedereinstieg nach einer längeren familiär bedingten Erwerbsunterbruch eine entscheidende Rolle. Dabei geht es nicht nur um Informationen zum Arbeitsmarkt oder zu Weiterbildungsmöglichkeiten, sondern auch um die Stärkung des Selbstvertrauens und um Unterstützung bei einer möglichen beruflichen Neuorientierung. Notwendig ist eine langfristige Begleitung, die auch beim Wiederaufbau eines beruflichen Netzwerks hilft und Unterstützung bei Bewerbungsdossiers oder Vorstellungsgesprächen bietet. Gleichzeitig müssen die organisatorischen und finanziellen Herausforderungen der Betroffenen berücksichtigt werden. Ein Programm zur Unterstützung von Wiedereinsteiger:innen muss deshalb niederschwellig sein, auf unterschiedliche Bedürfnisse eingehen und eine mehrmonatige Begleitung ermöglichen.
Wichtig ist zudem, dass Wiedereinsteiger:innen gleich behandelt werden wie andere neu arbeitslose Personen – auch dann, wenn sie keine Arbeitslosenentschädigung beziehen. Genau dieses Ziel verfolgt das Programm «Supported Re-Entry», das der Nationalrat verabschiedet hat. Travail.Suisse hofft nun, dass auch der Ständerat dem Vorschlag zustimmt. Der Handlungsbedarf ist gross – nicht nur wegen des anhaltenden Arbeitskräftemangels, sondern auch, weil viele Familien heute auf zwei Einkommen angewiesen sind.