Themen – Gleichstellung – Wiedereinstieg

Mangel an Praktika für Wiedereinsteigerinnen

Familienfrauen, die nach einem langjährigen Erwerbsunterbruch wieder ins Berufsleben zurückkehren wollen, wird in der Regel keine längere Einarbeitungszeit zugestanden. Sie sollen möglichst schnell beruflich à jour sein, sich in den Betrieb einpassen und gleichzeitig ihr Privatleben neu organisieren. Sind zu viele Hürden zu bewältigen, kann ein Praktikum ein geeigneter Einstieg ins Berufsleben sein. Diese sind jedoch trotz hoher Nachfrage rar. mehr

Im Rahmen des Projekts „Expérience ReProf“ hat Travail.Suisse untersucht, was Familienfrauen nach einem langjährigen Erwerbsunterbruch brauchen, damit die Rückkehr ins Berufsleben gelingt. Ein Aspekt ist die Möglichkeit, ein Praktikum zu absolvieren. Familienfrauen, die ins Berufsleben zurückkehren, wird in der Regel nicht eine längere Einarbeitungszeit zugestanden als anderen Arbeitnehmenden. Dies obwohl sie meist auf verschiedenen Ebenen Anpassungsleistungen zu bewältigen haben. Zum einen weisen sie aufgrund des langen Erwerbsunterbruchs meist beruflich-fachliche Lücken auf. Der Arbeitgeber erwartet, dass sie Verpasstes möglichst schnell nachholen. Zum anderen müssen sich Wiedereinsteigerinnen wieder in eine betriebliche Hierarchie einordnen, vorgegebene Abläufe einhalten und die geänderte Familienorganisation einüben.

Wenn zu viele Hürden zu nehmen sind, ist ein Praktikum eine Möglichkeit, um die Wiederaufnahme einer Berufstätigkeit einzuüben. Ein Praktikum ist ein Lernfeld, wo Wiedereinsteigerinnen neu Gelerntes anwenden und vertiefen können. Sie erfahren aber auch, auf welchem Gebiet es noch hapert. Die befragten Fachpersonen gaben denn auch an, dass Praktika sehr wertvoll sind. Bei solchen Arbeitseinsätzen können Wiedereinsteigerinnen Erfahrungen in der veränderten Berufswelt sammeln und ein aktuelles Arbeitszeugnis erwerben. Entsprechend gefragt sind solche Arbeitsmöglichkeiten. Die Fachpersonen bemängelten denn auch, dass es zu wenige Praktikumsplätze gibt.

Kaum Zugang zu Beschäftigungsprogrammen der Arbeitslosenversicherung

Die Arbeitslosenversicherung hat mit den Beschäftigungsprogrammen ein Instrument, um versicherte Personen mit einem mehrmonatigen Arbeitseinsatz in die Arbeitswelt zu integrieren. Zugang zu den Beschäftigungsprogrammen, die ein Teil der arbeitsmarktlichen Massnahmen sind, haben versicherte Personen. Für versicherte Personen, die als schwer vermittelbar gelten, gibt es allenfalls noch Einarbeitungszuschüsse, um eine ausserordentliche Einarbeitung abzugelten. Der Grossteil der Wiedereinsteigerinnen hat jedoch keinen Anspruch auf Taggelder der Arbeitslosenversicherung. Sie können aufgrund ihres langen Erwerbsverzichts die Beitragszeiten nicht erfüllen. 1 Als nicht versicherte Personen sind sie von den beschriebenen Leistungen der Arbeitslosenversicherung ausgeschlossen.

Nun haben die regionalen Arbeitsvermittlungszentren RAV die Möglichkeit, nicht versicherten Personen den Zugang zu arbeitsmarktlichen Massnahmen über AVIG Art. 59d zu ermöglichen. Die RAV verfügen mithilfe dieses Ausnahmeartikels jedoch vor allem Bildungsmassnahmen. Denn bei Beschäftigungsmassnahmen für nicht versicherte Personen ergeben sich Probleme bei der Sozialversicherung, insbesondere bei der Unfallversicherung. Faktisch haben die meisten Wiedereinsteigerinnen über die Arbeitslosenversicherung keinen Zugang zu Praktika.

Nur wenig Kurse mit Praktika

Die Projektleitung befragte in der Folge Bildungsanbietern in der ganzen Schweiz, ob sie Angebote für Wiedereinsteigerinnen mit Praktika kombinieren. Nur gerade bei jedem achten Angebot besteht die Möglichkeit, ein Praktikum zu absolvieren. Schnuppertage und Kontakte mit potenziellen Arbeitgebern werden auch nur in bescheidenem Mass angeboten. Insgesamt gab ein Fünftel der Bildungsanbieter an, dass sie Praktika oder Schnuppertage und Kontakte mit potenziellen Arbeitsgebern anbieten. Den Bildungsanbietern gelingt es nur ungenügend, den Mangel an Praktikumsplätzen auszugleichen.

Schaffung von Praktika durch Kantone fördern

Die Fachkräfte-Initiative des Volkswirtschaftsdepartements benennt nicht oder gering erwerbstätige Familienfrauen mit Sek II Abschluss als Potenzial, um den Fachkräftemangel zu beheben. Um nicht erwerbstätigen Familienfrauen die Rückkehr ins Berufsleben zu erleichtern, braucht es ein Bündel von Massnahmen. Dazu gehört auch die Schaffung von zusätzlichen Praktikumsplätzen. Diese Aufgabe kann weder von der Arbeitslosenversicherung noch von der Mehrheit der Kursanbieter bewältigt werden. Diese Aufgabe müsste von den Kantonen übernommen werden. Die Kantone könnten ähnlich wie bei der Lehrstellenförderung Praktika für Wiedereinsteigerinnen fördern. Dazu braucht es eine Stelle, die durch Kontakte mit Betrieben Praktikumsplätze schafft und vermittelt. Diese Stelle kann in den bestehenden kantonalen Strukturen angesiedelt oder extern vergeben werden. Die Frauenberatungsstellen des Netzwerks plusplus.ch, die auf die Beratung von Wiedereinsteigerinnen spezialisiert sind, bieten sich beispielsweise als externe Vermittlerinnen an. Praktika für gut qualifizierte Wiedereinsteigerinnen dürften bei Branchen, die über fehlende Arbeitskräfte klagen, durchaus auf Interesse stossen.

Der Ausbau einer flächendeckenden, bedarfsgerechten Tagesstruktur für Vorschul- und Schulkinder zu erschwinglichen Preisen ist grundlegend, um die Erwerbstätigkeit von Familienfrauen zu erhöhen. Viele Wiedereinsteigerinnen brauchen aber auch massgeschneiderte, bezahlbare Weiterbildungen. Weiter braucht es Beratungsangebote, um jene zu begleiten, deren Wiedereinstiegsprozess sich über einen längeren Zeitraum erstreckt. Die finanzielle Unterstützung der Bildungsanstrengungen und genügend Praktika sind schliesslich weitere Elemente, um Wiedereinsteigerinnen die Rückkehr ins Berufsleben zu erleichtern und zugleich Fachkräfte zu gewinnen.

1 Taggeldberechtigt sind Wiedereinsteigerinnen nur dann, wenn sie aufgrund von Trennung/Scheidung oder Tod des Ehepartners eine Einkommenseinbusse erleiden und eine Erwerbstätigkeit aufnehmen müssen. Diese gehören zu den sogenannten Beitragsbefreiten. Deren Taggeldbezug reduzierte sich mit der Revision der Arbeitslosenversicherung von 2011 von 12 auf 4 Monate.

Anhang Grösse

PD Mangel an Praktika für Wiedereinsteigerinnen.doc 119 KB

05. November 2012, Angela Zihler, Projektleiterin Drucker-icon

Weiterbildungsgutscheine für Wiedereinsteigerinnen

Familienfrauen, die nach einem langjährigen Erwerbsunterbruch wieder ins Berufsleben zurückkehren wollen, haben oft einen Bedarf an Weiterbildung. Da die Betroffenen in der Mehrzahl die Weiterbildung selbst finanzieren müssen, verzichten viele auf eine Weiterbildung und nehmen letztlich eine Stelle unter ihren erworbenen Qualifikationen an. Die Einführung von Weiterbildungsgutscheinen für nicht oder geringfügig erwerbstätige Familienfrauen könnte Abhilfe schaffen. mehr

Im Rahmen des Projekts „Expérience ReProf“ haben wir untersucht, wie Familienfrauen nach einem langjährigen Erwerbsunterbruch eine Weiterbildung finanzieren. Denn unsere Recherche hat gezeigt, dass bei den meisten Betroffenen ein Bedarf an Beratung und beruflich-fachlicher Weiterbildung besteht. Als Knackpunkt erweist sich die Finanzierung der Weiterbildung. Für die meisten Familienfrauen, die nach einem langjährigen Erwerbsunterbruch ins Berufsleben zurückkehren wollen, sieht das Fazit wie folgt aus: kaum Zugang zu Leistungen der Arbeitslosenversicherung, wenig Chancen auf Stipendien, viel Aufwand bei der Suche nach Stiftungsgeldern.1

Sechs von zehn erwerbslosen Frauen nicht beim RAV registriert

Interessant in diesem Zusammenhang ist die neuste Publikation des Bundesamtes für Statistik zur überproportionalen Erwerbslosigkeit von Frauen. Sie zeigt auf, dass sechs von zehn Frauen, die von Erwerbslosigkeit gemäss Definition ILO betroffen sind, nicht beim RAV (regionale Arbeitsvermittlungszentren) registriert sind.2 Sie suchen ohne Hilfe der RAV eine Stelle. Folglich können sie auch nicht Leistungen der Arbeitslosenversicherung beanspruchen, wie zum Beispiel den Besuch von Standortbestimmungs- und beruflich-fachlichen Kursen. Von den erwerbslosen Frauen gemäss Definition ILO arbeitete jede fünfte zuvor im Haushalt.3

Ein Grossteil der betroffenen Frauen ist in der Folge gezwungen, die Weiterbildung selbst zu finanzieren. Gerade bei beruflich-fachlichen Kursen fallen jedoch schnell namhafte Beträge an. Dies bestätigt eine im Mai 2012 von der Projektleitung durchgeführte Befragung der Kursanbieter. Die meisten Kurse für Wiedereinsteigerinnen mit Lehrabschluss kosten zwischen 1’000 bis 5’500 Franken. Angesichts der häufig knapp bemessenen Haushaltsbudgets sind solche Beträge in zahlreichen Fällen nicht aufzubringen. Viele Familienfrauen werden letztlich auf eine Weiterbildung verzichten, weil sie sich eine solche schlicht nicht leisten können. Um dennoch in den Arbeitsmarkt einzusteigen, nehmen sie häufig eine Arbeit auf, die nicht ihren Qualifikationen entspricht.

Schlecht genutztes Potenzial

Eine erhöhte Erwerbstätigkeit der Frauen ist im Interesse der Gesellschaft, um zum Beispiel die Sozialversicherungen zu finanzieren. Zudem braucht die Wirtschaft gut ausgebildete Arbeitskräfte. Familienfrauen, die nach einem langjährigen Erwerbsunterbruch wieder eine Arbeit aufnehmen wollen, verfügen mehrheitlich über einen Lehrabschluss, sind motiviert und haben während ihrer Familienzeit viele Kompetenzen erworben. Mit Hilfe einer Weiterbildung, die sie beruflich à jour bringt, könnten sie eine qualifizierte Arbeit aufnehmen. Das Potenzial dieser Familienfrauen wird jedoch schlecht genutzt, solange ihre Weiterbildungsbemühungen an den Finanzen scheitern.

Ein Ziel des Berufsbildungsgesetzes unter Artikel 3b ist die Förderung und Entwicklung der tatsächlichen Gleichstellung von Mann und Frau. Auch das geplante Weiterbildungsgesetz sieht im Artikel 8 Absatz 1 vor, die Chancengleichheit zwischen den Geschlechtern zu verbessern.4 Zur Umsetzung dieses Ziels gehört, dass die Weiterbildung von Familienfrauen, die nach einem Erwerbsunterbruch wieder ins Berufsleben zurückkehren wollen, bei Bedarf finanziell unterstützt wird. Dies kann nachfrageorientiert erfolgen, wie dies das vorgeschlagene Weiterbildungsgesetz vorsieht. Wie könnten Weiterbildungsgutscheine für Wiedereinsteigerinnen aussehen?

Weiterbildungsgutschein bei knappem Budget

Das Ziel von Weiterbildungsgutscheinen für Wiedereinsteigerinnen muss sein, dass diejenigen Familienfrauen, die wegen fehlenden finanziellen Mitteln auf eine Weiterbildung verzichten, dank des Gutscheins eine notwenige Weiterbildung absolvieren können. Anrecht auf einen Gutschein sollten Familienfrauen mit einem tiefen bis mittleren Haushalteinkommen haben. Gerade auch Familienfrauen aus Haushalten der unteren Mittelschicht sollten Zugang zu den Weiterbildungsgutscheinen erhalten. Denn diese Haushalte haben nachweislich kaum Ersparnisse und leben oft von der Hand in den Mund.5

In den Genuss von Weiterbildungsgutscheinen sollten nicht nur Familienfrauen kommen, die seit längerem nicht erwerbstätig waren, sondern auch Familienfrauen, die nur geringfügig erwerbstätig sind und eine Tätigkeit ausüben, die nicht ihren erworbenen Qualifikationen entspricht. Denn Familienfrauen mit Minipensen können in der Regel nicht darauf zählen, dass ihre Arbeitgeber die Weiterbildung bezahlen.6

Die Vergabe von Weiterbildungsgutscheinen hätte für diese Zielgruppe entscheidende Vorteile. Mit Gutscheinen kann der individuell unterschiedliche Bedarf an Weiterbildung im beruflich-fachlichen Bereich gezielt gedeckt werden. Der Weiterbildungsmarkt hätte zudem ein grösseres Interesse daran, die Bedürfnisse dieser Zielgruppe abzudecken und massgeschneiderte Angebote für sie zu entwickeln.

Wie eine Studie der Universität Bern zu Weiterbildung und Bildungsgutscheinen zeigt, muss ein Bildungsgutschein einen gewissen Betrag aufweisen, damit ein finanzieller Anreiz besteht, den Gutschein einzulösen: „Es braucht also einen minimalen Nennwert des Gutscheins, der eher bei 1000 Franken liegen dürfte als bei 200 Franken, damit dieser überhaupt kausal eine Mehrbeteiligung an Weiterbildung auslöst.“7 Ein Gutschein in dieser Grössenordnung für nicht oder geringfügig erwerbstätige Familienfrauen wäre für die Einzelne ein substanzieller Beitrag zur Weiterbildung und der Schlüssel für eine erfolgreiche Integration in den Arbeitsmarkt. Aus gesellschaftlicher Sicht wäre es auch ein Beitrag, um der Zielgruppe mit knappen finanziellen Mitteln, die weder von der öffentlichen Hand noch von Arbeitgebern finanziell unterstützt wird, die notwenige Weiterbildung dennoch zu ermöglichen.

1 Im Artikel „Finanzierung der Weiterbildung als Knackpunkt“ unter http://www.travailsuisse.ch/de/node/3166 erfahren Sie mehr über den Zugang der Gruppe zu Leistungen der öffentlichen Hand.

2 BFS aktuell: Frauen und Erwerbslosigkeit: Anhaltende Unterschiede zwischen Frauen und Männern bei der Erwerbslosenquote. Neuchâtel 2012. S. 9. Zur Definition der Erwerbslosigkeit gemäss ILO siehe S. 8 und 26. Zur Publikation: http://www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/news/publikationen.html?publicationID=4860 .

3 Dito S. 16.

4 Zum Vorentwurf eines Bundesgesetzes über die Weiterbildung siehe unter http://www.bbt.admin.ch/themen/berufsbildung/00105/01299/index.html?lang=de

5 Siehe dazu die Studie der gfs.bern von Longchamps, Claude et al.: Bei finanziellen Engpässen auf weitere Kinder verzichten. Schlussbericht zur Studie „Wie geht es den Mittelschichtfamilien in der Schweiz?“. Bern 2010. S. 12-13.

6 Zur Diskriminierung von erwerbstätigen Frauen bei der Weiterbildung siehe auch der Bildungsbericht Schweiz: „Allerdings finanzieren erwerbstätige Frauen ihre Weiterbildung zu 60% selbst, während die Männer nur für ein Drittel selbst aufkommen müssen. Sogar dann, wenn man nur vollzeitlich erwerbstätige Personen betrachtet, liegt der Selbstfinanzierungsanteil der Frauen mit 59% immer noch deutlich über jenem der Männer mit 35%. ….Der Geschlechtervergleich der Gruppe der vollzeitlich Erwerbstätigen zeigt, dass die Ungleichbehandlung, welche Frauen hier erfahren, nicht wirklich mit objektiven Tatbeständen erklärt werden kann und es sich demzufolge um Diskriminierung und eine Verletzung der Chancengerechtigkeit handeln muss.“ Schweizerische Koordinationsstelle für Bildungsforschung SKBF: Bildungsbericht Schweiz 2010. Aarau 2010. S. 268.

7 Messer, Dolores, Wolter, Stefan C: Weiterbildung und Bildungsgutscheine. Resultate aus einem experimentellen Feldversuch. Zusammenfassung und Einzelaspekte der Studienergebnisse. Bern 2009. S. 10.

Anhang Grösse

PD Weiterbildungsgutscheine für Wiedereinsteigerinnen.doc 126 KB

10. September 2012, Angela Zihler, Co-Leiterin Projekt «Expérience ReProf» Drucker-icon

Finanzierung der Weiterbildung als Knackpunkt

Familienfrauen, die nach einem langjährigen Erwerbsunterbruch wieder ins Berufsleben zurückkehren wollen, haben oft einen Bedarf an beruflich-fachlicher Weiterbildung. Oft verfügen sie nicht über die finanziellen Ressourcen, um eine Weiterbildung selbst zu finanzieren. Nur eine Minderheit kann für eine beschränkte Dauer Leistungen der Arbeitslosenversicherung beziehen. Bei der Mehrheit der Kantone ist diese Gruppe nicht stipendienberechtigt und die Finanzierung über Stiftungsgelder ist aufwändig. Viele Frauen verzichten deshalb auf eine Weiterbildung und nehmen letztlich eine Stelle unter ihren erworbenen Qualifikationen an. mehr

Familienfrauen, die nach einem langjährigen Erwerbsunterbruch wieder ins Berufsleben zurückkehren wollen, haben meist einen Bedarf an Beratung und Weiterbildung. In der Regel bestehen beruflich-fachliche Lücken und fehlt Wissen in Bezug auf das Selbstmarketing1. Allenfalls kann sogar eine Zweitausbildung notwendig sein. Auf den ersten Blick scheinen die Regionalen Arbeitsvermittlungsstellen RAV die geeignete Anlaufstelle für diese Frauen zu sein. Die RAV sind spezialisiert auf die Integration in den Arbeitsmarkt. Ihre Mitarbeitenden unterstützen die Arbeitslosen bei der Stellensuche. Mit den Arbeitsmarktlichen Massnahmen AMM haben die RAV zudem ein Instrument zur Hand, um Stellensuchende mithilfe von gezielten Bildungs- und Beschäftigungsmassnahmen rascher in den Arbeitsmarkt zu integrieren.

Beschränkter Zugang zu Leistungen der Arbeitslosenversicherung

Der Zugang zu Leistungen der Arbeitslosenversicherung ist für Familienfrauen mit einem langjährigen Erwerbsunterbruch jedoch eingeschränkt. Zum Bezug von Taggeldern sind nur jene Familienfrauen berechtigt, die eine Einkommenseinbusse aufgrund von Todesfall/Trennung nachweisen können. Mit der letzten Revision des AVIG von 2011 wurden die Taggelder für diese sogenannten Beitragsbefreiten zudem von 12 auf 4 Monate empfindlich gekürzt. Diese Kürzung betrifft nicht nur die Taggelder, sondern auch den Zugang zu den Arbeitsmarktlichen Massnahmen. Bei den Wenigen, welche weiterhin Anspruch auf Leistungen der Arbeitslosenversicherung haben, stehen die RAV-Beraterinnen und -Berater unter erheblichen Zeitdruck. Sie müssen innert kürzester Zeit abklären, ob eine Standortbestimmung, ein Weiterbildungskurs oder eine andere Massnahme notwendig ist und diese verfügen. Es ist zu befürchten, dass die vier Monate vielfach ungenutzt verstreichen.

Faktisch ist heute die Mehrzahl der Familienfrauen mit einem langjährigen Erwerbsunterbruch von den Leistungen der Arbeitslosenversicherung ausgeschlossen. Für die RAV sind die wenigen Familienfrauen Einzelfälle, die keine systematische Spezialbetreuung erlauben.

Nun sieht das Gesetz für Personen, die keinen Anspruch auf Taggelder haben, noch die Möglichkeit vor, über Artikel 59d AVIG Zugang zu Arbeitsmarktlichen Massnahmen zu gewähren. Dabei werden meist Bildungsmassnahmen gesprochen, da es bei Beschäftigungsmassnahmen Probleme mit den Sozialversicherungen gibt. Die Kosten der Bildungsmassnahmen, die über diesen Artikel gesprochen werden, teilen sich die Arbeitslosenversicherung und der Kanton hälftig. Diese finanzielle Beteiligung des Kantons führt dazu, dass der Artikel sehr unterschiedlich angewandt wird2. In den letzten Jahren reduzierte sich ausserdem die Zahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer an Arbeitsmarktlichen Massnahmen nach Artikel 59d AVIG laufend (2008: 5’352 Personen, 2009: 4’739 Personen, 2010: 4’374, 2011 4’078). Es ist anzumerken, dass unter den Teilnehmenden nicht nur Familienfrauen zu finden sind, sondern auch Sozialhilfebeziehende, vorläufig Aufgenommene und andere Personen, welche die Beitragszeit für einen Taggeldbezug nicht erfüllen. Die Möglichkeit, über diesen Gesetzesartikel Bildungsmassnahmen zu finanzieren, wird insgesamt wenig genutzt.

Kaum eigene finanzielle Mittel für Weiterbildung

Ein Teil der Frauen wendet sich direkt an die Frauenberatungsstellen des Netzwerks plusplus.ch, die sich auf die Frage der Rückkehr ins Berufsleben spezialisiert haben. Ein anderer Teil wird von den RAV und anderen öffentlichen Stellen überwiesen. Da der Zugang zu Bildungsmassnahmen bei der Arbeitslosenversicherung beschränkt ist, wird geprüft, ob eine notwendige Weiterbildung mit eigenen Mitteln finanziert werden kann (Ersparnisse, private Darlehen). Nach Auskunft der Frauenberatungsstellen ist dies aber oft nicht der Fall. Die betroffene Gruppe verfügt kaum über freie Mittel, denn das Familienbudget ist in der Regel knapp bemessen. Dass Familien tendenziell weniger Ersparnisse haben, zeigt auch der Familienbericht des Bundesamtes für Statistik BFS: „Die ausgeführten Einkommens- und Ausgabeneffekte führen langfristig auch dazu, dass Familien tendenziell weniger Möglichkeiten haben, Geld auf die hohe Kante zu legen.“3

Wenig Chancen auf Stipendien und Stiftungsgelder

Die öffentliche Hand verfügt mit den Stipendien über ein Mittel, um Ausbildungen für einkommensschwache Personen finanziell zu unterstützen. Familienfrauen mit einem langjährigen Erwerbsunterbruch kommen jedoch meist nicht in den Genuss von Stipendien. In sechs Kantonen scheitern sie bereits an der Alterslimite, da Stipendien nur an Personen bis 30 bzw. 40 Jahre vergeben werden. In der Mehrheit der Fälle sind diese Frauen aber älter, lag doch das Alter der Mütter bei der Erstgeburt im Jahre 2000 bereits bei 28.7 Jahren und stieg in den folgenden Jahren weiter an4.

Sechs Kantone sehen für Weiterbildungen und Zweitausbildungen nur Darlehen vor. Bei einem knappen Haushaltsbudget ist aber eine Verschuldung nicht wünschenswert. Bei weiteren vier Kantonen stellen sowohl die Alterslimite wie die Beschränkung auf Darlehen für Weiterbildungen und Zweitausbildungen eine Hürde dar. Somit verbleiben zehn Kantone, die Stipendiensysteme aufweisen, die es Familienfrauen ermöglichen, Stipendien für eine Weiterbildung oder Zweitausbildung zu erhalten.

Das interkantonale Stipendien-Konkordat IKSK wird für Familienfrauen mit einem langjährigen Erwerbsunterbruch kaum Abhilfe schaffen. Es wurde 2009 verabschiedet und tritt in Kraft, wenn zehn Kantone beigetreten sind (Stand 29. Februar 2012: acht Kantone haben den Beitritt beschlossen). Es strebt eine Harmonisierung der kantonalen Stipendiensysteme an und legt Mindeststandards fest. Das Stipendien-Konkordat sieht eine Alterslimite von 35 Jahren bei Ausbildungsbeginn vor5. Diese Alterslimite ist für Familienfrauen mit einem langjährigen Erwerbsunterbruch zu tief angesetzt. Die Vereinbarung lässt es den Kantonen ausserdem frei, ob und in welcher Form sie Zweitausbildungen und Weiterbildungen finanziell unterstützen wollen6.

Als letzte Alternative bleibt die Finanzierung über Stiftungen. Die Suche nach einer oder mehreren geeigneten Stiftungen und die Gesuchseingabe sind jedoch sehr aufwändig. Das bestätigen die Expertinnen der Frauenberatungsstellen. Das Fazit: kaum Zugang zu den Leistungen der Arbeitslosenversicherung, wenig Chancen auf Stipendien, viel Aufwand bei der Suche nach Stiftungsgeldern. Viele Familienfrauen, die ins Berufsleben zurückkehren wollen und einen Bildungsbedarf haben, werden letztlich auf eine Weiterbildung verzichten, weil sie sich eine solche schlicht nicht leisten können. Um dennoch in den Arbeitsmarkt einzusteigen, nehmen sie vielfach eine Arbeit auf, die nicht ihren Qualifikationen entspricht. Frauen sind denn auch eher als Männer an ihrer Arbeitsstelle erheblich bzw. mutmasslich überqualifiziert7.

Potenzial der Familienfrauen ausschöpfen

Angesichts des steigenden Bedarfs an qualifizierten Arbeitskräften sind Arbeitgeberverbände, aber auch Bund und Kantone gefordert, Lösungen zu finden, um dieser Gruppe den Zugang zur Weiterbildung zu erleichtern. Artikel 32 des Berufsbildungsgesetzes BBG sieht vor, dass der Bund Massnahmen für den Wiedereinstieg in den Kantonen fördert. Die Finanzierung der berufsorientierten Weiterbildungsangebote der Kantone erfolgt im Rahmen der Pauschalfinanzierung von Artikel 53 BBG. Hier liegt denn auch der Schwachpunkt. Viele Kantone haben nämlich kaum Weiterbildungsangebote für diese Zielgruppe entwickelt. Es gilt, griffigere Instrumente zu entwickeln, damit sie auch tatsächlich gefördert wird. Das geplante Weiterbildungsgesetz sieht im Artikel 8 Absatz 1 vor, die Chancengleichheit zwischen den Geschlechtern zu verbessern. Dazu gehört konkret, dass die Beratung und Weiterbildung von Familienfrauen, die nach einem Erwerbsunterbruch wieder ins Berufsleben zurückkehren wollen, von Bund und Kantonen finanziell unterstützt werden. Das kann nachfrageorientiert erfolgen, wie dies das vorgeschlagene Weiterbildungsgesetz vorsieht. Bund und Kantone haben es aber heute schon in der Hand, Beratung und Weiterbildung für diese Zielgruppe zu fördern.

1Im Artikel „Rückkehr ins Berufsleben begleiten“ unter http://www.travailsuisse.ch/de/node/3089 erfahren Sie mehr über die Merkmale und Bedürfnisse dieser Gruppe.

2Einzelne Kantone bevorzugen andere Finanzierungsquellen, um diesen Personen zu unterstützen. So kennt Basel Stadt die Arbeitslosenhilfe ALH.

3Bundesamt für Statistik BFS. Katja Branger, Eric Crettaz et al.: Familien in der Schweiz, Statistischer Bericht 2008. Neuchâtel 2008. S. 39.

4Das Alter der Mütter bei der Erstgeburt ist in der Zwischenzeit weiter angestiegen und liegt 2010 bei 30.2 Jahren. Zur Tabelle des Bundesamtes für Statistik siehe unter http://www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/themen/01/06/blank/key/02/07.html .

5IKSK Artikel 12 Absatz 2: „Für den Bezug von Stipendien können die Kantone eine Alterslimite festlegen. Die Alterslimite darf 35 Jahre bei Beginn der Ausbildung nicht unterschreiten.“

6IKSK Artikel 10 Absatz 2: „Die Vereinbarungskantone können für Zweitausbildungen und Weiterbildungen ebenfalls Ausbildungsbeiträge entrichten.“

7Bundesamt für Statistik BFS: Qualität der Beschäftigung in der Schweiz. Neuchâtel 2011. S. 25.

Anhang Grösse

PD Finanzierung der Weiterbildung als Knackpunkt.doc 129 KB

07. Mai 2012, Angela Zihler, Co-Leiterin Projekt «Expérience ReProf» Drucker-icon

Rückkehr ins Berufsleben begleiten

Die Rückkehr ins Berufsleben nach einem längeren Erwerbsunterbruch ist ein mehrmonatiger Veränderungsprozess. Laut Expertinnen und Experten erweist sich eine kontinuierliche Begleitung als wichtiger Faktor, damit die Rückkehr ins Berufsleben gelingt. Die Stärkung des Selbstwertes, die Verbesserung des Selbstmarketings, das Auffüllen von beruflich-fachlichen Lücken und die positiven Effekte der Arbeit in Gruppen wurden weiter herausgestrichen. Der Zugang zu Weiterbildung und Praktika erweist sich dabei als Knackpunkt. mehr

Das Projekt „Expérience Reprof“1 hat in einer ersten Phase untersucht, was die Gruppe der Familienfrauen auszeichnet, die Schwierigkeiten haben, ins Berufsleben zurückzukehren. 2011 wurden 13 qualitative Interviews mit Fachpersonen von Frauenberatungsstellen, Sozialdiensten und RAV geführt. Es folgte eine schriftliche Befragung der Frauenberatungsstellen von plusplus.ch. Schliesslich wurden die Ergebnisse an einem Workshop mit Expertinnen und Experten diskutiert.

Im Verlaufe der Untersuchung erwies es sich als schwierig, die Aussagen der Fachpersonen mit statistischen Angaben zu untermauern. Belegen lässt sich einzig, dass die befragten Frauenberatungsstellen von plusplus.ch fast ausschliesslich Frauen beraten (99.4 Prozent im 2010). Rund ein Viertel dieser Beratungen betrafen die Rückkehr ins Berufsleben nach einer Familienphase. Der Anteil der Beratungen zur Rückkehr ins Berufsleben zwischen den Beratungsstellen variiert jedoch stark.

Die vorliegenden Ergebnisse basieren auf dem oben beschriebenen qualitativen Vorgehen. Die wichtigsten Merkmale und Bedürfnisse der Gruppe, die Schwierigkeiten bei der Rückkehr ins Berufsleben hat, werden im Folgenden dargestellt.

Anpassung der persönlichen Lebenssituation

Familienfrauen, die Mühe haben, wieder im Berufsleben Tritt zu fassen, haben meist länger nicht mehr ausser Haus gearbeitet. Als problematisch erweist sich ein Erwerbsunterbruch von 10 und mehr Jahren. Die Familienfrauen sind laut den befragten Fachpersonen motiviert, eine Erwerbstätigkeit aufzunehmen. Dieser hohen Motivation steht ein tiefer Selbstwert in Bezug auf die in der Familienarbeit erworbenen Kompetenzen gegenüber. Die befragten Fachpersonen beobachten, dass der Transfer der ausserberuflich erworbenen Kompetenzen in die Arbeitswelt meist nicht stattfindet.

Eine weitere Schwierigkeit zeigt sich auch in einem Mangel an Flexibilität, die vom Arbeitsmarkt gefordert wird. Häufig hat diese Gruppe relativ enge Vorstellungen, was das angestrebte Maximalpensum, die Arbeitszeiten und den Arbeitsweg betrifft. Diese mangelnde Flexibilität lässt sich zum einen erklären durch das Fehlen von Angeboten an familienexterner Kinderbetreuung. Gerade in ländlichen Regionen, wo Familien überdurchschnittlich häufig das Alleinernährermodell wählen, gibt es kaum Betreuungsstrukturen. Das Angebot an Kindertagesstätten ist klein und relativ kostspielig, Tagesstrukturen für Schulkinder fehlen noch vielerorts. Entsprechend eingeschränkt sind die Zeitfenster, in der eine Erwerbstätigkeit möglich ist. Zum anderen ist diese Gruppe der Familienfrauen noch stark der Rolle der „treu sorgenden guten Mutter“ verhaftet. Tatsächlich trugen die betroffenen Frauen die letzten Jahre die alleinige Verantwortung für Haushalt und Kinder. Hier ist ein Neuaushandeln der Rollen in der Familie notwendig, und es braucht Zeit, damit eine Fremdbetreuung der Kinder und eine Entlastung von Hausarbeiten umgesetzt werden können.

Bedarf an beruflich-fachlicher Weiterbildung

Laut den befragten Fachpersonen verfügt die Zielgruppe meist über eine abgeschlossene Lehre. Die Gruppe weist aufgrund des langen Erwerbunterbruchs jedoch meist beruflich-fachliche Lücken auf. In Berufen, die einem schnellen Wandel unterliegen, kann die einst absolvierte Ausbildung veraltet sein. Bei gewissen Berufen wie der Fotolaborantin kann sogar eine Neuorientierung notwendig sein. Bei Migrantinnen erweist sich die fehlende Anerkennung der im Herkunftsland erworbenen Diplome als zusätzliche Hürde.

Bei der betroffenen Gruppe ist zudem wenig Wissen vorhanden über die Situation auf dem aktuellen Arbeitsmarkt und die Stellensuche per Internet. Ebenso fehlt es an Kenntnissen über das Selbstmarketing in Bewerbungsschreiben, Lebenslauf und Vorstellungsgespräch. Die betroffene Gruppe hat einen Bedarf an beruflich-fachlicher Weiterbildung sowie an Angeboten, die das Selbstmarketing verbessern. Betont wurde von den Fachpersonen, dass Weiterbildungsangebote flexibel ausgestaltet sein müssen, damit sie in Teilzeit und mit Unterbrüchen absolviert werden können.

Kontinuierliche Begleitung wichtig

Die Rückkehr ins Berufsleben ist ein Veränderungsprozess, der oft mehrere Monate dauert. Zu Beginn dieses Prozesses erweist sich laut den Fachpersonen eine Standortbestimmung als hilfreich. Sie macht auf der einen Seite das bisher Geleistete sichtbar. Die beruflich und ausserberuflich erworbenen Kompetenzen werden benannt, die persönlichen Stärken aufgezeigt. Die Zielgruppe wird dadurch in ihrem Selbstwert gestärkt. Auf der anderen Seite hilft eine Standortbestimmung, allfällige Lücken aufzudecken (Praxis, Fachwissen, Grundkompetenzen). Eine realistische Selbsteinschätzung der Stärken und Schwächen hilft der Zielgruppe, ihren persönlichen Weg zurück ins Berufsleben gezielt zu planen.

Die befragten Fachpersonen schätzen eine kontinuierliche Begleitung durch den Veränderungsprozess als entscheidenden Faktor ein, damit die Rückkehr ins Berufsleben erfolgreich verläuft. Denn für die Umsetzung der persönlichen Vorhaben ist es wichtig, immer wieder auf professionelle Unterstützung zurückgreifen zu können, um Informationen einzuordnen und zu beurteilen, mit Rückschlägen umgehen zu lernen usw.

Auf die positiven Effekte der Arbeit in Gruppen wurde mehrfach hingewiesen. Die Arbeit in einer Gruppe ermöglicht, von den Erfahrungen und Ideen der anderen zu profitieren, sich gegenseitig zu ermutigen und anzutreiben. Die Arbeit in einer Gruppe kann aber auch genutzt werden, um neue Kontakte zu knüpfen. Laut den befragten Fachpersonen ist das soziale Netzwerk der Zielgruppe in der Regel nämlich eher bescheiden, auf die Familie beschränkt und häufig für die Stellensuche kaum nutzbar.

Zugang zur Weiterbildung als Knackpunkt

Der Nutzen einer Standortbestimmung und einer kontinuierlichen Begleitung durch den Veränderungsprozess wurde durch die befragten Expertinnen und Experten herausgestrichen. Daneben besteht bei der Zielgruppe meist ein Bedarf an Weiterbildung in Bezug auf Fachwissen und Selbstmarketing. Zu erwähnen ist zudem der Vorteil von Praktika, um wieder in die veränderte Berufswelt einzusteigen und neue Arbeitserfahrungen zu sammeln. Beklagt wurde jedoch mehrfach, dass es zuwenig entsprechende Angebote gibt.

Die Teilnahme an einer Laufbahngruppe oder einem Coaching über längere Zeit ist meist mit Kosten verbunden. Eine Weiterbildung, um wieder beruflich à jour zu sein, kann schnell teuer werden. Die betroffene Gruppe verfügt aber kaum über freie Mittel, denn das Haushaltbudget ist in der Regel knapp bemessen. In einer Trennungssituation akzentuiert sich die finanziell angespannte Lage noch. Viele verzichten deshalb auf eine Weiterbildung, ausser sie haben Zugang zu Bildungsangeboten, die von der öffentlichen Hand zur Verfügung gestellt werden.

Wir werden in einem weiteren Medienservice auf den Zugang der Zielgruppe zu Angeboten der öffentlichen Hand im Bereich des Wiedereinstiegs eingehen.

1Das Projekt „Expérience ReProf“ wird vom Bundesamt für Berufsbildung und Technologie finanziell unterstützt und dauert bis März 2013. Mehr zum Projekt erfahren Sie unter http://www.travailsuisse.ch/de/node/3029 .

Anhang Grösse

PD Rückkehr ins Berufsleben begleiten.doc 123 KB

20. Februar 2012, Angela Zihler, Co-Leiterin Projekt ExpérienceReProf Drucker-icon

Der steinige Weg zurück in den Beruf

Die Rückkehr ins Berufsleben nach einem längeren Erwerbsunterbruch ist eine Thematik, die überwiegend Frauen betrifft. Eine Mehrheit der Familienfrauen integriert sich erfolgreich wieder in den Arbeitsmarkt. Eine Minderheit hingegen hat Schwierigkeiten, ins Berufsleben zurückzukehren. Travail.Suisse untersucht im Projekt „Expérience ReProf“ diese Gruppe. Das Projekt will in einem ersten Schritt die Merkmale und Bedürfnisse dieser Gruppe feststellen. In einem zweiten Schritt wird überprüft, ob die bestehenden Angebote im Bereich Wiedereinstieg den Bedürfnissen dieser Zielgruppe entsprechen. mehr

Der Verzicht auf eine Erwerbstätigkeit, um sich familiären Verpflichtungen zu widmen, ist ein Entscheid, den vor allem Frauen treffen. Allein 2009 verliessen 135’000 Frauen den Arbeitsmarkt, um Kinder zu betreuen oder Angehörige zu pflegen. Das zeigt eine Auswertung der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung SAKE des Bundesamtes für Statistik. Hingegen waren es gerade 2’000 Männer1, die 2009 aus diesen Gründen den Arbeitsmarkt verliessen.

Heute wird eine Vielfalt von Familienmodellen gelebt. Deutlich bevorzugt wird bei Paaren mit Kindern unter sieben Jahren das Modell der Teilzeit erwerbstätigen Mutter und des Vollzeit erwerbstätigen Vaters. Das traditionelle bürgerliche Modell mit einer nicht erwerbstätigen Mutter und einem Vollzeit erwerbstätigen Vater ist auf dem Rückzug. Im Jahre 2000 lebten 37 Prozent der Familien dieses Modell, während es 1990 noch 60 Prozent waren. Es bestehen aber grosse regionale Unterschiede. Gerade in ländlichen Regionen und den Einfamilienhaus-Siedlungen der Agglomerationen ist dieses traditionelle Familienmodell nach wie vor beliebt2.

Rückkehr ins Berufsleben meistens erfolgreich

Viele Frauen, die sich bei der Familiengründung für einen Erwerbsunterbruch entscheiden, nehmen, meist bei der Einschulung der Kinder, wieder eine Erwerbstätigkeit auf. Ob die Rückkehr ins Berufsleben gelingt, hängt vom mehreren Faktoren ab. Zum einen ist entscheidend, ob es in ihrer Region ein genügend grosses Angebot von Teilzeitstellen hat. Zum anderen hängt es wesentlich davon ab, wie die Situation in der angestrebten Branche aussieht. In einer Branche wie der Pflege, in der Personalmangel herrscht und die frauentypische Berufe anbietet, wird ein Wiedereinstieg einfacher gelingen. Die Arbeitgeber sind interessiert an Wieder- und Quereinsteigerinnen. Entsprechend sind sie sensibilisiert auf deren Bedürfnisse und haben spezifische Angebote entwickelt. In anderen Branchen, wo genügend Personal vorhanden ist, stossen Wiedereinsteigerinnen trotz guten Qualifikationen auf Hindernisse und es braucht mehrere Anläufe und Umwege bis zum Ziel.

Dennoch gelingt einer Mehrheit die Rückkehr ins Berufsleben ohne grössere Schwierigkeiten. Die Betroffenen besuchen eine Beratungsstelle, um sich Rat und Unterstützung bei diesem Veränderungsprozess zu holen. Sie nutzen ihr Beziehungsnetz zur Stellensuche und machen sich kundig, wie ein Bewerbungsverfahren heute abläuft, und nehmen schliesslich eine Tätigkeit im erlernten Beruf wieder auf.

Eine erfolgreiche Rückkehr ins Berufsleben ist nicht nur für die betroffene Person von Interesse. In den nächsten Jahren wird der Arbeitskräftemangel aufgrund des demografischen Wandels zunehmen. Es besteht deshalb ein volkswirtschaftliches Interesse, die Erwerbstätigkeit von Personen im erwerbsfähigen Alter zu erhöhen. Neben strukturellen Massnahmen, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu verbessern, und den Bemühungen, Personen mit gesundheitlichen Einschränkungen in der Arbeitswelt zu halten, gilt es auch, einer gelungenen Rückkehr von Familienfrauen in die Arbeitswelt genügend Beachtung zu schenken.

Für eine Minderheit ist die Rückkehr ins Berufsleben schwierig

Eine Minderheit der Wiedereinsteigerinnen erlebt die Rückkehr ins Berufsleben als schwierig. Dies zeigt die im Auftrag der Bundesamtes für Berufsbildung und Technologie BBT erstellte Studie „Angebote im Bereich beruflicher Wiedereinstieg“ des Forschungsinstituts gfs.bern3. Die Studie bestätigt, dass von der Thematik aufgrund der Rollenverteilung in der Gesellschaft mehrheitlich Frauen betroffen sind. Dabei erweist sich ein Erwerbsunterbruch von zehn oder mehr Jahren als problematisch. In Bezug auf die Minderheit, die mit Schwierigkeiten kämpft, stellt die Studie weiter fest: „Solcherartige Wiedereinsteigende haben deutlich schlechtere persönliche Startvoraussetzungen für ‚ihren‘ Wiedereinstiegsprozess, als wir dies für die durchschnittlichen Wiedereinsteigenden beobachten. Sie fühlen sich im Prozess auch erkennbar hilfloser und deutlich weniger erfolgreich. Sie sind in der Folge auch mit den Hilfsangeboten deutlich weniger zufrieden …“4.

Travail.Suisse hat auf der Basis dieser Studie das Projekt „Expérience ReProf“ entwickelt. Das Projekt will die oben erwähnte Gruppe genauer betrachten, die sich mit der Rückkehr ins Berufsleben schwer tut. Es zielt darauf ab, diese Gruppe genauer zu erforschen und allenfalls spezifische Merkmale festzustellen. Insbesondere soll untersucht werden, ob diese Gruppe besondere Bedürfnisse aufweist und inwieweit bestehende Angebote im Bereich des beruflichen Wiedereinstiegs diesen entsprechen. Daraus lassen sich Empfehlungen entwickeln, damit Kursanbieter diese Personengruppe besser erreichen. Das Projekt wird vom Bundesamt für Berufsbildung und Technologie BBT finanziell unterstützt.

Projektverlauf „Expérience Reprof“

In einer ersten Phase wurde die Thematik des beruflichen Wiedereinstiegs breit angegangen. Neben der Gruppe der Familienfrauen, die nach einem Erwerbsunterbruch wieder in die Arbeitswelt zurückkehren, wurde auch die Situation von Langzeitarbeitslosen und Sozialhilfebezügerinnen beleuchtet. Uns interessierte, wie die beteiligten Institutionen mit den betroffenen Personengruppen umgehen und welche spezifischen Massnahmen zur Integration in den Arbeitsmarkt ergriffen werden.

In der ersten Jahreshälfte 2011 wurden 13 Expertengespräche geführt. Interviewt wurden Fachpersonen aus der Sozialhilfe, den RAV und den Frauenberatungsstellen des Netzwerk plusplus.ch. Im Sommer 2011 folgte eine schriftliche Befragung der Frauenberatungsstellen von plusplus.ch, die sich auf die Beratung von Wiedereinsteigerinnen spezialisiert haben. Aufgrund der Interviews und der Befragung wurde schliesslich ein Bericht verfasst. Er beschreibt den Umgang der beteiligten Institutionen mit den verschiedenen Personengruppen und definiert die Merkmale und Bedürfnisse der Gruppe von Frauen, für die sich die Rückkehr ins Berufsleben als schwierig erweist. Im November 2011 wurden das Projekt an einem Workshop einer Gruppe von Expertinnen und Experten vorgestellt und die Ergebnisse der ersten Phase diskutiert. Die Kritikpunkte, die im Workshop aufgeführt wurden, fliessen nun in eine konsolidierte Fassung des Berichts ein, der voraussichtlich im Februar 2012 vorliegen wird. Die wichtigsten Punkte des Berichts werden wir in einem Medienservice Anfang Jahr veröffentlichen.

In der ersten Hälfte 2012 wird eine Untersuchung der Angebote im Bereich beruflicher Wiedereinstieg im Zentrum stehen. Es wird überprüft werden, ob die bestehenden Angebote den spezifischen Bedürfnissen dieser Gruppe entsprechen und welche Angebote sich besonders eignen. In einem weiteren Schritt werden die Anbieter von Kursen im Bereich beruflicher Wiedereinstieg über die Ergebnisse informiert. Travail.Suisse wird eine Tagung durchführen, an der die Resultate vorgestellt werden. Zudem wird eine Broschüre erarbeitet, die Hinweise geben soll, wie Angebote ausgestaltet werden sollen, um diese Zielgruppe zu erreichen.

1 Zahl statistisch nur bedingt zuverlässig, da sehr klein.

2 Siehe dazu die Karte: http://www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/regionen/thematische_karten/gleichstellungsatlas/vereinbarkeit_von_familie_und_erwerbsarbeit/traditionelles_buergerliches_modell.html

3 Gfs.bern. Laura Kopp, Urs Bieri et. al.: Angebote im Bereich beruflicher Wiedereinstieg. Synthesebericht zur Studie Angebote im Bereich beruflicher Wiedereinstieg im Auftrag des Bundesamtes für Berufsbildung und Technologie (BBT). Bern 2009.
4 Dito S. 35.

Anhang Grösse

PD Der steinige Weg zurück in den Beruf.doc 119 KB

19. Dezember 2011, Angela Zihler, Co-Leiterin Projekt «Expérience ReProf» Drucker-icon