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Nahtstellenbarometer 2026: Erfolgreiche Bildungswege brauchen eine attraktive Berufsbildung

29. Juni 2026
Jackie Vorpe
Jackie Vorpe
Leiterin Bildungspolitik

Der neuste Nahtstellenbarometer zeigt, dass der Übergang von der obligatorischen Schulzeit in die Sekundarstufe II in der Schweiz insgesamt weiterhin erfolgreich verläuft. Doch der Rückgang der Zahl der Jugendlichen, die eine zufriedenstellende Lösung gefunden haben, sowie der Rückgang des Anteils der Lehrbetriebe machen deutlich, dass die Verfügbarkeit von Plätzen allein nicht mehr ausreicht, um erfolgreiche Bildungswege zu gewährleisten. Für Travail.Suisse gilt es, den Fokus auf die Qualität der Übergänge zu legen, die Berufsberatung zu stärken und die Attraktivität der Lehrbetriebe zu fördern, um mehr Jugendliche den direkt Zugang zu einer Ausbildung erhalten, die ihren Wünschen und Fähigkeiten entspricht.

Insgesamt geben 57 Prozent der befragten 15- bis 17-jährigen Jugendlichen an, eine für sie passende Lösung für die Zeit nach den Sommerferien gefunden zu haben. Im Vergleich zu den Vorjahren ist diese Zahl rückläufig (2025: 60 %, 2024: 64 %, 2023: 63 %). Diese Entwicklung verdient besondere Beachtung: Das System funktioniert zwar weiterhin insgesamt gut, doch ein wachsender Anteil der Jugendlichen scheint nicht sofort Zugang zur gewünschten Lösung zu finden. Gleichzeitig ziehen 11 Prozent der Jugendlichen ein Zwischenjahr und 14 Prozent ein Brückenangebot in Betracht. Während ein Zwischenjahr in der Regel einer persönlichen Entscheidung entspricht, um Erfahrungen zu sammeln, einen Sprachaufenthalt zu absolvieren oder sich Zeit für den weiteren Werdegang zu nehmen, dienen Brückenangebot dazu, den Zugang zu einer Ausbildung vorzubereiten, wenn noch keine Lösung gefunden wurde. Der Hauptgrund für die Wahl eines Brückenangebots ist nach wie vor das Fehlen einer Lehrstelle (34 %). Der zweitwichtigste Grund ist der Wunsch, die schulischen Leistungen zu verbessern oder Rückstände aufzuholen.

 

Der Lehrstellenmarkt bleibt stabil – doch immer weniger Betriebe bilden aus

Der Anteil der Unternehmen, die Lehrstellen anbieten, sinkt auf 53 % – gegenüber 57 % in den Jahren 2023 und 2024. Innerhalb von zehn Jahren haben damit mehr als 6’000 Unternehmen die Ausbildung von Lernenden eingestellt, was etwa einem von zehn Unternehmen entspricht. Als Gründe für den Rückgang der Anzahl angebotener Lehrstellen nannten sie insbesondere interne Umstrukturierungen sowie die als unzureichend erachteten Qualifikationen eines Teils der Jugendlichen, die die obligatorische Schule verlassen. Der im März veröffentlichte Bildungsbericht Schweiz 2026 wies darauf hin, dass das Niveau in Sprache und Mathematik zwischen 2012 und 2022 um das Äquivalent eines ganzen Schuljahres gesunken ist.

Die Mehrheit der angebotenen Lehrstellen konzentriert sich wie in den Vorjahren auf die Handelsbranche, das Gesundheits- und Sozialwesen sowie Baugewerbe. Die Struktur des Angebots ist nach wie vor stark auf Ausbildungen mit eidgenössischem Fähigkeitszeugnis (EFZ) ausgerichtet: 91% gegenüber lediglich 8%, die zu einem eidgenössischen Berufsattest (EBA) führen. Dieser geringe Anteil ist bemerkenswert, zumal viele EBA-Ausbildungswege nach einem Brückenangebot oder nach dem Abbruch einer EFZ-Ausbildung eingeschlagen werden und für manche Jugendliche einen wichtigen Weg zu einer Qualifikation der Sekundarstufe II darstellen. Die Unternehmen erhielten im Schnitt 11 Bewerbungen auf eine Lehrstelle.

Die Unternehmen weisen zudem darauf hin, dass der Erfolg in einer Lehre nicht nur vom Interesse am Beruf abhängt, sondern auch von überfachlichen Kompetenzen. Motivation und Lernbereitschaft bleiben die ausschlaggebendsten Kriterien, gefolgt von sozialen Kompetenzen – insbesondere einem angenehmen Auftreten und guten Umgangsformen. Selbstständigkeit und Selbstorganisation hingegen werden häufig als unzureichend bewertet.

 

Die Berufsbildung bleibt attraktiv – muss aber weiter gestärkt werden

Nur 36 Prozent der Jugendlichen teilen die Ansicht, dass eine Berufsausbildung weniger angesehen sei als ein gymnasialer Bildungsweg. Diese positive Wahrnehmung zeigt, dass die Berufsausbildung bei den Jugendlichen nach wie vor eine hohe Akzeptanz geniesst. Schnuppertage spielen weiterhin eine zentrale Rolle bei der Berufswahl: 95 Prozent der an einer Berufsausbildung interessierten Jugendlichen konnten einen oder mehrere Schnuppertage absolvieren, was erfreulich ist. Das Interesse an bestimmten Berufen nimmt weiter zu. Die Lehre als Fachfrau:mann Gesundheit ist von 6% im Jahr 2018 auf heute 10% gestiegen. Auch die sozialpädagogischen Berufe gewinnen an Attraktivität. 

Schliesslich bestätigt die Berufsmaturität ihre strategische Bedeutung: Unter den Jugendlichen, die eine duale Berufsausbildung anstreben, möchten 27% zusätzlich eine Berufsmaturität erwerben. Dabei sind die regionalen Unterschiede nach wie vor ausgeprägt (Deutschschweiz: 26%, Westschweiz: 32%, Tessin: 51%). Mehr als die Hälfte der Lehrbetriebe (56%) bietet diese Möglichkeit heute während der Lehre an.

 

Erfolgreiche Übergänge brauchen eine starke Berufsberatung

Für Travail.Suisse zeigen diese Ergebnisse, dass die Herausforderung nicht mehr nur darin besteht, genügend Lehrstellen anzubieten. Es geht darum, mehr Jugendlichen den direkten Zugang zu einer Ausbildung zu ermöglichen, die ihren Wünschen und Fähigkeiten entspricht, Übergänge zu unterstützen und die Attraktivität der Lehrbetriebe sowie die Qualität der Berufsbildung weiter zu stärken.

In diesem Zusammenhang ist die Berufsberatung ein entscheidender Faktor. Eine qualitativ hochwertige Berufsberatung, die früh genug zugänglich ist und die Jugendlichen während des gesamten Entscheidungsprozesses begleitet wird, ermöglicht es, die Übereinstimmung zwischen ihren Erwartungen und den angebotenen Möglichkeiten zu verbessern. Zudem wird der erzwungene Rückgriff auf Brückenangebote reduziert, die Zufriedenheit mit den Ausbildungswegen steigt und spätere Lehrabbrüche werden verhindert.

Die Ergebnisse zeigen zudem, dass der Erfolg einer Lehre nicht allein von fachlichen Kompetenzen oder dem Interesse an einem Beruf abhängt. Überfachliche Kompetenzen wie Motivation, Selbstständigkeit, Organisationsfähigkeit und soziale Kompetenzen spielen eine wesentliche Rolle für den Zugang zur Ausbildung und den Erfolg darin. Dies unterstreicht auch die Bedeutung der Allgemeinbildung, die zur Entwicklung dieser Kompetenzen beiträgt und die Jugendlichen darauf vorbereitet, sich in einer sich ständig wandelnden Arbeitswelt zurechtzufinden.

 

Weitere Informationen:
Link zum Nahtstellenbarometer: https://cockpit.gfsbern.ch/de/cockpit/nahtstellenbarometer-2026/ 


Über Travail.Suisse

Travail.Suisse ist der wichtigste unabhängige Dachverband der Arbeitnehmenden in der Schweiz, er ist parteipolitisch und konfessionell unabhängig. Travail.Suisse vertritt die Interessen der 130’000 Mitglieder seiner Mitgliedsverbände und aller Arbeitnehmenden in Politik und Öffentlichkeit. Travail.Suisse ist einer der vier nationalen Sozialpartnerdachverbände, ihm gehören zehn Mitgliedsverbände an.

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