Themen – Sozialpolitik – AHV

Bildung verhilft zu längerem Leben

Wir leben statistisch gesehen immer länger. Aber die Chancen auf ein langes Leben sind nicht auf alle Bevölkerungsschichten gleich verteilt. Was schon länger vermutet wurde, ist durch eine Studie der Universität Genf bestätigt worden: Wer gut gebildet ist und damit meistens über ein höheres Einkommen verfügt, kann zum Zeitpunkt der Pensionierung damit rechnen, rund zwei bis drei Jahre länger zu leben als jemand ohne höhere Ausbildung. Das muss in der künftigen Altersvorsorge berücksichtigt werden. mehr

Forscher der Universität Genf haben im Rahmen einer Vorstudie zur Reform der Altersvorsorge 2020 genauer unter die Lupe genommen, welche Bevölkerungsgruppen statistisch gesehen bei ihrer Pensionierung mit welcher Lebenserwartung zu rechnen haben. Dass Männer und Frauen unterschiedliche Lebenserwartungen haben, wissen wir schon länger. Dass hingegen auch sogenannte „sozioprofessionelle“ Faktoren eine starke Rolle spielen, konnte bisher nur vermutet werden. Die Studie bestätigt dies und fördert für die Altersvorsorge brisante Tatsachen zutage. Im Klartext heisst das: Wer gut gebildet ist, ein hohes Einkommen hat und im Dienstleistungssektor arbeitet , lebt länger als wer schlecht gebildet ist, zu tiefen Löhnen und im industriellen oder im Landwirtschaftssektor arbeitet. Auch eine Arbeitslosigkeit verkürzt die Lebenserwartung. Diese Befunde decken sich mit Beobachtungen aus anderen Industrieländern. Die Gründe sind vielfältig und wurden in der Studie nicht genauer untersucht. Es wird jedoch vermutet, dass schlecht ausgebildete Arbeitnehmende unter anderem häufiger körperliche Verschleissarbeit verrichten müssen und so ihre Lebenserwartung sinkt.

Am Beispiel der Bildung zeigt sich die unterschiedliche Lebenserwartung am deutlichsten:

Lebenserwartung mit 65

Männer
Ohne Abschluss 16.O Jahre
Obligatorische Schule 16.1 Jahre
Berufslehre 17.3 Jahre
Tertiäre Stufe 18.7 Jahre

Frauen
Ohne Abschluss 20.4 Jahre
Obligatorische Schule 20.3 Jahre
Berufslehre 21.2 Jahre
Tertiäre Stufe 22.4 Jahre

Quelle: Studie Universität Genf „Differentielle Sterblichkeit in der Schweiz“ im Auftrag des Bundesamts für Sozialversicherungen, 2012

Wer als Mann einen tertiären Bildungsabschluss besitzt (Hochschule oder Höhere Berufsbildung) hat im Alter 65 eine um rund 2.6 Jahre höhere Lebenserwartung als ein Mann, welcher nach der obligatorischen Schule keine weitere Bildung mehr genossen hat. Bei den Frauen ist der Unterschied mit 2.1 Jahren etwas geringer.

Massnahmen in der Altersvorsorge

Im Hinblick auf die Reform der Altersvorsorge stellt sich die Frage, wie diese Ungleichheit besser berücksichtigt werden kann. Travail.Suisse sieht mehrere Wege, die beschritten werden können:

• Erstens wäre es möglich, den benachteiligten Berufsgruppen mit tiefem Einkommen und tiefer Bildung in der beruflichen Vorsorge einen höheren Umwandlungssatz zu gewähren als dem Rest. Der Umwandlungssatz bestimmt die Umrechnung des angesparten Alterskapitals in eine jährliche Rente und basiert auf Annahmen zur Lebenserwartung. Ein höherer Umwandlungssatz bedeutet damit eine höhere Rente.

• Realistisch ist auch eine Berücksichtigung der unterschiedlichen Lebenserwartung beim flexiblen Rentenalter in der AHV: Wer sich heute früher als mit 65/64 pensionieren lässt, muss auf seiner Rente lebenslang eine versicherungstechnische Kürzung hinnehmen. Hier sollte für Gruppen mit tiefen Einkommen und tiefer Bildung, welche statistisch eine kürzere Lebenserwartung haben, auf eine Kürzung der AHV-Rente verzichtet werden. Es müsste ihnen sogar ein Zuschlag ausbezahlt oder das Rentenalter müsste generell für diese Personengruppe gesenkt werden. Um die Praktikabilität zu gewährleisten, muss bei der Bestimmung der betroffenen Personengruppe auf das für die AHV massgebliche durchschnittliche Jahreseinkommen abgestellt werden.

Mehr Gerechtigkeit

Die von Bundesrat Alain Berset angepeilte Reform der Altersvorsorge 2020 muss so oder so genutzt werden, um mehr Gerechtigkeit bezüglich der Lebenserwartung herzustellen. So wie es heute ist, kann es nicht bleiben: Heute gehen gerade gut Verdienende und gut Ausgebildete, z.B. Bank- oder Versicherungsangestellte, mit einer guten 2. Säule frühzeitig in Pension. Schlecht ausgebildete Arbeitnehmende, die meist ein Leben lang für ein bescheidenes Einkommen hart gearbeitet haben, werden hingegen bei einer vorzeitigen Pensionierung bestraft. Jenseits der Altersvorsorge heisst mehr Gerechtigkeit auch, den Zugang zu Bildung für alle zu gewährleisten. Denn wie die Studie zeigt: Bildung verhilft zu einem längerem Leben.

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13. Mai 2013, Matthias Kuert Killer, Leiter Sozialpolitik Drucker-icon

9. Juni 2013: Travail.Suisse sagt zweimal Nein

Travail.Suisse, der unabhängige Dachverband der Arbeitnehmenden, lehnt die Initiative „Volkswahl des Bundesrates“ ab. Nein lautet auch die Parole zur Revision des Asylgesetzes. Diese Stimmempfehlungen hat der Vorstand an seiner heutigen Sitzung in Bern beschlossen. Er hat zudem entschieden, die Anfang Woche lancierte Initiative „AHV plus“ ideell zu unterstützen. mehr

Der Vorstand von Travail.Suisse hat sich heute mit den Vorlagen, die am 9. Juni 2013 auf eidgenössischer Ebene zur Abstimmung kommen, befasst. Er empfiehlt die Initiative für die Wahl des Bundesrates durch das Volk zur Ablehnung. Durch die Volkswahl des Bundesrates würde das Kollegialitätsprinzip geschwächt, da jeder Bundesrat für sich Wahlkampf betreiben müsste. Es besteht die Gefahr, dass im Bundesrat die individuellen parteipolitischen Interessen im Vordergrund stehen statt die gemeinsame Führungsverantwortung.

Nein sagt der Vorstand auch zur Revision des Asylgesetzes. Die dauernde Verschärfung des Asylrechts widerspricht der humanitären Tradition unseres Landes. Mit der Abschaffung des Botschaftsverfahrens zum Beispiel würde die Schweiz vielen Flüchtlingen, und zwar insbesondere Personen, die an Leib und Leben bedroht sind, die Zuflucht verwehren. Sie würden gezwungen, ihr Land mit Hilfe von Schlepperorganisationen zu verlassen.

Ideelle Unterstützung der Initiative “AHV plus”

Der Vorstand von Travail.Suisse hat auch die Initiative „AHV plus“ des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes behandelt. Für Travail.Suisse ist klar, dass die Fortsetzung der bisherigen Lebenshaltung bereits heute keine Selbstverständlichkeit ist und mit den anstehenden Reformen der Altersvorsorge noch weiter unter Druck kommt. Dieser Tendenz zu einer Senkung der Renten muss entgegengehalten werden. Der Vorstand von Travail.Suisse hat deshalb beschlossen, die Initiative „AHV plus“ ideell zu unterstützen.

Für mehr Informationen: Martin Flügel, Präsident, Tel. 031/370‘21’11 oder 079/743‘90‘05

13. März 2013, Martin Flügel, Präsident Drucker-icon

Altersvorsorge: Das Gesamtpaket muss stimmen

Travail.Suisse, der unabhängige Dachverband von 170‘000 Arbeitnehmenden, begrüsst, dass der Bundesrat ein Gesamtpaket zur Altersvorsorge vorlegen will. Nur so können ausgleichende Massnahmen zu einer mehrheitsfähigen Vorlage führen. Ein Vorpreschen mit einzelnen Themen führt hingegen unweigerlich in die politische Blockade. mehr

Heute hat der Bundesrat die Eckpunkte der Reform der Altersvorsorge verabschiedet. Travail.Suisse begrüsst, dass der Gesamtbundesrat ein Paket und somit eine Gesamtsicht in der Altersvorsorge befürwortet. Nur mit einem Gesamtpaket kann eine mehrheitsfähige Vorlage vorgelegt werden. Ein Vorpreschen mit einzelnen Themen wie es das Parlament mit dem Frauenrentenalter oder mit der Schuldenbremse will, führt hingegen unweigerlich in die politische Blockade. Für Travail.Suisse ist klar, dass in einem Gesamtpaket auch Mehreinnahmen enthalten sein müssen.

Flexibilisierung nach wie vor zentral

Unter den Massnahmen, welche der Bundesrat vorsieht, ist die Flexibilisierung des Rentenalters nach wie vor ein zentrales Thema und entspricht den Realitäten der heutigen Lebensläufe. Travail.Suisse fordert zudem einen Automatismus, der Mehreinahmen generiert, falls die AHV in finanzielle Engpässe kommt.

2. Säule: Rentenhöhen sichern und tiefere Gewinne für Lebensversicherer

Der Umwandlungssatz in der 2. Säule darf nur gesenkt werden, wenn die Rentenhöhen mittels Kompensationsmassnahmen gesichert werden. Zudem müssen die überhöhten Gewinne der privaten Lebensversicherungsgesellschaften in der 2. Säule deutlich reduziert werden.

Rentenaltererhöhung keine Option

Eine generelle Erhöhung des Rentenalters ist unsinnig, wenn der Arbeitsmarkt ältere Arbeitnehmende benachteiligt. Heute arbeitet nur rund die Hälfte der Erwerbstätigen überhaupt bis zum ordentlichen Rentenalter. Die wahre Herausforderung besteht in Zukunft darin, dass möglichst viele Arbeitnehmende unter guten Bedingungen überhaupt bis zum heutigen ordentlichen Rentenalter arbeiten können.

21. November 2012, Martin Flügel, Präsident und Matthias Kuert Killer, Leiter Sozialpolitik Drucker-icon

Travail.Suisse zu BSV-Studie: Arbeitsbedingungen sind zentral

Ob jemand bis zur ordentlichen Pensionierung arbeitet, hängt wesentlich von guten Arbeitsbedingungen ab. Dies zeigt eine neue Studie des Bundesamtes für Sozialversicherungen. Zudem geht aus der Studie hervor, dass die Arbeitgeber gar nicht gewillt sind, alle Arbeitnehmenden länger zu beschäftigen, und ein höheres Rentenalter ablehnen. mehr

Mit einer neuen Studie hat das Bundesamt für Sozialversicherungen den Altersrücktritt im demografischen Kontext untersucht.

Gute Arbeitsbedingungen = länger arbeiten können

Die Studie zeigt, dass für Arbeitnehmende ab 58 Jahren die eigene Gesundheit und attraktive Arbeitsbedingungen die wichtigsten Faktoren sind für den Verbleib im Arbeitsmarkt. Ein positives Arbeitsumfeld, genügend Erholung und flexible Arbeitszeiten spielen eine zentrale Rolle. Travail.Suisse, der unabhängige Dachverband von 170’000 Arbeitnehmenden, fordert deshalb insbesondere genügend Erholung dank genug Ferien und bezahlten Pausen sowie eine bessere Vereinbarkeit von Arbeit und Familie. Dies gerade auch im Hinblick auf Pflegeaufgaben, die von älteren Arbeitnehmenden öfter wahrgenommen werden müssen. Nur so wird es möglich sein, das Potenzial der älteren Arbeitnehmenden zur Bewältigung der demografischen Entwicklung zu nutzen.

Höheres Rentenalter wird von Arbeitgebern abgelehnt

Ein weiteres interessantes Ergebnis der Studie besteht darin, dass die Arbeitgeber an einer längeren Arbeit von vielen Arbeitnehmenden gar nicht interessiert sind und zudem ein höheres gesetzliches Rentenalter mehrheitlich ablehnen. Vor diesem Hintergrund fordert Travail.Suisse den Schweizerischen Arbeitgeberverband und den Schweizerischen Gewerbeverband auf, die Forderung nach einem höheren Rentenalter endlich fallen zu lassen. Nur so werden mehrheitsfähige Reformen der Altersvorsorge wieder möglich. Alles andere ist reine Blockadepolitik, mit der AHV und BVG an die Wand gefahren werden sollen.

08. Oktober 2012, Martin Flügel, Präsident Drucker-icon

Steuerungsmechanismus in der AHV: Ja, aber bei der Finanzierung

Kürzlich hat das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) als Grundlage für die kommende AHV-Revision verschiedene mögliche Steuermechanismen in der AHV vorgestellt. Dies um eine solide und liquide AHV über den demografischen Buckel hinweg zu gewährleisten. Es gibt gute Gründe für eine stärkere Gewichtung von Automatismen. Allerdings muss für Travail.Suisse ein solcher Automatismus auf der Finanzierungsseite ansetzen. mehr

Die AHV ist zurzeit entgegen früheren Finanzperspektiven des Bundes solide finanziert. Die letzten Jahresergebnisse zeigen, dass sie selbst in Jahren, in welchen sie nominell Rentenerhöhungen (Anpassung an den Mischindex) finanzieren muss, positive Abschlüsse erzielt. Sie hat ihr Eigenkapital auf über 40 Milliarden Franken aufstocken können. Das ist mehr als eine gesamte Jahresausgabe an Reserven. Mit der Publikation der neuen Finanzperspektiven 1 hat auch der Bund anerkannt, dass die AHV heute auf einem gesunden Fundament steht.

Zunahme des demografischen Drucks ab 2025

Ab 2025 wird die AHV ohne weitere Massnahmen auf Grund der demografischen Entwicklung stärker unter Druck kommen: Die Baby-Boomer-Jahrgänge sind grösstenteils in Pension. Die Reserven der AHV wären dann zu klein, um alle Renten zu zahlen. Anders als vielerorts im Ausland ist der demografische Druck auf die Altersvorsorge in der Schweiz jedoch gut bewältigbar. Dies weil davon auszugehen ist, dass die Zahl der Erwerbstätigen auch in Zukunft leicht steigt oder zumindest stabil bleibt. Trotzdem ist es richtig, schon heute über Mechanismen nachzudenken, welche die Nachhaltigkeit der AHV in dieser Situation sicherstellen und eine weitere Blockade bei ihrer Weiterentwicklung vermeiden.

Zusätzlich benötigte Mittel sind moderat

Reichen die Finanzen der AHV nicht mehr aus, gibt es grundsätzlich drei Möglichkeiten: die Einnahmen erhöhen, die Renten kürzen oder das Rentenalter erhöhen. Die Leitfrage muss für die Zukunft lauten: Was tangiert die Lebensqualität der Bevölkerung am wenigsten? Die Analyse und die Finanzperspektiven zeigen, dass die benötigten Zusatzmittel gerade im Vergleich zum Ausland relativ moderat sind: Die Lücke nimmt ein Ausmass von rund 1 bis 2 Lohn- oder Mehrwertsteuerprozenten an 2 .

Übertragung der Schuldenbremse auf AHV nicht statthaft

Wirtschaftsverbände und FDP wollen die Schuldenbremse aus dem Bundeshaushalt unbesehen auf die AHV übertragen. Diese Analogie funktioniert jedoch nicht: Bei der AHV sind die meisten Ausgaben gebundener Natur. Im Gegensatz zum Staat besteht bei den Sozialversicherungen weniger Handlungsspielraum. Renten müssen bezahlt werden. Beim Staatshaushalt können hingegen Investitionen um ein paar Jahre verschoben oder es kann ein Einstellungsstopp verfügt werden. Und auch die Rentner/innen können nicht einfach ihr Verhalten ändern oder anderweitige Einkommen generieren, wenn z.B. die AHV-Rente sinkt oder das Rentenalter kurz vor der Pensionierung angehoben wird.

Bericht zu Steuerungsmechanismus: Richtige Überlegungen…

Diesen Fehler machen die Autoren des Berichts zu den möglichen Steuermechanismen nicht 3. Ihnen ist durchaus bewusst, dass sich die Situation in der AHV anders darstellt. So enthält der Bericht bedenkenswerte Überlegungen:

Es besteht mittelfristig Handlungsbedarf. Eine nachhaltig finanzierte AHV ist für das Vertrauen in die Institutionen, die politische Stabilität und die wirtschaftliche Entwicklung zentral. Eine politische Blockade bringt auf die Dauer niemandem etwas. Mit einem im Voraus definierten Mechanismus kann die ideologische Diskussion versachlicht, die Härte der Massnahmen gedämpft und die Diskussion über die Richtigkeit von Prognosen entschärft werden. Es muss bei allen Steuerungsmechanismen auf die Einhaltung des Verfassungsauftrags, insbesondere für tiefe Einkommen, geachtet werden.

…aber auch falsche Schlüsse

Die dann im Bericht präsentierten 3 Modelle gehen allesamt von hälftig einnahmeseitig und hälftig ausgabenseitig orientierten Massnahmen aus, wenn ein bestimmter Schwellenwert unterschritten wird:

!JETZT BILD WÄHLEN!

Die Modelle sind dabei durchaus ausgeklügelt, weil sich Massnahmen über einen relativ langen Zeitraum erstrecken und so weniger hart ausfallen. Angestrebt wird eine Opfersymmetrie: Alle sollen ihren Beitrag zur Gesundung der AHV leisten. Falsch ist jedoch der Schluss, dass aus der Opfersymmetrie automatisch auch Leistungskürzungen bzw. eine Erhöhung des Rentenalters erfolgt.

Opfersymmetrie auch bei einnahmeorientierten Massnahmen gewährleistet

Opfersymmetrie kann auch herrschen, wenn der Mechanismus rein einnahmeorientiert ist. Wird z.B. die Mehrwertsteuer zugunsten der AHV angehoben, werden auch die Rentner/innen an der Finanzierung beteiligt. Dies ist angesichts der zunehmenden Zahl von Rentnerinnen und –Rentnern nicht unwesentlich. Ein gewisser Beitrag der Rentnerinnen und Rentner ist aus demografischer Perspektive auch sachlich zu rechtfertigen: Viele haben als Arbeitnehmende und Einzahlende von einem günstigen Verhältnis Aktive-Rentner profitiert. Selber hatte diese Generation wenig Kinder, so dass die heutige aktive Generation mehr belastet ist. Eine Erhöhung der Lohnbeiträge hingegen wird von den Aktiven und den Arbeitgebern zusammen finanziert. Es können so mit einer Kombination der Einnahmequellen verschiedene Bevölkerungsgruppen beteiligt werden, um einer Opfersymmetrie Genüge zu tun.

Zusatzfinanzierung beeinträchtigt Lebensqualität am wenigsten

Die Bevölkerung hat mehrmals zum Ausdruck gebracht, dass sie keine Kürzung der Altersrenten will und auch keine Erhöhung des Rentenalters. Nur weil die ältere Bevölkerung grösser wird, wird sie nicht automatisch mit weniger Leistungen auskommen. Vorschläge, die mit automatischen Rentenkürzungen arbeiten, sind aus Sicht der Erfüllung des Verfassungsauftrags gefährlich. Zudem bewirken sie ein Auseinanderdriften der 1. Säule, wenn die Leistungen zwischen IV und AHV nicht mehr übereinstimmen. Eine Erhöhung des Rentenalters ist solange unrealistisch und politisch nicht durchsetzbar, bis die Arbeitgeber den Tatbeweis erbringen und ältere Arbeitnehmende in ausreichender Zahl beschäftigen. Die Beschäftigungsquote der 55- bis 65-Jährigen müsste dazu allerdings noch gewaltig steigen. Aus den genannten Gründen ist es unwahrscheinlich, dass die Bevölkerung im Rahmen eines Automatismus einem Blankocheck für Leistungskürzungen zustimmt. Sie wird eher bereit sein, eine moderate – und wegen der Baby-Boomer-Generation allenfalls befristete – zusätzliche Finanzierung mitzutragen. Das wird die Lebensqualität der Bevölkerung viel weniger tangieren als Kürzungen bei den Leistungen.

Stärke der AHV nicht aufgeben

Die Stärke der AHV ist, dass sie einfach und zuverlässig funktioniert. Das darf nicht verloren gehen. Mit ständigen Änderungen durch einen Automatismus auf der Leistungsseite wird sie kompliziert und undurchschaubar. Arbeitnehmende müssen wissen, in welchem Alter sie pensioniert werden und mit welchen Leistungen sie von der AHV rechnen können. Vorschläge mit automatischen Leistungseinschränkungen in Abhängigkeit der demographischen Entwicklung untergraben das Vertrauen der Bevölkerung in die AHV. Für Travail.Suisse sind deshalb leistungsseitige Massnahmen im Rahmen eines Automatismus nicht erfolgsversprechend.

Es braucht einen Finanzierungsautomatismus

Travail.Suisse schlägt deswegen einen einnahmeorientierten Automatismus vor, welcher die künftigen AHV-Leistungen über den demografischen Buckel hinweg sichert. Es muss im Voraus festgelegt werden, in welchen Fällen die AHV vorübergehend Zusatzeinnahmen erhalten soll. Wichtig ist dabei, sich auf die tatsächliche Entwicklung zu stützen und nicht auf unsichere Prognosen. Allfällig notwendige Zusatzeinnahmen sollen deshalb vom Stand des AHV-Fonds (Vermögen der AHV) abhängig gemacht werden 4 .

Finanzierungs-Automatismus schafft Verlässlichkeit

Der Automatismus sorgt dafür, dass bei einem Absinken des Fondsstandes der AHV unter bestimmte Schwellenwerte (z.B. beginnend bei 50 Prozent einer Jahresausgabe) automatisch zusätzliche Einnahmen (z.B. Mehrwertsteuerprozente, Lohnprozente) für die AHV erhoben werden. Zudem muss ein Mindestwert definiert werden, unter welchen der AHV-Fonds nicht fallen darf, da sonst die Rentenzahlungen nicht mehr gewährleistet sind. Es liegt dann am Bundesrat und am Parlament, auf der Grundlage dieser Grundabsicherung weitere Massnahmen zu ergreifen, die ein Sinken des AHV-Fonds unter die definierten Schwellenwerte verhindern oder verzögern.

Anderweitige Massnahmen weiterhin möglich

Stossen weitere Massnahmen des Gesetzgebers bei der Bevölkerung auf Akzeptanz, kann auf eine automatische Erhebung zusätzlicher Einnahmen verzichtet werden. Beurteilt die Bevölkerung hingegen vorgeschlagene Massnahmen, z.B. im Rahmen eines Referendums, als nicht akzeptabel und lehnt diese ab, tritt früher oder später eine Einnahmenerhöhung automatisch in Kraft. Damit hätte die Ablehnung einer vorgeschlagenen Massnahme einen klar bezifferten Preis in Form z.B. einer automatischen Erhöhung der Mehrwertsteuer. Somit kann die Bevölkerung bei drohendem Absinken des AHV-Vermögens jedes Mal entscheiden, ob sie eine andere Massnahme den beschriebenen Zusatzeinnahmen vorzieht. Ein solches Vorgehen ist auch aus demokratiepolitischer Sicht wünschenswert.

1http://www.bsv.admin.ch/dokumentation/zahlen/00093/00424/index.html?lang=de

2Faktenblatt „Finanzperspektiven der AHV 2012 bis 2030“ des BSV; Mittleres Szenario für die Jahre 2025 und 2030; http://www.bsv.admin.ch/doku mentation/zahlen/00093/00424/index.html?lang=de

3Steuerungsmechanismen in der AHV, Forschungsbericht 7/12 BSV

4Genauere Informationen zum von Travail.Suisse geforderten Finanzierungsautomatismus finden sich im Pressedienst vom 16. Mai 2011: http://www.travailsuisse.ch/de/node/2792. Das Modell ist auch im Forschungsbericht zu den Steuerungsmechanismen in der AHV, 7/12 BSV skizziert (s.37)

10. September 2012, Matthias Kuert Killer, Leiter Sozialpolitik Drucker-icon