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Internationale Arbeitskonferenz 2018: die Gleichstellung und die Zukunft der Arbeit im Blickpunkt

Nach den zahlreichen öffentlichen Anschuldigungen im Zusammenhang mit Übergriffen und Gewalt gegen Frauen waren die Jahre 2017 und 2018 von einer stärkeren Welle von Reaktionen zugunsten der Gleichstellung geprägt. Auch die Internationale Arbeitskonferenz (IAK) hat die Gleichstellung mit dem Bericht des Generaldirektors Guy Ryder thematisiert und einen normensetzenden Prozess zum Thema Gewalt und Belästigung in der Arbeitswelt eingeleitet. mehr

Travail.Suisse hat dieses Jahr im Namen der Schweizer Delegation der Arbeitnehmenden eine Rede an der IAK gehalten und auf die Situation in der Schweiz hingewiesen. Die Frage der Zukunft der Arbeit wurde ebenfalls thematisiert und wird ein Schwerpunktthema im Jahr 2019 bilden, in dem die Internationale Arbeitsorganisation (IAO) ihr 100-jähriges Bestehen feiert.

Wenngleich die weltweite Debatte über die Fälle von sexueller Belästigung von Frauen, welche ein grosses Medienecho auslöste, in den vergangenen zwei Jahren die Verletzbarkeit der Frauen in den Fokus gerückt hat, betrifft die Frage der Gleichstellung auch die Männer. Im Rahmen der IAK 2018, die am 8. Juni zu Ende ging, präsentierte der Generaldirektor der IAO, Guy Ryder, seinen neuen Bericht mit dem Titel «Initiative für erwerbstätige Frauen: Ein Vorstoss für Gleichstellung». In diesem Bericht werden fünf Handlungsfelder vorgestellt, um eine angepasste Gleichstellungspolitik zu fördern und die Aktivitäten der IAO entsprechend auszurichten:
- Der rechte Weg zu einer neuen Pflegewirtschaft;
- Frauen stärker befähigen, selbst über die Verwendung ihrer Zeit zu bestimmen;
- Die Erwerbstätigkeit von Frauen fair bewerten;
- Frauen zu mehr Mitsprache und Repräsentation verhelfen;
- Gewalt und Belästigung ein Ende setzen.

Travail.Suisse, der unabhängige Dachverband der Arbeitnehmenden, konnte seine Anliegen an der 107. Tagung der IAK im Namen der Schweizer Delegation der Arbeitnehmenden einbringen und den Bericht des Generaldirektors gutheissen. Das von Travail.Suisse erarbeitete Positionspapier «Gleichstellung von Mann und Frau heute und morgen» mit 28 Empfehlungen konnte der IAO und allen Delegierten an der IAK zur Kenntnis gebracht werden. Bei dieser Gelegenheit wurde daran erinnert, dass in der Schweiz noch zahlreiche Fortschritte zu erzielen sind und dass es diesbezüglich weniger an Mitteln als am politischen Willen fehlt.

Die Übereinkommen der IAO sind für die Schweiz wichtig

Die IAO setzt sich seit langem für die Gleichstellung der Geschlechter in der Arbeitswelt ein; ein erstes Beispiel war die Förderung des Grundsatzes «gleicher Lohn für gleiche Arbeit». Unter den Grundsätzen, die die IAO bei ihrer Gründung im Jahr 1919 definiert hat, wird dieses Anliegen übrigens als prioritär und dringlich eingestuft. Im Klartext bedeutet dies, dass Männer und Frauen für gleichwertige Arbeit die gleiche Entlöhnung erhalten sollten. Das Übereinkommen Nr. 100 über die Gleichheit des Entgelts geht auf das Jahr 1951 zurück und wurde 1972 von der Schweiz ratifiziert. In der Folge verabschiedete die IAO im Jahr 1958 auch das Übereinkommen Nr. 111 über die Diskriminierung in Beschäftigung und Beruf, welches die Schweiz ebenfalls ratifiziert hat. Mit der Ratifizierung dieses Übereinkommens hat sich die Schweiz verpflichtet, die Lohn- und Chancengleichheit in Beschäftigung und Beruf zu fördern, und dies sowohl in ihrem Rechtssystem als auch in der Praxis. Trotz der Ratifizierung dieser beiden Übereinkommen, die zu den wichtigsten der IAO zählen, sind in der Schweiz nach wie vor unerklärbare Lohnunterschiede festzustellen, die auf eine Genderdiskriminierung schliessen lassen. Die derzeit im Parlament diskutierte Gesetzesvorlage zur Gleichstellung, welche vorsieht, dass nur 0,8% der in der Schweiz ansässigen Unternehmen einer Überprüfung der Löhne unterzogen werden und dass diese bei Verstössen keine Sanktionen befürchten müssen, ist ein eklatantes Beispiel einer Gesetzeslücke. Und diese Gesetzeslücke führt aufgrund des fehlenden politischen Willens dazu, dass die von der Schweiz ratifizierten Übereinkommen der IAO nicht vollständig umgesetzt werden können.

Im Übrigen hat die Schweiz zwar die Übereinkommen Nr. 100 und 111 ratifiziert, nicht aber das Übereinkommen Nr. 156 über die Arbeitnehmer mit Familienpflichten. Dieses Übereinkommen zielt ebenfalls auf die Gleichstellung von Mann und Frau und bezweckt die Förderung einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben. Travail.Suisse geht diesbezüglich mit gutem Beispiel voran und hat mit ihrer Initiative für einen Vaterschaftsurlaub von 20 Tagen eine Gesetzesvorlage eingereicht, welche eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie ermöglicht, wie dies im Bericht des Generaldirektors der IAO gefordert wird.

Die normensetzende Arbeit der IAO muss prioritär bleiben

Travail.Suisse ist generell der Auffassung, dass die normensetzende Arbeit auch weiterhin im Zentrum der Tätigkeit der IAO stehen muss. In diesem Sinne hat sich die IAO verpflichtet, einen normensetzenden Prozess zum Thema Gewalt und Belästigung in der Arbeitswelt einzuleiten. Die IAO hat schon heute mehrere Normen, die auf Gewalt und Belästigung Bezug nehmen, aber keine dieser Normen enthält eine Definition oder konkrete Anleitungen bezüglich der Art und Weise, wie diese Übergriffe zu vermeiden sind. Die IAK 2018 hat sich daher zum Ziel gesetzt, inakzeptable Verhaltensweisen, die Möglichkeit, spezifische verletzbare Gruppen einzubinden, sowie die Behandlung der verschiedenen Fälle von Gewalt und Belästigung zu definieren. Eine zweite Etappe ist für 2019 geplant, um die Einführung eines Instruments zu vereinbaren; ebenso ist die Verabschiedung eines neuen Übereinkommens der IAO vorgesehen. Die Schweizer Delegation hat diesen normensetzenden Prozess geschlossen begrüsst. Ein zentraler Aspekt bleibt für Travail.Suisse die Tatsache, dass die Verabschiedung von rechtlichen Instrumenten und Sanktionen unabdingbare Voraussetzungen sind, um eine echte Gleichstellung und bessere Arbeitsbedingungen für alle Arbeitnehmenden zu erreichen. Die Einführung von Regulierungsmechanismen und die Vereinfachung der Verhandlungen im Rahmen des sozialen Dialogs sind ebenfalls wichtige Hebel zur Förderung besserer Arbeitsbedingungen. Ohne eine verbindliche Rechtsnorm, welche adäquate Massnahmen vorsieht, lassen sich anständige Arbeitsbedingungen und soziale Gerechtigkeit für alle nicht konkretisieren. Aus diesen Gründen muss die Arbeit der IAO vor allem normensetzend bleiben.

Die Schweiz wird 2019 eine wichtige Rolle spielen

Mit Blick auf das hundertjährige Bestehen der IAO im kommenden Jahr wird der Schweiz die Ehre zuteil, die Präsidentschaft der nächsten IAK zu übernehmen. Unter den Initiativen, die im Rahmen des Jubiläums vorgesehen sind und die das Mandat der IAO als Garantin der sozialen Gerechtigkeit unterstützen sollen, hat sich die Schweiz verpflichtet, die Initiative über die Zukunft der Arbeit zu fördern. In diesem Kontext ist klar, dass die Förderung der Gleichstellung eine eminent wichtige Voraussetzung für die Gewährleistung guter Arbeitsbedingungen für alle Arbeitnehmenden ist. Wie auch im Zusammenhang mit den anderen von der IAK 2018 behandelten Themen und insbesondere mit der Agenda 2030 für eine nachhaltige Entwicklung in Erinnerung gerufen wurde, sind die wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Ziele eng miteinander verknüpft. Es ist daher schwer vorstellbar, ohne eine globale Sichtweise über die Zukunft der Arbeit zu diskutieren, und in der Schweiz sind diesbezüglich in vielen Bereichen noch erhebliche Fortschritte notwendig.

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2018 06 18 OIT-ILO-IAO d.docx 26 KB

18. Juni 2018, Hélène Agbémégnah, Leiterin Migrationspolitik und Rechtsfragen Drucker-icon

Der nächste Prüfstand für die Beziehungen Schweiz – EU

Nach einer Zeit der Unsicherheiten hat der Bundesrat nun Klarheit geschaffen über die Weiterentwicklung der Schweizer Beziehungen zur Europäischen Union. Für Travail.Suisse, den unabhängigen Dachverband der Arbeitnehmenden, ist entscheidend, dass die flankierenden Massnahmen auf dem Weg zu einem institutionellen Rahmenabkommen nicht zur Verhandlungsmasse werden. Neben diesen Verhandlungen steht auch die Initiative zur Kündigung der Personenfreizügigkeit am Horizont. Es ist daher unabdingbar, mit einer wirksamen Stellenmeldepflicht die Position der inländischen Arbeitskräfte zu stärken und mit einer gerechteren Verteilung der Freizügigkeitsrendite die Zustimmung der Bevölkerung zur Personenfreizügigkeit zu erhalten. mehr

Seit dem Staatsbesuch von EU-Ratspräsident Jean-Claude Juncker in Bern Ende letzten Jahres steht die Zukunft der Beziehungen zwischen der Schweiz und der europäischen Union wieder stärker im Fokus der Öffentlichkeit. Dass die EU eine Weiterentwicklung der bilateralen Verträge wünscht, ist nichts Neues. Bereits 2013 hat die Schweiz ein Verhandlungsmandat für ein institutionelles Rahmenabkommen verabschiedet. Im Kern geht es um die Fragen, wie einerseits das statische bilaterale Vertragswerk mit der dynamischen Rechtsentwicklung in Einklang gebracht werden kann und andererseits wie man bei Uneinigkeiten über die Auslegung der Verträge eine Streitbeilegung erreicht.

Doch obschon bereits diverse Verhandlungsrunden zu einem institutionellen Rahmenabkommen stattgefunden haben, scheint eine Einigung schwierig. An die Öffentlichkeit dringt wenig Konkretes. Die EU zeigte sich jedenfalls mit den Fortschritten unzufrieden und liess kurzerhand die Muskeln spielen – die Schweiz fand sich Ende 2017 unvermittelt auf einer grauen Liste für Steueroasen wieder und die Äquivalenz der Börsenrichtlinie wurde nur auf ein Jahr befristet erteilt.

Aus dem Bundesrat und hohen Verwaltungskreisen kamen in den letzten Monaten sehr unterschiedliche Zeichen und Signale. So hiess es einmal, die Verhandlungen zum institutionellen Rahmenabkommen seien kurz vor dem Abschluss, dann war von kaum überwindbaren Hindernissen die Rede. Es wurde angeregt, den Verhandlungen mit der Kumulation von verschiedene Dossiers (z.B. Abkommen über die Strommarktöffnung) zum Durchbruch zu verhelfen und der neue Aussenminister Cassis verunsicherte mit seiner Suche nach dem „Reset-Knopf“.

Aus Sicht der Arbeitnehmenden hat ein institutionelles Rahmenabkommen keinen inhärenten Wert. Travail.Suisse steht aber für geregelte Beziehungen mit den wichtigsten Handelspartnern und direkten Nachbarn – für eine kleine, offene und exportorientierte Volkswirtschaft ist dies unabdingbar. Dass dabei die Rechtsentwicklung berücksichtigt werden muss, um den Marktzugang zum EU-Raum längerfristig zu sichern, ist selbstverständlich. Eine Institutionalisierung dieses Prozesses ist wohl kaum zu umgehen oder wird auf Dauer zumindest deutlich effizienter sein als die jeweils sektoriellen Prozesse. Entscheidend für Travail.Suisse ist in erster Linie, dass die flankierenden Massnahmen (FlaM) nicht zum Spielball im Konflikt um ein solches Rahmenabkommen werden. Für die Arbeitnehmenden ist klar: Die Personenfreizügigkeit gibt es nur mit effektiven flankierenden Massnahmen. Denn es ist nicht selbstverständlich, dass Arbeitnehmervertreter einer Personenfreizügigkeit und damit der uneingeschränkten Konkurrenz der inländischen Arbeitskräfte zustimmen. Diese Zustimmung braucht eine Garantie, dass Personenfreizügigkeit nicht zu einem Dumping der Schweizer Löhne führt und dass die Lohn- und Arbeitsbedingungen geschützt bleiben. Dazu wurden die FlaM eingeführt und dazu braucht es die FlaM auch heute noch.

Eckpunkte zu den Verhandlungen über ein institutionelles Rahmenabkommen

Nach einer mehrteiligen Klausur ist der Bundesrat unlängst zu einer gemeinsamen Position zur Zukunft der Beziehungen zwischen der Schweiz und der EU gelangt. Im Kern wurde die Suche nach einem institutionellen Rahmen für die bilateralen Verträge bestätigt. Entscheidend und richtigerweise werden die FlaM nicht Teil dieser Verhandlungen sein. Der Bundesrat möchte allerdings rasch zu einem Verhandlungsergebnis kommen, nicht zuletzt weil momentan ein Verhandlungsfenster erkennbar ist, das sich gegen Ende des Jahres wieder schliesst. Am 30. März 2019 wird der Brexit stattfinden und anschliessend sind sowohl in der EU als auch in der Schweiz Wahlen angesagt, was zu einer Blockade in den Verhandlungen führen wird. Als grösste Änderung soll die Einführung eines Schiedsgerichtes als Streitschlichtungsinstanz geprüft werden. Damit soll die Rolle des europäischen Gerichtshofes (EuGH) beschränkt werden, um so die toxische Diskussion der „fremden Richter“ abzuschwächen. Inwieweit dies gelingen wird, wird sich zeigen, schliesslich wird sich der EuGH zumindest für diejenigen Teile in den bilateralen Verträgen, die aus einer Übernahme von EU-Recht bestehen, kaum die Kompetenz zur Auslegung entziehen lassen.

Keine Kündigung der Personenfreizügigkeit aber gerechtere Nutzenverteilung

Unabhängig vom Resultat der Verhandlungen zum institutionellen Rahmenabkommen wird das Verhältnis zur EU auf der politischen Tagesordnung bleiben. So bewirtschaftet die SVP ihr Hauptthema weiter und hat zu Beginn des Jahres ihre Initiative zur Kündigung der Personenfreizügigkeit lanciert. Im Gegensatz zur Masseneinwanderungsinitiative wird diesmal reiner Wein eingeschenkt und unmissverständlich die Kündigung der Personenfreizügigkeit gefordert und damit der Wegfall der durch die Guillotine-Klausel verbundenen Bilateralen I in Kauf genommen. Die Folgen wären eine negative Wirtschaftsentwicklung mit grossem Stellenverlust und zunehmender Druck auf die Löhne und Arbeitsbedingungen durch die prekäre Beschäftigung von ausländischen Arbeitnehemnden in einem Kontingentssystem – aus Sicht der Arbeitnehmenden ist diese Initiative ein Irrweg.

Es ist aber auch klar, dass die negativen Begleiterscheinungen einer Personenfreizügigkeit noch stärker angegangen werden müssen. Nur mit einer erfolgreichen Ausschöpfung des inländischen Arbeitskräftepotenzials, funktionierenden flankierenden Massnahmen zum Schutz der Löhne und Arbeitsbedingungen und einer gerechteren Verteilung der Freizügigkeitsrendite kann die Zustimmung der Bevölkerung zur Personenfreizügigkeit nachhaltig aufrechterhalten werden. Dabei ist die Einführung einer effektiven Stellenmeldepflicht ein wichtiger erster Schritt. Im Kern werden so die Chancen von arbeitslosen Personen auf ein Bewerbungsgespräch und allenfalls eine Wiederanstellung erhöht. Besonders davon profitieren dürften bei der Arbeitssuche diskriminierte Personen, deren Dossiers im Bewerbungsverfahren vorschnell aussortiert würden. Allerdings bedingt es zur Wirksamkeit des Instrumentes einen Kulturwandel bei den Arbeitgebern. Einerseits müssen die Vorurteile gegenüber den bei den RAVs gemeldeten Personen abgebaut und andererseits muss diesen Personen dann auch tatsächlich eine Chance gegeben werden anstatt vorschnell im Ausland zu rekrutieren: Nur so können die Chancen der inländischen Erwerbsbevölkerung tatsächlich verbessert werden. Ausserdem braucht es Investitionen in die Infrastruktur und den Service Public, statt über Steuerdumping weiter ausländische Firmen und zusätzliche Arbeitskräfte anzulocken. Die Freizügigkeitsrendite darf nicht nur den Unternehmen zugutekommen, egal ob in Form von Gewinnen oder über Steuersenkungen. Sie muss zwingend auch für die Bevölkerung spürbar werden. Dies kann beispielsweise über Massnahmen gegen steigende Mieten und Krankenkassenprämien, für mehr finanzierbare familienexterne Kinderbetreuung, für zusätzliche Unterstützung bei der Aus- und Weiterbildung oder der Einführung eines bezahlten Vaterschaftsurlaubes geschehen.

Zentral bleibt aber auch die Situation auf dem Arbeitsmarkt. Denn die Angst vor einer Verschlechterung auf dem Arbeitsmarkt – sei es direkt durch Verdrängungseffekte und schlechtere Chancen bei der Stellenbesetzung, sei es durch mehr Druck auf die Arbeitsbedingungen oder eine stagnierende Lohnentwicklung – ist der Nährboden, auf dem die Chancen für eine Initiative zur Kündigung der Personenfreizügigkeit wachsen können.

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2018 03 19 EU-Schweiz Eine-Auslegeordnung-aus-Sicht-der-Arbeitnehmenden d.docx 20 KB

19. März 2018, Gabriel Fischer, Leiter Wirtschaftspolitik Drucker-icon

Durch Friedenskultur die Gewaltspirale durchbrechen – ein integraler Ansatz

“Da Kriege im Geist der Menschen entstehen, muss auch der Frieden im Geist der Menschen verankert werden.” — Präambel UNESCO, 1945 mehr

Die Gewalt in Zentralamerika ist auf historische Machtverhältnisse und die Folgen des daraus resultierenden Bürgerkriegs zurückzuführen. Die heutige Bedrohung der Zivilbevölkerung durch das organisierte Verbrechen (v.a. durch Jugendbanden, sogenannte „Maras“) hat Auswirkungen auf alle Bereiche des täglichen Lebens. Die zunehmend schwierige Sicherheitslage und der von Misstrauen geprägte Umgang untereinander behindern die wirtschaftliche Entwicklung und gefährden das zivilgesellschaftliche Engagement. Für die Entwicklungsorganisation Brücke · Le pont ist die Gewaltproblematik zudem ein massiver Risikofaktor bei der Arbeit vor Ort.

Brücke · Le pont unterstützt mit ihrem Programm «Arbeit in Würde» deshalb benachteiligte Menschen in Lateinamerika (und Afrika). Das Programm verfolgt einen integralen Ansatz, welcher die strategischen Schwerpunkte „Stärkung der beruflichen Kompetenzen“, „Einkommensförderung“ und „Arbeitsrechte“ miteinander verknüpft. Transversal werden zudem die institutionelle Stärkung der Partnerorganisationen, der Menschenrechts- und Genderansatz“ miteinbezogen. In Zentralamerika kommt, aufgrund des oben dargestellten Kontextes, im gesamten Programm das Transversalthema „Gewaltprävention und Konfliktlösung“ hinzu. Module zum sogenannten Konzept Cultura de Paz (Friedenskultur) sind deshalb in Zentralamerika ein integraler Bestandteil bei allen Berufsbildungskursen mit Jugendlichen und bei der Sensibilisierung von Fabrik- und Heimarbeiter/-innen zu ihren Arbeitsrechten.

Die Module vermitteln, anhand von partizipativen Methoden und Instrumenten, Werte und Haltungen: Respekt, Gleichheit, Toleranz, Solidarität, Diversität etc.. Die Teilnehmenden lernen dadurch Gewalt abzulehnen und Konflikte vorzubeugen. Sie kennen ihre Rechte, erlernen einen kreativen Umgang mit Konflikten und nehmen, wo nötig, professionelle juristische oder psychologische Hilfe in Anspruch. Traumatische Erlebnisse werden in Selbsthilfegruppen verarbeitet. Jugendliche gründen Komitees und veranstalten Friedensaktionen an Schulen und in problematischen Quartieren. Das erworbene Wissen und die wiedergewonnene Handlungsfähigkeit stärken das Vertrauen in sich selbst und in die Mitmenschen. Für die Teilnehmenden werden Lösungen und Auswege aus der Gewaltspirale greifbarer. Dies zeigt sich ganz konkret, wenn z.B. Jugendliche Vorschläge zur Gewaltprävention erarbeiten und diese mit den lokalen Behörden verhandeln.

Links:

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2018 03 19 Bruecke-Lepont Programm Arbeit-in-Wuerde d.docx 20 KB

19. März 2018, Andreas Jahn, Kommunikation und Entwicklungspolitik Drucker-icon

«Laudato si’» – Umweltschutz als soziales christliches und gewerkschaftliches Anliegen

Die aktuellste Enzyklika von Papst Franziskus mit dem Titel «Laudato si’ – über die Sorge für das gemeinsame Haus» beschäftigt sich mit ökologischen Fragen. Im November lud das aktuelle Oberhaupt des Vatikans Gewerkschaften aus der ganzen Welt nach Rom ein, um gemeinsam darüber nachzudenken, wie die Gewerkschaftsbewegung in diesem Rahmen erneuert und gestärkt werden kann. Travail.Suisse wohnte den Debatten bei. Ein Protokoll. mehr

Wer erinnert sich noch an die Enzyklika «Rerum novarum» von Papst Leo XIII.? Ausserhalb der Mauern des Vatikans und der Lehrstühle für Theologie und Geschichte dürfte dieser Text, der die soziale Doktrin der römisch-katholischen Kirche begründete, nicht mehr vielen im Gedächtnis sein. Für Travail.Suisse ist der Ende des 19. Jahrhunderts (1891) veröffentlichte Text insofern von Bedeutung, als er das Fundament der christlichen Gewerkschaftsbewegung in der Schweiz, in Europa und in der Welt legte. Die Schweiz leistete einen wichtigen Beitrag dazu: Inspiriert wurde Leo XIII. von den Arbeiten der «Sozialen Vereinigung für katholische und wirtschaftliche Studien», kurz «Union de Fribourg», einer sehr aktiven Reflexionsgruppe unter der Leitung des Bischofs von Lausanne und Genf. Damals wurden in Deutschland, England und Frankreich die Auswüchse von Kapitalismus und Industrialisierung angeprangert, die eine neue Klasse benachteiligter Menschen – die Arbeiterinnen und Arbeiter – hervorgebracht hatten. Es war die Geburtsstunde der «sozialen Frage». Im Zuge der Aktivitäten der Union de Fribourg entstand auch die Universität Freiburg (1889). Die Enzyklika «Rerum novarum» ermutigte die christliche Gewerkschaftsbewegung.

Die christlich-sozialen Wurzeln von Travail.Suisse

Es ist interessant, sich von Zeit zu Zeit Folgendes ins Bewusstsein zu rufen: Travail.Suisse ist aus der Fusion des Christlichnationalen Gewerkschaftsbunds der Schweiz CNG und der Vereinigung schweizerischer Angestelltenverbände VSA entstanden. Dies ermöglichte 2003 die Bildung einer einzigen unabhängigen schweizerischen Dachorganisation, welche die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer vertritt. Durch die Fusion verschwand der direkte Hinweis auf das christliche Gedankengut im Namen, diese Werte sind jedoch nach wie vor aktuell, und zu Travail.Suisse gehören auch die Tessiner Organizazzione cristiano-sociale ticinese OCST sowie die Interprofessionelle Christliche Gewerkschaft Wallis SCIV.

Im Juni 2015 setzte Papst Franziskus das Werk seiner Vorgänger fort, indem er seine Enzyklika «Laudato si’» (Altitalienisch für «Gelobt seist du») veröffentlichte, deren Titel den Sonnengesang von Franz von Assisi aufnimmt . Enzykliken sind ein seit Ende des 19. Jahrhunderts von der Kirche häufig benutztes Kommunikationsmittel, wobei diejenige von Benedikt XIV. (Ubi primum, 1740) als erste moderne Enzyklika gilt. Konkret handelt es sich um ein feierlich formuliertes Kreisschreiben von universeller Dimension, das der Bischof von Rom an die Erzbischöfe und Bischöfe der katholischen Welt richtet, aber auch an alle christlichen Gläubigen. In diesem Text legt der Papst seine Position zu einem bestimmten Thema dar: «Laudato si’» spricht von einer ganzheitlichen Ökologie, aber vor allem von der Bewahrung der Schöpfung, nicht mehr und nicht weniger.

Jeder Epoche ihr Friedensbegriff

Jede Enzyklika ist auch Spiegelbild ihrer Epoche. Paul VI. teilte den Fortschrittsglauben. In «Populorum progressio» zeigte er sich 1968 überzeugt, dass alle Völker an der Entwicklung teilhaben können. Friede bedeutet hier Entwicklung. Doch dies sollte sich als Irrtum erweisen.

Johannes Paul II. stellt mit Schmerz und Trauer fest, dass die Entwicklung das Problem der Ungleichheit und des Ausschlusses gewisser gesellschaftlicher Gruppen nicht löste. In «Laborem exercens» hielt er 1981 fest, dass die Nutzenverteilung der Indikator für soziale Gerechtigkeit ist. «Durch Arbeit muss sich der Mensch sein tägliches Brot besorgen, und nur so kann er beständig zum Fortschritt von Wissenschaft und Technik (…) beitragen.» Friede bedeutet nun Solidarität.

Nach ihm vertritt Benedikt XVI. in «Caritas in veritate» (2009) die Ansicht, dass die Technologie das soziale Problem lösen werde. Friede bedeutet nun Barmherzigkeit als Gegenstück zu Globalisierung, Finanzkrise und Gesellschaftskrise.

Franziskus sieht unser «gemeinsames Haus» in einem verheerenden Zustand

Papst Franziskus stellt die Verbindung zwischen Ökologie und Armut her, den grössten Problemen der heutigen Zeit. Sein Fazit zum Zustand der Erde ist verheerend: Verschmutzung und Klimawandel, Verknappung des Trinkwassers und Verlust von Biodiversität bewirken unweigerlich eine Verschlechterung der Lebensqualität der Menschen, vor allem aber eine gesellschaftliche Zerrüttung. Neue Ungleichheiten entstehen und kommen zu den bestehenden hinzu. Der technische Fortschritt im Nuklearbereich sowie in Biotechnologie und Informatik verleihen einer kleinen Elite unangemessen viel Macht. Nichts gewährleistet, dass diese Entwicklungen dem Wohl der Menschheit als Ganzes zugute kommen. Franziskus könnte somit als erster «ökologischer» Papst bezeichnet werden. Wenn man die Augen nicht verschliesst vor dem heutigen Zustand der Welt, gibt es keine Ausflüchte. Wir alle müssen Sorge tragen zum «gemeinsamen Haus». Es geht ums Überleben der menschlichen Art, einer Schöpfung Gottes.

Der Papst plädiert für eine umfassende Ökologie, die alle Gruppen der Bevölkerung und sowohl die menschlichen als auch die gesellschaftlichen Dimensionen einbezieht. Natur und Arbeit sind nicht nur Rohstoffe oder Waren (Commodity). Er spricht von einem neuen ökologischen Paradigma: Die wirtschaftliche Entwicklung schade der Umwelt, und es liege an den öffentlichen Gemeinwesen, zugunsten des gemeinsamen Wohls zu intervenieren. Er ermutigt zum Dialog – zwischen Wissenschaft und Religion, zwischen Politik und Wirtschaft, zwischen Regierungen und Nichtregierungsorganisationen, zwischen reichen und armen Ländern usw. In diesem Geist lud er auch die nationalen Gewerkschaftsbewegungen der ganzen Welt am 23. und 24. November 2017 zu einem Kolloquium in Rom mit dem Titel «Arbeit und Arbeiterbewegung im Zentrum einer ganzheitlichen, nachhaltigen und solidarischen Entwicklung der Menschheit».

«Der Algorithmus ist der neue Personalchef»

An der Veranstaltung gab es zahlreiche sehr interessante Präsentationen. Zu hören waren unter anderem der Generaldirektor des Internationalen Arbeitsamts (ILO), Guy Rider, die Wirtschaftswissenschafter Riccardo Petrella von der Katholischen Universität Löwen, Enrico Giovannini von der Universität Roma Tor Vergata oder der Wirtschaftshistoriker Geatano Sabatini von der Universität Roma Tre. Die Vertreterinnen und Vertreter der nationalen Gewerkschaftsbünde brachten ihre Ideen ebenfalls ein, beispielsweise mit Philip Jennings von UNI Global Union oder Luca Visentini vom Europäischen Gewerkschaftsbund EGB. Zahlreiche nationale Verbände wie Brasilien, Belgien, Senegal, Argentinien, USA, Grossbritannien oder Italien beteiligten sich an den Expertengesprächen.

Verurteilt wurde dort die unangemessene Macht der transnationalen Unternehmen, die mehr Einfluss haben als Staaten und die Gewerkschaften bekämpfen und zerstören. Weiter wurde bedauert, dass Algorithmen die neuen Personalchefs sind und dass Sklaverei und Menschenhandel einen Aufschwung erleben. Es wurde an die Konzentration des Reichtums in den Händen von einigen wenigen erinnert: Die reichsten acht Personen besitzen heute gleich viel wie 3,6 Milliarden Menschen. Eine Reform der Steuersysteme sei notwendig.

Kardinal Peter Turkson, der die Debatten leitete, rief die Gewerkschaften dazu auf, sich kreativ zu zeigen, um neue Formen der Solidarität zu finden. Er erinnerte auch daran, dass Arbeit in der Antike von Sklaven und Tieren verrichtet wurde, während mit der Entstehung des Christentums die Menschen sich dieser annahmen und Gottes Werk weiterführen konnten. Bei der industriellen Revolution setzte sich die Kirche gegen die Ausbeutung der Menschen durch Maschinen ein. Heute geht es darum, «die Arbeit vor der Technologie zu retten», die den Menschen die Arbeit wegnimmt. Die Arbeit 4.0 ist ein Thema, das auch die Kirche beschäftigt. Denn die Arbeit verleiht dem Menschen Würde. Diese Mission verfolgt auch das von Travail.Suisse gegründete Hilfswerk Brücke – Le Pont, das mit seinen Projekten in Lateinamerika und Afrika den Menschen durch Arbeit ihre Würde zurückgibt .

Die Antwort der Gewerkschaften auf die Enzyklika

Der Beitrag der Gewerkschaften besteht in einem Positionspapier, das die Aussagen der Enzyklika von Papst Franziskus ergänzen und teilweise erweitern will. «Die Gewerkschaften müssen den Arbeitnehmenden als Scheinwerfer zur Wahrnehmung bestehender Rechte dienen und gleichzeitig als Kompass, um neue zu identifizieren». Damit sich dies umsetzen lässt, sind Erziehung und Bildung wichtig, auch in den Rängen der Gewerkschaften, ebenso die Arbeit an einer globalen Gewerkschaftsbewegung. Die Gewerkschaften müssen zusammenarbeiten und voneinander lernen, damit sie eine weltweite Bewegung bilden können. Dialog und soziale Partnerschaft sind fortzusetzen und überall zu fördern – insbesondere jedesmal, wenn jemand versucht, diese zu spalten und einen Keil zwischen Arbeitnehmende und Gewerkschaftsvertretungen zu treiben.

Das Positionspapier der Gewerkschaften schliesst mit folgenden Worten: «Der soziale Gedanke der Kirche (…) will inspirieren, ein Fundament bilden, eine Anleitung zum Handeln sein. (…) Es ist ein Proviant für unterwegs. Es ist weder der Anfang noch der Abschluss einer Erfahrung. Es ist eine Einladung. Ein Aufruf, Bisheriges zu überdenken und Neues zu schaffen.»

Über die Frage des persönlichen Glaubens hinaus werden die Gewerkschaften im Allgemeinen – einschliesslich Travail.Suisse und die Mitgliedsverbände – profitieren, wenn sie die Gedanken von Papst Franziskus in ihre Referenz- und Arbeitsinstrumente einbeziehen.


1 http://w2.vatican.va/content/francesco/de/encyclicals/documents/papa-francesco_20150524_enciclica-laudato-si.html
2 https://www.bruecke-lepont.ch/fr/projets/

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2018 01 22 Rome Compte-rendu d.docx 28 KB

22. Januar 2018, Valérie Borioli Sandoz, Leiterin Gleichstellungspolitik Drucker-icon

Camilas Leidenschaft

Wie Brücke · Le pont, das Hilfswerk von Travail.Suisse, mit einem innovativen Projekt in Brasilien Kommunikationstalente fördert. Und was das mit nachhaltiger Entwicklung und sozialem Wandel zu tun hat. mehr

Die Sonne brennt zur Mittagszeit unbarmherzig auf Oeiras nieder. Die Temperatur von 41 Grad Celsius macht jegliche Arbeit zur Tortur. Als ob die Menschen in dieser Kleinstadt im Nordosten Brasiliens nicht schon genug Mühsal hätten, ihren Alltag zu bewältigen: Die tiefe wirtschaftliche und soziale Krise, in der sich Brasilien derzeit befindet, hat auch in dieser ländlichen Gegend ihre Spuren hinterlassen. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, vor allem unter Jugendlichen. Sie verführt manche zu Kleinkriminalität und Drogensucht. Da es hier kaum Bildungsangebote gibt, verlassen viele junge Menschen das Halbtrockengebiet und wandern in die grossen Städte ab.
Der Raum, in dem Camila Marques arbeitet ist klimatisiert – und die Wände sind schalldicht ausgekleidet. Camila ist Moderatorin bei einem kleinen Radiosender. Die 23-Jährige träumt seit ihrer Kindheit davon, Journalistin zu werden. Vor zwei Jahren ist sie ihrem Traum einen Schritt näher gekommen: Dank dem Projekt Comradio von Brücke · Le pont – dem Hilfswerk von Travail.Suisse – konnte sie eine Ausbildung in Kommunikation abschliessen. Diese hat ihr eine neue Welt eröffnet: „Dieser Kurs war ein Geschenk. Er weckte die grosse Leidenschaft für Kommunikation in mir“, ist sich Camila heute sicher.

Zehn Familien kontrollieren die Medien

Eine Leidenschaft wie diese ist in einem Land wie Brasilien meist den reichen Städtern vorbehalten, denn die Ausbildung ist teuer. Zudem kontrollieren rund zehn einflussreiche Unternehmerfamilien die wichtigsten Medien im Land. Auf der Rangliste der Pressefreiheit 2017 von „Reporter ohne Grenzen“ liegt Brasilien abgeschlagen auf dem 103. Platz – eigentlich also keine rosigen Voraussetzungen für die Karriere einer kritisch denkenden angehenden Journalistin.

Doch Camila weiss, was sie will. Innert kurzer Zeit lernte sie das Handwerk für Video- und Radioreportagen und fand so zu ihrer heutigen Stelle als Moderatorin beim Lokalradiosender Rádio Cristo Rey FM. Von der Arbeit ist sie begeistert: „Ich komme jeden Morgen glücklich zur Arbeit, weil ich das tue, was ich liebe. Ein Tag, an dem ich Sendungen moderieren und Reportagen machen kann, ist für mich ein erfüllter Tag.“ Beim Lokalradio kann sie nun wichtige Erfahrungen für ihre weitere Karriere sammeln.

Wenn man die zierliche junge Frau bei ihrer Arbeit beobachtet, sieht man sofort: Camila ist in ihrem Element. Flink sucht sie auf dem Computer das nächste Musikstück aus und moderiert nebenbei selbstsicher eine neue Sendung an. Das war nicht immer so. Sie sagt: „Am Anfang hatte ich grosse Angst davor, live zu sprechen.“

Für diese Entwicklung ist nicht zuletzt auch Jessé Barbosa verantwortlich. Der Co-Direktor des Instituto Comradio do Brasil, der Partnerorganisation von Brücke · Le pont, hat Camila in ihrem Kurs eng begleitet. Camila respektiert ihren ehemaligen Mentor zutiefst. Nicht zuletzt hat sie auch dessen Credo übernommen, dass Kommunikation immer auch eine soziale und entwicklungspolitische Komponente haben soll.

Wasser und ein Radiosender

Darauf angesprochen, erinnert sich Barbosa an seinen eigenen journalistischen Schlüsselmoment: „Bei einer Recherche stiess ich auf einen staatlichen Fragebogen. Zahlreichen Gemeinden wurde die Frage gestellt, welche die dringendsten Bedürfnisse der Dorfbewohner wären. Der dringendste Wunsch einer armen ländlichen Gemeinde war – neben dem Zugang zu sauberem Wasser – das Gründen eines eigenen Radiosenders. Dies beeindruckte mich so sehr, dass ich dort hinfuhr und einen Dokumentarfilm über die Gemeinde und ihre Idee drehte. Und tatsächlich: heute betreibt das Dorf, trotz den begrenzten Ressourcen, eine eigene Radiostation.“ Dieses Erlebnis bestätigte Barbosa in seiner Annahme, dass alle Menschen ein Bedürfnis nach Kommunikation haben – gerade auch jene, deren Stimme meist ungehört bleibt.

Etwa die Stimme der arbeitslosen Jugend in Oeiras. Auf sie will sich Camila in ihrem weiteren journalistischen und sozialen Engagement konzentrieren. Sie will ihr Wissen teilen und anderen Jugendlichen helfen. Als Erstes hat sie zusammen mit anderen Kursteilnehmenden die Facebook-Fanpage @SaberSerAmigo („Wissen, wie man ein Freund ist“) gegründet. Die Seite thematisiert die Wichtigkeit von Freundschaften bei der Prävention von Drogensucht und Drogenhandel der Jugendlichen in Oeiras. Ein Thema, das im Kontext der Krise immer mehr an Aktualität gewinnt. Camila und ihre Freunde tun dies nicht auf belehrende Weise oder mit abschreckenden Beispielen, sondern sprechen vielmehr die Sprache der Jugendlichen selbst, wenn sie Texte, „Memes“ oder Videointerviews publizieren.

Das Facebook-Projekt wurde bereits zum Selbstläufer, freut sich Camila: „Wir helfen anderen und diese helfen wiederum anderen.“ So wird die Idee des Projekts Comradio von Brücke · Le pont weitergetragen. Die Idee, nicht nur individuelle Karrieren, sondern die Situation von benachteiligten Jugendlichen in einer ganzen Region zu fördern. Und die Idee, allen Menschen eine Stimme zu geben.

Das etwas andere Weihnachtsgeschenk
Brücke · Le pont verhilft 360 Jugendlichen aus armen Verhältnissen zu einer Ausbildung in Kommunikation (Radio, Fernsehen, Werbung). Unterstützen Sie unsere wichtige Arbeit mit einer Spende: Spenden-PK 90-13318-2
Herzlichen Dank! Weitere Informationen unter www.bruecke-lepont.ch.

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18. Dezember 2017, Andreas Jahn, Kommunikation und Entwicklungspolitik Drucker-icon