Themen – Arbeit – Arbeitsmarkt

DV von Travail.Suisse fordert eine schwarze Liste für lohndiskriminierende Unternehmen

Die Delegierten von Travail.Suisse haben an ihrer heutigen Versammlung gleich drei Resolutionen verabschiedet. Passend zur aktuellen Diskussion stimmten die Delegierten einstimmig der Resolution „Lohndiskriminierung – es braucht eine schwarze Liste der Unternehmen“ zu. Ebenfalls angenommen wurden die Resolutionen zu Personenfreizügigkeit und flankierenden Massnahmen sowie zum Überwachungsgesetz mit den Sozialdetektiven. mehr

Gleich zu Beginn der diesjährigen Delegiertenversammlung lobte Adrian Wüthrich als Präsident von Travail.Suisse den Einsatz der Mitgliedsverbände für die Vaterschaftsurlaubs-Initiative: „Wir haben gemeinsam innert nur einem Jahr die nötigen Unterschriften für einen vernünftigen Vaterschaftsurlaub gesammelt, das ist eine grosse Leistung.“ Die statutarischen Geschäfte zum erfolgreichen Verbandsjahr 2017 waren schnell behandelt, die Delegierten wählten Carole Furrer (Präsidentin SCIV) einstimmig zur neuen Vize-Präsidentin von Travail.Suisse.

Für Interesse sorgte der Auftritt von Suva-Ratspräsident Gabriele Gendotti. In seiner Rede zum 100 Jahre Jubiläum der Suva bekräftigte er die Wichtigkeit der Gewerkschaften für das Selbstverständnis der Suva. Arno Kerst, Präsident der Gewerkschaft Syna und Mitglied des Suva-Ratsausschuss präsentierte im Anschluss die Sicht der Arbeitnehmenden auf die Suva und erläuterte, weshalb Travail.Suisse mit Syna das Referendum gegen das neue Überwachungsgesetz unterstützt. „Das Gesetz schiesst über das Ziel hinaus. Wir unterstützen deshalb das Referendum gegen Sozialdetektive, die alle Versicherten in der Schweiz ohne richterliche Genehmigung observieren können – bis hinein ins Schlafzimmer.“ Die Delegierten von Travail.Suisse haben in der Folge die Resolution „Überwachungsgesetzt: Versicherungsmissbrauch bekämpfen, aber rechtsstaatlich korrekt und verhältnismässig“ einstimmig angenommen. Neben der Unterstützung des Referendums appellierten die Delegierten an die Suva, ihre Vorbildrolle wahrzunehmen und Observationen von Versicherten aus eigener Initiative von einen unabhängigen Stelle absegnen zu lassen.

Einstimmiges Ja zur Resolution eine schwarze Liste der lohndiskriminierenden Unternehmen

Im Februar hat der Ständerat mit der Rückweisung des Revisionsentwurfs des Gleichstellungsgesetzes GlG schockiert. Er zeigte damit seine Geringschätzung gegenüber der Lohndiskriminierung der Frauen, die noch immer mindestens 7,7 Milliarden Franken jährlich ausmacht. Der Politik scheint das egal zu sein, sogar eine regelmässige, obligatorische Selbstkontrolle – ohne Sanktionen notabene – war zu viel. Der Entscheid des Ständerats hat das Fass nun zum Überlaufen gebracht: „Wir, die Gewerkschaften und Personalverbände, glauben nicht mehr an schöne Worte. Das vor 22 Jahren in Kraft getretene Gesetz muss jetzt endlich wirken, sonst schreiten wir zur Tat und erstellen eine schwarze Liste für lohndiskriminierende Firmen“, bekräftigt Valérie Borioli Sandoz, Leiterin Gleichstellungsgesetz bei Travail.Suisse.

Einstimmiges Ja zur Resolution zu Personenfreizügigkeit und flankierenden Massnahmen

Alarmsignale blinken auch beim Blick auf die aktuellen Entwicklungen zu Personenfreizügigkeit und flankierende Massnahmen (FlaM). Der jüngste Frontalangriff von Seiten der SVP war die Lancierung der Kündigungsinitiative: „Diese Initiative ist mehr als ein Angriff auf die bilateralen Verträge, sie ist ein Angriff auf die schweizerische Errungenschaft der Sozialpartnerschaft im Allgemeinen und auf die flankierenden Massnahmen im Besonderen“, sagt Gabriel Fischer, Leiter Wirtschaftspolitik. Und das, nachdem knapp drei Jahre um eine EU-kompatible Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative (MEI) gerungen wurde und auf Mitte 2018 mit der Stellenmeldepflicht ein valables Instrument in Kraft tritt, das die Chancen der inländischen Arbeitskräfte erhöht. Doch damit nicht genug: Die FlaM drohen im Rahmen der Verhandlungen für ein institutionelles Rahmenabkommen zur Verhandlungsmasse zu verkommen oder durch EU-Gerichtsbarkeiten oder ein Schiedsgericht ausgehebelt zu werden. Travail.Suisse und die angeschlossenen Verbände stehen nach wie vor zu den bilateralen Verträgen. Allerdings muss das politische Versprechen von geschützten Löhnen und Arbeitsbedingungen zwingend eingehalten und die flankierenden Massnahmen müssen angepasst und ausgebaut werden. Die Freizügigkeitsrendite aus den bilateralen Verträgen muss der Gesamtbevölkerung zu Gute kommen und nicht nur den Unternehmen mit ihren Aktionären.

>> zur Medienmitteilung und allen drei Resolutionen

Für weitere Informationen:
Adrian Wüthrich, Präsident Travail.Suisse, Mobil: 079 287 04 93

Save the date: Am kommenden Montag, 30. April (9.30 Uhr, Bern) präsentiert Travail.Suisse anlässlich einer Medienkonferenz das neue Positionspapier „Gleichstellung von Frau und Mann heute und morgen – 28 Forderungen für mehr Wahlfreiheit und zur Gewährleistung der Lebensqualität von Arbeitnehmenden“. Mehr dazu: www.travailsuisse.ch (ab 30.4.2018)

27. April 2018, Adrian Wüthrich, Präsident

Mehr Beachtung den älteren Arbeitnehmenden

Travail.Suisse, der unabhängige Dachverband der Arbeitnehmenden, hat die vierte nationale Konferenz zum Thema ältere Arbeitnehmende heute mit gemischten Gefühlen verlassen. Travail.Suisse warnt davor, die Situation der älteren Arbeitnehmenden auf dem Arbeitsmarkt zu verharmlosen. Dies kann sich die Schweiz angesichts der demografischen Entwicklung und des sich verschärfenden Fachkräftemangels nicht leisten. Travail.Suisse fordert insbesondere mehr Engagement von Seiten der Unternehmen, namentlich bei der Weiterbildung ihrer älteren Angestellten. mehr

Als nationaler Sozialpartner wurde Travail.Suisse, der unabhängige Dachverband der Arbeitnehmenden, von Bundesrat Johann Schneider-Ammann zusammen mit anderen Sozialpartnerverbänden und Kantonsvertretungen zur Konferenz ältere Arbeitnehmende eingeladen. Der Austausch war intensiv, offen und konstruktiv. Die Schlusserklärung hätte für Travail.Suisse allerdings klarer ausfallen dürfen.

Wer mit über 50 Jahren seine Arbeit verliert, bekundet oft Mühe, wieder eine Stelle zu finden. Das zeigt auch die steigende Sozialhilfequote in der Kategorie der 56-bis 64Jährigen. Während sich für die meisten Alterskategorien über die letzten rund 10 Jahre konstante oder nur leicht steigende Sozialhilfequoten feststellen lassen, ist die Zunahme bei den 56 bis 64-Jährigen frappant. Insgesamt hat sich die Zahl der sozialhilfebeziehenden 56 bis 64-Jährigen in den letzten 10 Jahren auf über 30‘000 Personen verdoppelt. Die finanziellen und sozialen Auswirkungen einer Aussteuerung sind für die Betroffenen gravierend. Konkrete Massnahmen zur Verhinderung der der Aussteuerung von älteren Stellenlosen sind deshalb zwingend. „Wir begrüssen es, dass jetzt Bund, Kantone und Sozialpartner entsprechende Vorschläge prüfen“, unterstreicht Adrian Wüthrich, Präsident von Travail.Suisse,

Für Travail.Suisse ist indes prioritär, dass die älteren Arbeitnehmenden bis zur Pensionierung im Arbeitsprozess bleiben können. In diesem Zusammenhang müssen die Unternehmen stärker verpflichtet werden, ihre Weiterbildungsbudgets auch für über 50jährige Angestellte einzusetzen, und damit der im Weiterbildungsgesetz verankerten Pflicht, die Weiterbildung zu begünstigen, nachkommen. Insbesondere dem Instrument der Standortbestimmung muss mehr Gewicht beigemessen werden.

Travail.Suisse fordert zudem einen Sonderkredit für die Qualifizierung von Erwachsenen ohne Bildungsabschluss und die effektive Umsetzung der Stellenmeldepflicht, so dass sich die Chancen der älteren Stellenlosen auf dem Arbeitsmarkt spürbar verbessern.

Travail.Suisse hat mit dem Schweizerische Arbeitnehmer- und Arbeitslosenverband Save50Plus diese Woche eine Zusammenarbeitsvereinbarung abgeschlossen, um sich dieser Entwicklung verstärkt anzunehmen.

Weitere Informationen:
Adrian Wüthrich, Präsident Travail.Suisse, 079 287 04 93

26. April 2018, Adrian Wüthrich, Präsident

Zusammenarbeitsvereinbarung Save50plus und Travail.Suisse: Den älteren Arbeitnehmenden eine Stimme geben

Die Situation der älteren Arbeitnehmenden muss von der Wirtschaft ernster genommen werden. Es braucht mehr Aus- und Weiterbildung und einen kulturellen Wandel in den Unternehmen. Diese Entwicklung wollen der Schweizerische Arbeitnehmer- und Arbeitslosenverband Save50Plus und Travail.Suisse, der Dachverband der Arbeitnehmenden, stärker beeinflussen. Im Vorfeld der 4. Nationalen Konferenz zum Thema ältere Arbeitnehmende vom 26. April haben Save50plus und Travail.Suisse eine Zusammenarbeitsvereinbarung unterzeichnet, um über die Konferenz hinaus die Interessen der älteren Arbeitnehmenden auf nationaler Ebene besser zu vertreten. mehr

Zwar ist demografiebedingt mittlerweile jeder fünfte Erwerbstätige älter als 54 Jahre, aber die Situation hat sich für ältere Arbeitnehmende in den letzten Jahren wenig vorteilhaft entwickelt. Die Arbeitslosenquote ist bei Erwerbstätigen ab 50 Jahren in den wirtschaftlich schwierigen Jahren deutlich stärker gestiegen und geht jetzt im Aufschwung langsamer zurück als bei den Jüngeren. Unter dem Strich bedeutet dies, dass ältere Arbeitnehmenden schneller entlassen werden, länger arbeitslos bleiben und weniger schnell wieder eine Stelle finden. Parallel dazu ist die Sozialhilfequote bei den 56-64-Jährigen seit 2011 stark angestiegen. Es besteht folglich Handlungsbedarf die älteren Arbeitnehmenden gezielt zu unterstützen.

Mit Save50plus hat Travail.Suisse mit einem der bedeutendsten Verbände, die sich für die älteren Arbeitnehmenden einsetzen, einen Zusammenarbeitsvertrag abgeschlossen. Save50plus zählt über 1600 Mitglieder und richtet seine Arbeit auf motivierte, ältere Arbeitssuchende aus und zeigt ihnen Strategien und Wege zu modernen Arbeitsmodellen auf, die ein Einkommen ermöglichen und den bisherigen Lebensstandard sichern können. In Zusammenarbeit mit Organisationen und Unternehmen, die das Potenzial erfahrener Arbeitnehmenden erkannt haben und ihr Know-How zu schätzen wissen, setzt sich der nationale Dachverband Save50plus für einen altersneutralen Arbeitsmarkt ein und vermittelt wertvolle Kontakte. Im Vorfeld der Konferenz für ältere Arbeitnehmende hat Save50plus am Vortrag Bundesrat Johann Schneider-Ammann zum Austausch getroffen. Daniel G. Neugart, Präsident und Geschäftsführer von Save50plus: „Wir bauen auf strategische Kooperationen im Dialog mit Wirtschaft und Politik. Wir wollen nicht effektvoll sein und Attacken reiten, sondern effiziente und konkrete Lösungen anbieten. In diesem Sinne erachten wir die Zusammenarbeit mit Travail.Suisse als besonders hilfreich.“

Travail.Suisse ist wie in den letzten drei Jahren als nationaler Sozialpartner nächsten Donnerstag zur Konferenz eingeladen und wird seine Forderungen präsentieren. Neben der Förderung der Aus- und Weiterbildung und der Standortbestimmung für Erwachsene ist die wirksame Umsetzung der Stellenmeldepflicht für Erwerbslose zentral. Damit die Anliegen der älteren Arbeitnehmenden effektiver adressiert werden können, ist die institutionalisierte Zusammenarbeit zwischen den beiden Verbänden sinnvoll. Es braucht kulturelle Veränderungen in den Unternehmen und der Wirtschaft generell, aber auch politische Massnahmen. „Zusammen mit Save50plus wollen wir das Bewusstsein in Wirtschaft und Politik stärken, dass ältere Arbeitnehmende angesichts der demografischen Entwicklung wertvoll sind. Ihnen soll mehr Weiterbildung angeboten wird, damit sie bis zur ordentlichen Pensionierung im Arbeitsmarkt aktiv sein können“, umschreibt Adrian Wüthrich, Präsident von Travail.Suisse, das Ziel der Zusammenarbeit.

Durch die Zusammenarbeit der beiden Organisationen sollen die Situation der älteren Arbeitnehmenden auf dem Arbeitsmarkt und ihre Interessenvertretung auf nationaler Ebene verbessert werden. Dies soll sowohl durch politisches Engagement, Medienarbeit und Weiterbildungsmassnahmen erreicht werden.

Weitere Informationen:
• Daniel G. Neugart, Präsident Save50plus, 061 361 50 05
• Adrian Wüthrich, Präsident Travail.Suisse, 079 287 04 93

24. April 2018, Adrian Wüthrich, Präsident

SAKE 2017: Praktika und befristete Anstellungen auf dem Vormarsch

Die Ergebnisse der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung 2017 belegen eine Zunahme von befristeten Anstellungsverhältnissen und Praktikumsverträgen auf dem Arbeitsmarkt. Damit steigen für die Arbeitnehmenden die Unsicherheiten. Betroffen sind besonders die jüngeren Arbeitnehmenden. Für Travail.Suisse, den unabhängigen Dachverband der Arbeitnehmenden, ist klar, dass diese Entwicklung vertiefter zu analysieren ist und es gerade im Bereich der Praktika klarere Regelungen braucht. mehr

Befristete Arbeitsverträge führen bei den Arbeitnehmenden zu grossen Unsicherheiten. Diese Arbeitsplatzunsicherheit kann sich nicht zuletzt negativ auf soziale Beziehungen und die gesundheitliche Situation der Arbeitnehmenden auswirken. Die SAKE weist für 2017 8 % der Berufstätigen in einer befristeten Anstellung aus. Dies entspricht rund 300‘000 Arbeitnehmenden und damit fast 80‘000 Arbeitnehmende mehr als noch 2010. Am meisten betroffen von befristeten Anstellungen sind gemäss SAKE die jüngeren Arbeitnehmenden. Bei den 15- bis 24-Jährigen ist fast jedes vierte Arbeitsverhältnis befristet. Dieser Anteil hat von 2010 (18.4%) auf 2017 (22.7%) markant zugenommen und ist ein Indiz darauf, dass gerade jüngere Personen bei der Integration in den Arbeitsmarkt vermehrt mit Schwierigkeiten konfrontiert sind.

Starke Zunahme der Praktika

Die starke Zunahme von befristeten Anstellungsverhältnissen bei jüngeren Arbeitnehmenden ist insbesondere auf die Entwicklungen der Praktika zurückzuführen. Waren 2010 noch 36.2% der befristeten Anstellungsverhältnisse Praktika, liegt dieser Anteil 2017 bei 40.9 %. Insgesamt hat sich die Zahl der 15-24-jährigen PraktikantInnen von rund 22‘000 im Jahr 2010 auf rund 33‘000 im Jahr 2017 erhöht.

Praktika können einen guten Übergang von der Ausbildung in die Arbeitswelt ermöglichen, allzu oft stimmen aber die Rahmenbedingungen nicht oder PraktikantInnen werden als billige Arbeitskräfte ausgenutzt. Für Travail.Suisse ist klar, dass es klare Regelungen für die Dauer der Praktika, die Lerninhalte, die Betreuung, die Arbeitsbedingungen und nicht zuletzt die Bezahlung braucht, damit diese als sinnvoll angesehen werden können. Die Zunahme der Praktikumsverhältnisse im Speziellen und der befristeten Arbeitsverhältnisse im Generellen ist vertiefter zu analysieren, ansonsten droht eine zunehmende Prekarisierung der Arbeitnehmenden in der Schweiz.

Für weitere Informationen:
Gabriel Fischer, Leiter Wirtschaftspolitik, Tel. 031 370 21 11 oder 076 412 30 53

19. April 2018, Gabriel Fischer, Leiter Wirtschaftspolitik

Arbeitsmarktfähigkeit: Die Verantwortung liegt zu stark beim Individuum

Die stetige Aus- und Weiterbildung der Arbeitnehmenden ist ein zentraler Faktor für intakte Chancen auf dem Arbeitsmarkt und für die Arbeitsmarktfähigkeit. Die Verantwortung dafür liegt in der Schweiz vor allem beim Individuum. Gerade Arbeitnehmende mit tiefen Qualifikationen werden durch die Arbeitgeber zu wenig gefördert. Ein neuer Bericht zeigt: Auch die Arbeitslosenversicherung zieht sich aus der Verantwortung. Mit dieser Haltung wird es schwierig, die Herausforderungen der Digitalisierung zu meistern. mehr

Lebenslanges Lernen, Weiterbildungen und Höherqualifizierung sind Schlagworte, wenn es um den Erhalt der Chancen auf dem Arbeitsmarkt geht. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die ihr gesamtes Erwerbsleben beim selben Arbeitgeber beschäftigt sind, werden immer seltener, überhaupt nehmen gradlinige Erwerbs- und Karriereverläufe ab. Für die Arbeitnehmenden bedeutet das grosse Anforderungen, zum Beispiel an ihre Mobilität. Die grundsätzliche Herausforderung ist es, die Arbeitsmarktfähigkeit zu erhalten, so dass man mit intakten Chancen eine 40-jährige Erwerbstätigkeit auf dem Arbeitsmarkt in Angriff nehmen kann.

Investiert wird vorwiegend in das Kader

In der Schweiz liegt die Verantwortung für diese Arbeitsmarkfähigkeit sehr stark bis ausschliesslich bei den einzelnen Arbeitnehmenden – die generelle Sorgfaltspflicht der Arbeitgeber wird kaum je auf dieses Thema angewendet. Zwar investieren die Arbeitgeber durchaus in die Entwicklung ihrer Mitarbeiter. Allerdings eher im Bereich ihrer Kader, wo sie sich einen direkten Mehrwert davon versprechen, und weniger in den generellen Erhalt der Arbeitsmarktfähigkeit ihrer Angestellten. Aus dem «Barometer Gute Arbeit» von Travail.Suisse wird deutlich, dass sich fast die Hälfte der Arbeitnehmenden in ihren Weiterbildungsbemühungen unzureichend unterstützt fühlen (vgl. Abbildung). Frappierend sind die Unterschiede je nach Bildungs- und Qualifikationsniveau der Arbeitnehmenden. Während die Weiterbildung der höher Qualifizierten zu beinahe 60 Prozent von ihren Arbeitgebern gefördert werden, ist dieser Wert bei den tiefer Qualifizierten mit rund 40 Prozent deutlich tiefer.

Abbildung: Förderung der Weiterbildung durch die Arbeitgeber nach Bildungsniveau

Quelle: „Barometer Gute Arbeit“, Travail.Suisse 2017.

Schlechtere Chancen durch geringe Förderung der Weiterbildung von tiefer qualifizierten Arbeitnehmenden manifestieren sich in den Arbeitslosenstatistiken: Während Personen ohne Abschluss auf Sekundarstufe II weniger als 15 Prozent aller Erwerbstätigen in der Schweiz ausmachen, stellt diese Personengruppe beinahe 30 Prozent aller registrierten Arbeitslosen.

Herausforderung für die Arbeitslosenversicherung

Im Rahmen der Fachkräfteinitiative hat der Bundesrat dem Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung WBF den Auftrag erteilt, die Möglichkeiten der arbeitsmarktlichen Massnahmen der Arbeitslosenversicherung bei strukturell bedingter beruflicher Umorientierung abzuklären. Dieser Bericht1 liegt jetzt vor. Er macht deutlich, „dass die berufliche Weiterbildung und Umorientierung von Stellensuchenden grundsätzlich nicht Aufgabe der ALV ist“, (S.11). Damit folgt das WBF der momentan verwaltungsintern weit verbreitete Auffassung, wonach der primäre Zweck der ALV in der raschen (Re)Integration arbeitsloser Personen in den Arbeitsmarkt besteht. Leider geht vergessen, dass im Zweckartikel des AVIG (Art. 1 Abs. 2) die dauerhafte Eingliederung und die Vermeidung von Arbeitslosigkeit explizit als primäre Aufgaben erwähnt sind.

Dass Bildungsmassnahmen im Rahmen der Arbeitslosenversicherung ein Mauerblümchendasein fristen und von den Kantonen kaum genutzt werden, zeigt sich deutlich bei den finanziellen Relationen: So wurden 2016 für Ausbildungszuschüsse keine 20 Millionen Franken gesprochen; weniger als für Schlechtwetter- (23.9 Millionen Franken) oder Insolvenzentschädigungen (35.9 Millionen Franken). Auch im Vergleich zu den über 5.5 Milliarden Franken ausbezahlten Arbeitslosenentschädigungen sind die Ausbildungszuschüsse nicht der Rede wert. In der Praxis der Kantone werden Bildungsmassnahmen höchstens für schwer vermittelbare Versicherte oder Nachholbildungen eingesetzt, nicht aber für Weiterbildungen oder Höherqualifizierungen mit Fokus auf den Erhalt der Arbeitsmarktfähigkeit. Der Bericht des WBF hält sich sehr eng an die gesetzlichen Rahmenbedingungen und geltende Praxis und verpasst so die Chance zu zeigen, welche Möglichkeiten sich durch die Arbeitslosenversicherung bieten und welche Herausforderungen auf sie zukommen. Denn eines ist klar: Der fortschreitende Prozess der Digitalisierung wird die Frage nach dem Erhalt der Arbeitsmarktfähigkeit akzentuieren. Bei beschleunigtem Strukturwandel und zunehmend fragmentierteren und kurzlebigeren Arbeitsverhältnissen steigen auch die Anforderungen an Mobilität und Flexibilität für die Arbeitnehmenden. Dabei kommt der Weiterbildung die zentrale Funktion zu, die Chancen auf eine erfolgreiche und nachhaltige Arbeitsmarktpartizipation langfristig zu maximieren.

Um diese Herausforderungen erfolgreich zu meistern, braucht es neben der Bereitschaft der Arbeitnehmenden zu lebenslangem Lernen und der stärkeren Beteiligung der Arbeitgeber an den Weiterbildungsinvestitionen auch eine stärkere Unterstützung durch die öffentlichen Hand – zum Beispiel über die Arbeitslosenversicherung.


1 WBF. Einsatz von arbeitsmarktlichen Massnahmen der Arbeitslosenversicherung bei strukturell bedingten beruflichen Umorientierungen.

03. April 2018, Gabriel Fischer, Leiter Wirtschaftspolitik

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