Themen – Sozialpolitik – Berufliche Vorsorge

Reform der Altersvorsorge: Eckpunkte aus Sicht der Arbeitnehmendenverbände Travail.Suisse und KV Schweiz

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23. Mai 2013, Matthias Kuert Killer, Leiter Sozialpolitik und Martin Flügel, Präsident Drucker-icon

Renten garantieren – Finanzierung sichern

Die Säulen der Altersvorsorge sind stabil. Und die heutigen Leistungen sind auch künftig finanzierbar. Für die Bewältigung des demografischen Buckels braucht es jedoch eine moderate Zusatzfinanzierung. Der beste Weg zu einer sicheren Finanzierung führt für Travail.Suisse und den KV Schweiz über einen Finanzierungsautomatismus. Beim Rentenniveau besteht hingegen kein Spielraum nach unten, da der Verfassungsauftrag bereits heute nur knapp erfüllt ist. mehr

Die Altersvorsorge bleibt auch in Zukunft im heutigen Umfang finanzierbar. Zwar werden aufgrund der demografischen Entwicklung mittelfristig Zusatzeinnahmen benötigt. Weil die Schweiz im Vergleich mit unseren Nachbarn gut da steht, ist die Finanzierungslücke aber moderat. Es braucht deshalb keine Leistungseinschnitte. Viele Arbeitnehmende erreichen bereits mit den heutigen Leistungen das Verfassungsziel der „Fortsetzung der gewohnten Lebenshaltung“ nur knapp.

Für Travail.Suisse und den KV Schweiz ist klar, dass eine moderate Zusatzfinanzierung die Lebensqualität der Bevölkerung weit weniger tangiert als Rentenkürzungen oder eine Rentenaltererhöhung. Auch klar ist, dass nur ein Gesamtpaket, welches die Interessen der Arbeitnehmenden gebührend berücksichtigt, mehrheitsfähig sein wird. Wenn die bürgerliche Seite weiterhin versucht, vorzupreschen und bezüglich Umwandlungssatz, Frauenrentenalter oder Schuldenbremse isolierte Lösungen durchzuboxen, ist die Revision zum Scheitern verurteilt. Vor diesem Hintergrund richten Travail.Suisse und der KV Schweiz folgende Forderungen an Bundesrat und Parlament:

Renten garantieren: Wenn im BVG der Umwandlungssatz gesenkt wird, braucht es Kompensationsmassnahmen, welche die Rentenhöhe sichern. Langfristig wirkt eine Reduktion des Koordinationsabzugs im BVG. Kurzfristig braucht es für alle jene, deren künftige Rente mit einem tieferen Umwandlungssatz trotzdem sinkt, einen Rentenzuschlag. Dieser kann über die AHV ausgerichtet werden.

Finanzierung der AHV sichern: Es braucht einen Finanzierungsautomatismus, der die verlässliche Rentenzahlung über den demografischen Buckel hinweg sicherstellt. Wenn das Vermögen der AHV unter einen vorher bestimmten Schwellenwert sinkt, sind automatisch zusätzliche Einnahmen zu erheben. Zudem muss sich auch der Bund an den künftigen Mehrausgaben der AHV beteiligen.

Realitäten des Arbeitsmarkts berücksichtigen: Eine Erhöhung des Rentenalters ist realitätsfremd. Die Unternehmen sind nicht bereit, vermehrt ältere Arbeitnehmende zu beschäftigen. Vielmehr braucht es zuerst auf diese Zielgruppe abgestimmte Arbeitszeitmodelle und Arbeitsbedingungen, damit Erwerbsarbeit bis zum heutigen Rentenalter überhaupt die Regel wird.

Widersprüche beseitigen: Die Bereicherung der Banken und Versicherungen an der 2. Säule muss aufhören. Man kann nicht von den versicherten Arbeitnehmenden für die gleiche Leistung mehr Beiträge verlangen, wenn andere sich gleichzeitig an der Altersvorsorge eine goldige Nase verdienen. Die missbräuchlich hohen Risikoprämien bei den Lebensversicherern müssen begrenzt und die Mindestquote bei der Überschussverteilung erhöht werden.

Gesellschaftlichen Veränderungen Rechnung tragen: Teilzeitarbeit ist in der beruflichen Vorsorge besser zu versichern. Die Lebensläufe sind heute sehr verschieden. Nicht alle können gleich lange arbeiten. Es braucht deshalb ein flexibles Rentenalter mit einem sozialen Ausgleich für bescheidene Einkommen.

Für mehr Informationen:
Martin Flügel, Präsident Travail.Suisse, Tel. 079/743.90.05
Daniel Jositsch, Nationalrat und Präsident KV Schweiz, Tel. 079/503.06.17
Matthias Kuert Killer, Leiter Sozialpolitik, Travail.Suisse, Tel. 078/625.72.73
Hans-Ulrich Schütz, Verantwortlicher Sozial- und Wirtschafspolitik, KV Schweiz, Tel. 079/617.23.02

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PK 230513 Text M Fluegel.doc 50 KB

PK 230513 Text D Jositsch.doc 124 KB

PK 230513 Text M Kuert.doc 51 KB

PK 230513 Text H U Schütz.doc 125 KB

23. Mai 2013, Martin Flügel, Präsident und Matthias Kuert Killer, Leiter Sozialpolitik Drucker-icon

Bildung verhilft zu längerem Leben

Wir leben statistisch gesehen immer länger. Aber die Chancen auf ein langes Leben sind nicht auf alle Bevölkerungsschichten gleich verteilt. Was schon länger vermutet wurde, ist durch eine Studie der Universität Genf bestätigt worden: Wer gut gebildet ist und damit meistens über ein höheres Einkommen verfügt, kann zum Zeitpunkt der Pensionierung damit rechnen, rund zwei bis drei Jahre länger zu leben als jemand ohne höhere Ausbildung. Das muss in der künftigen Altersvorsorge berücksichtigt werden. mehr

Forscher der Universität Genf haben im Rahmen einer Vorstudie zur Reform der Altersvorsorge 2020 genauer unter die Lupe genommen, welche Bevölkerungsgruppen statistisch gesehen bei ihrer Pensionierung mit welcher Lebenserwartung zu rechnen haben. Dass Männer und Frauen unterschiedliche Lebenserwartungen haben, wissen wir schon länger. Dass hingegen auch sogenannte „sozioprofessionelle“ Faktoren eine starke Rolle spielen, konnte bisher nur vermutet werden. Die Studie bestätigt dies und fördert für die Altersvorsorge brisante Tatsachen zutage. Im Klartext heisst das: Wer gut gebildet ist, ein hohes Einkommen hat und im Dienstleistungssektor arbeitet , lebt länger als wer schlecht gebildet ist, zu tiefen Löhnen und im industriellen oder im Landwirtschaftssektor arbeitet. Auch eine Arbeitslosigkeit verkürzt die Lebenserwartung. Diese Befunde decken sich mit Beobachtungen aus anderen Industrieländern. Die Gründe sind vielfältig und wurden in der Studie nicht genauer untersucht. Es wird jedoch vermutet, dass schlecht ausgebildete Arbeitnehmende unter anderem häufiger körperliche Verschleissarbeit verrichten müssen und so ihre Lebenserwartung sinkt.

Am Beispiel der Bildung zeigt sich die unterschiedliche Lebenserwartung am deutlichsten:

Lebenserwartung mit 65

Männer
Ohne Abschluss 16.O Jahre
Obligatorische Schule 16.1 Jahre
Berufslehre 17.3 Jahre
Tertiäre Stufe 18.7 Jahre

Frauen
Ohne Abschluss 20.4 Jahre
Obligatorische Schule 20.3 Jahre
Berufslehre 21.2 Jahre
Tertiäre Stufe 22.4 Jahre

Quelle: Studie Universität Genf „Differentielle Sterblichkeit in der Schweiz“ im Auftrag des Bundesamts für Sozialversicherungen, 2012

Wer als Mann einen tertiären Bildungsabschluss besitzt (Hochschule oder Höhere Berufsbildung) hat im Alter 65 eine um rund 2.6 Jahre höhere Lebenserwartung als ein Mann, welcher nach der obligatorischen Schule keine weitere Bildung mehr genossen hat. Bei den Frauen ist der Unterschied mit 2.1 Jahren etwas geringer.

Massnahmen in der Altersvorsorge

Im Hinblick auf die Reform der Altersvorsorge stellt sich die Frage, wie diese Ungleichheit besser berücksichtigt werden kann. Travail.Suisse sieht mehrere Wege, die beschritten werden können:

• Erstens wäre es möglich, den benachteiligten Berufsgruppen mit tiefem Einkommen und tiefer Bildung in der beruflichen Vorsorge einen höheren Umwandlungssatz zu gewähren als dem Rest. Der Umwandlungssatz bestimmt die Umrechnung des angesparten Alterskapitals in eine jährliche Rente und basiert auf Annahmen zur Lebenserwartung. Ein höherer Umwandlungssatz bedeutet damit eine höhere Rente.

• Realistisch ist auch eine Berücksichtigung der unterschiedlichen Lebenserwartung beim flexiblen Rentenalter in der AHV: Wer sich heute früher als mit 65/64 pensionieren lässt, muss auf seiner Rente lebenslang eine versicherungstechnische Kürzung hinnehmen. Hier sollte für Gruppen mit tiefen Einkommen und tiefer Bildung, welche statistisch eine kürzere Lebenserwartung haben, auf eine Kürzung der AHV-Rente verzichtet werden. Es müsste ihnen sogar ein Zuschlag ausbezahlt oder das Rentenalter müsste generell für diese Personengruppe gesenkt werden. Um die Praktikabilität zu gewährleisten, muss bei der Bestimmung der betroffenen Personengruppe auf das für die AHV massgebliche durchschnittliche Jahreseinkommen abgestellt werden.

Mehr Gerechtigkeit

Die von Bundesrat Alain Berset angepeilte Reform der Altersvorsorge 2020 muss so oder so genutzt werden, um mehr Gerechtigkeit bezüglich der Lebenserwartung herzustellen. So wie es heute ist, kann es nicht bleiben: Heute gehen gerade gut Verdienende und gut Ausgebildete, z.B. Bank- oder Versicherungsangestellte, mit einer guten 2. Säule frühzeitig in Pension. Schlecht ausgebildete Arbeitnehmende, die meist ein Leben lang für ein bescheidenes Einkommen hart gearbeitet haben, werden hingegen bei einer vorzeitigen Pensionierung bestraft. Jenseits der Altersvorsorge heisst mehr Gerechtigkeit auch, den Zugang zu Bildung für alle zu gewährleisten. Denn wie die Studie zeigt: Bildung verhilft zu einem längerem Leben.

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PD Bildung verhilft zu längerem Leben.doc 38 KB

13. Mai 2013, Matthias Kuert Killer, Leiter Sozialpolitik Drucker-icon

Altersvorsorge: Kein Rentenabbau am Volk vorbei!

Travail.Suisse, der unabhängige Dachverband der Arbeitnehmenden, ist verärgert über das Vorpreschen der nationalrätlichen Sozialkommission bezüglich Reform der Altersvorsorge. Es wird versucht, durch die Hintertür die Renten zu kürzen. mehr

Fast drei Viertel der Bevölkerung haben 2010 gegen eine Senkung des Umwandlungssatzes in der beruflichen Vorsorge gestimmt. Nun versucht die bürgerliche Seite, angeführt von der selbsternannten Volkspartei, den Umwandlungssatz am Volk vorbei zu senken. Das ist schlechter politischer Stil und zeugt von einem eigenartigen Demokratieverständnis: Wenn das Volk nicht so entscheidet, wie man es will, so nimmt man ihm halt die Kompetenz weg.

Beim Umwandlungssatz geht es nicht nur um eine technische Grösse, sondern um die Höhe der künftigen Renten. Diese müssen in einem demokratischen Prozess ausgehandelt werden, bei dem im Falle eines Referendums auch die Stimmbevölkerung mitreden kann.

Travail.Suisse steht für eine Gesamtbetrachtung der Altersvorsorge ein, wie sie auch Bundesrat Berset angekündigt hat. Nur ein Gesamtpaket, welches die Interessen der Arbeitnehmenden gebührend berücksichtigt und die Rentenhöhen schützt, wird mehrheitsfähig sein. Jedes Vorpreschen mit einzelnen Teilreformen wird scheitern.

Für mehr Informationen:
Matthias Kuert Killer, Leiter Sozialpolitik, Tel. 031/370‘21’11 oder 078/625‘72‘73

03. Mai 2013, Matthias Kuert Killer, Leiter Sozialpolitik Drucker-icon

Beibehaltung des Mindestzinssatzes: Skandalös!

Der Bundesrat hat entschieden, den Mindestzinssatz in der beruflichen Vorsorge trotz einer sehr guten Entwicklung an den Anlagemärkten auf dem Tiefststand von 1.5 Prozent zu belassen. Die bürgerliche Mehrheit im Bundesrat stellt sich damit auf die Seite der gewinnorientierten Lebensversicherungen und verweigert den Arbeitnehmenden eine faire Beteiligung an der guten Entwicklung der Anlagemärkte. Das ist skandalös. mehr

Der Mindestzinssatz stellt sicher, dass alle versicherten Arbeitnehmenden minimal an den Ergebnissen beteiligt werden, die die Pensionskassen und Lebensversicherer an den Finanzmärkten erzielen. Für das abgelaufene Jahr zeigen alle Indizes deutlich nach oben. Die Aktienmärkte boomen, die Immobilien werfen gute Erträge ab. Eine Erhöhung des Mindestzinssatzes wäre mehr als nur angebracht.

Mit dem heutigen Entscheid verweigert der Bundesrat den Arbeitnehmenden eine angemessene Beteiligung an den guten Erträgen. Damit stellt der Bundesrat die Berechtigung des Zwangssparens in Frage. Zudem zeigt die bürgerliche Mehrheit im Bundesrat mit diesem Entscheid ihr wahres Gesicht: Alles für die Lebensversicherungen, wenig für die Arbeitnehmenden. Dieser Kniefall vor den Lebensversicherern, deren Gewinne dank einem tiefen Mindestzinssatz noch höher ausfallen werden, ist skandalös.

14. November 2012, Martin Flügel, Präsident und Matthias Kuert Killer, Leiter Sozialpolitik Drucker-icon