Themen – Gleichstellung – Vereinbarkeit

Forderung nach 20 Tagen Vaterschaftsurlaub bleibt

Travail.Suisse beharrt weiterhin auf der Forderung nach mindestens 20 Tagen (entspricht vier Wochen) Vaterschaftsurlaub. Im Rahmen der Vernehmlassung zum indirekten Gegenentwurf zur Volksinitiative zeigt die unabhängige Dachorganisation der Arbeitnehmenden, dass das Preis-Leistungsverhältnis von vier Wochen Vaterschaftsurlaub hervorragend ist. Ein Vaterschaftsurlaub von zwei Wochen ist zwar eine Verbesserung, seine Wirkungen bezüglich Gleichstellung, Arbeitsmarkt und Demografie sind aber eingeschränkt. mehr

Der Vaterschaftsurlaub entspricht einem breiten Bedürfnis. Die Bundespolitik hinkt diesem Bedürfnis seit langem hinterher. Aktuelle Erhebungen zeigen, dass ein zunehmender Anteil von Arbeitnehmenden in einem Vertragsverhältnis arbeitet, welches eine gewisse Dauer an Vaterschaftsurlaub vorsieht. Die Entwicklung betrifft aber längst nicht alle Arbeitnehmer und der Umfang des Vaterschaftsurlaubs lässt weiter zu wünschen übrig.1 Deshalb hat Travail.Suisse zusam"men mit Pro Familia Schweiz, männer.ch und alliance F die Volksinitiative für einen vernünftigen Vaterschaftsurlaub eingereicht.

Travail.Suisse ist grundsätzlich erfreut, dass mit der Kommission für Gesundheit und soziale Sicherheit des Ständerates (SGK-S) nun zum ersten Mal eine Institution des Bundesparlaments die Notwendigkeit eines gesetzlich geregelten und bezahlten Vaterschaftsurlaubs anerkennt. Travail.Suisse kann sich vorstellen, dass dem Anliegen auch mit einem indirekten Gegenentwurf Genüge getan werden kann. Travail.Suisse begrüsst die Ausgestaltung mit einer reservierten Zeit für Väter, ohne dass die 14 Wochen Mutterschaftsurlaub unterschritten werden. Dies ist sehr wichtig, weil die 14 Wochen Mutterschaftsurlaub eine sozialpolitische Errungenschaft sind, welche nicht gefährdet werden darf.

Absolutes Minimum mit eingeschränkter Wirkung

Allerdings beschränkt sich der Gegenentwurf der SGK-S bezüglich Zeitdauer auf ein absolutes Minimum. Zwei Wochen Vaterschaftsurlaub verbessern die Rahmenbedingungen für eine junge Familie nur bedingt. Wie im Argumentarium zur Initiative und in der Vernehmlassungsstellungnahme dargelegt2, bringt ein 20tägiger Vaterschaftsurlaub Fortschritte in den Bereichen Familienpolitik, Gleichstellung, Arbeitsmarkt, Demografie und auch gleich lange Spiesse für alle Unternehmen und Arbeitnehmer.

Auch wenn ein zweiwöchiger Vaterschaftsurlaub den Start ins Familienleben durchaus erleichtern und kurzfristig Stabilität bringen würde, kann er nicht alle potenziellen positiven Wirkungen ausschöpfen, insbesondere bezüglich Gleichstellung, Arbeitsmarkt und Demografie.

Eine unter den Eltern gleichmässige Verteilung der Aufgaben bezüglich der Kinderbetreuung und der Aufbau von väterlichen Kompetenzen für das Umsorgen der Kinder brauchen Zeit und müssen sich zuerst einspielen. Mütter wollen sich in der Erwerbsarbeit engagieren. Spüren sie früh eine verlässliche und dauerhafte Entlastung durch ihren Partner, so sind sie schneller und stärker bereit, nach der ersten Babyphase ihre beruflichen Pläne umzusetzen. Der Vaterschaftsurlaub trägt damit dazu bei, dass die Wirtschaft das Potenzial der Mütter nutzen kann. Das ist auch volkswirtschaftlich sinnvoll. Heute haben Frauen und Männer in der Schweiz weniger Kinder, als sie eigentlich möchten. Während die meisten jungen Männer und Frauen sich zwei bis drei Kinder wünschen, bleibt die Geburtenrate zwischen 1.5 und 1.6 Kindern pro Frau konstant tief. Es besteht eine starke Diskrepanz zwischen dem Kinderwunsch und seiner Verwirklichung. Insbesondere Frauen mit einer guten Ausbildung werden heute zu oft vor die Alternative gestellt: Kinder oder berufliche Laufbahn. Heute nehmen Frauen den Karriereknick nach der Familiengründung nicht mehr einfach so in Kauf. Viele junge Frauen und Männer verschieben den Kinderwunsch auf später – oder verzichten ganz. Das hat weitreichende demografische Folgen für die ganze Gesellschaft: Die Überalterung nimmt zu. Ein substanzieller Vaterschaftsurlaub trägt mit weiteren familienpolitischen Leistungen zu mehr Verlässlichkeit bei und sorgt dafür, dass sich mehr Familien ihren Kinderwunsch erfüllen. Mit nur zwei Wochen Vaterschaftsurlaub entfalten sich diese Wirkungen nur beschränkt.

Finanzierbarkeit auch mit der Initiative gegeben

Die Kosten der Volksinitiative belaufen sich gemäss den neuesten Finanzierungsszenarien auf rund 0.11 Lohnprozente. Das ist sehr bescheiden. Bei einem realen Schweizer Medianlohn3 entspricht dies je rund drei Franken pro Monat für Arbeitgeber und Arbeitnehmende. Der Gegenentwurf zeitigt die Hälfte dieser Kosten. Die heutigen Leistungen der Erwerbsersatzordnung (EO) mit Ausgaben für Mutterschaft und Armeeangehörige benötigen im Zeitraum zwischen 2021 und 2035 EO-Lohnbeiträge zwischen 0.41 und 0.44 Lohnprozenten. Mit zusätzlich vier Wochen Vaterschaftsurlaub kämen 0.11 Lohnprozente dazu. Damit ist in den nächsten Jahrzehnten von benötigten EO-Beitragssätzen zwischen 0.52 und 0.55 Prozenten auszugehen. Zusätzlich erwirtschaftet die EO mit dem angelegten Kapital noch zusätzliche Reserven. Wenn der Bundesrat schon nur seine Kompetenz ausschöpft und den EO-Beitragssatz wieder auf 0.5 Lohnprozente anhebt, ist ein vierwöchiger Vaterschaftsurlaub zu einem guten Teil schon finanziert. Die Erhöhung des EO-Beitragssatzes wäre also sowohl mit der Initiative als auch mit dem indirekten Gegenentwurf sehr moderat und gut zu verkraften. Angesichts der breit anerkannten Wirkung eines vierwöchigen Vaterschaftsurlaubs handelt es sich um ein hervorragendes Preis-Leistungs-Verhältnis.

20 Tage sind organisierbar

Sowohl beim Gegenentwurf wie auch bei der Initiative ist die Organisierbarkeit gegeben. Die Flexibilität der Lösung trägt massgeblich dazu bei. Im Gegensatz zum Mutterschaftsurlaub soll der Vaterschaftsurlaub flexibel bezogen werden können, und zwar sowohl in Bezug auf den Zeitpunkt des Bezugs wie auch hinsichtlich seiner Aufteilung: So soll es auch möglich sein, den Vaterschaftsurlaub als einzelne freie Arbeitstage zu beziehen. Dahinter steht die Überlegung, dass der Vaterschaftsurlaub auch mit Teilzeitarbeit verbunden werden kann. Travail.Suisse begrüsst es, dass diese Überlegungen auch in den Gegenentwurf eingeflossen sind. Ein tageweiser Bezug kann auch dem Arbeitgeber entgegen kommen, gerade wenn es sich um kleinere Unternehmen handelt. Da der Bezug ohnehin in Absprache mit dem Arbeitgeber erfolgt und weit im Voraus planbar ist, sind sowohl zehn wie auch zwanzig Arbeitstage Abwesenheit eines frischgebackenen Vaters für ein kleines Unternehmen organisier- und verkraftbar.

Initiative mit besserem Preis-Leistungs-Verhältnis

Aus den erwähnten Gründen erachtet Travail.Suisse die vorgeschlagene Lösung des Gegenentwurfs zwar als wichtigen Schritt in die richtige Richtung, beurteilt jedoch die vorgeschlagene Zeitdauer als zu gering. Aus Sicht von Travail.Suisse bietet eine Ausgestaltung im Sinne der Initiative viele zusätzliche positive Wirkungen ohne grundsätzliche Nachteile. Travail.Suisse erachtet dementsprechend das Preis-Leistungs-Verhältnis eines vierwöchigen Vaterschaftsurlaubs als besser. Auf Grund der dargelegten Überlegungen hält Travail.Suisse die Forderung nach vier Wochen aufrecht.

Wie geht es weiter im politischen Prozess?

Der anstehende Entscheidungsprozess wird zeigen, welche Leistung am Schluss für die Familien herausschaut. Es ist davon auszugehen, dass das Parlament noch vor den Wahlen im Herbst über einen Gegenentwurf befinden wird. Bevor das Parlament über die Initiative entscheidet, wird es klären, ob es einen Gegenentwurf geben soll. Ob ein Gegenentwurf vorliegt oder nicht, wird die weiteren Szenarien beeinflussen.

Ein beschlossener Gegenentwurf gemäss Vernehmlassungsvorlage wird nur publiziert, wenn die Initiative entweder zurückgezogen oder abgelehnt wurde. Das heisst im Klartext: Gegenwärtig gibt es kein Szenario, bei welchem gleichzeitig über die Initiative und über einen Gegenentwurf abgestimmt wird. Denn wenn die Initiative nicht zurückgezogen wird, wird zuerst über die Initiative abgestimmt. Wird die Initiative angenommen, ist der Gegenentwurf obsolet. Wird die Initiative verworfen, wird der beschlossene Gegenentwurf aktiviert und entweder stillschweigend in Kraft gesetzt oder – im Falle eines Referendums – der Stimmbevölkerung zur Abstimmung unterbreitet.

Umgekehrt ist das Vorgehen im Falle eines bedingten Rückzugs der Initiative. Dann tritt der Gegenentwurf in Kraft, falls kein Referendum ergriffen wird. Im Falle eines Referendums wird zuerst über den Gegenentwurf abgestimmt. Falls der Gegenentwurf angenommen wird, gilt die Initiative als zurückgezogen. Falls jedoch der vom Parlament beschlossene Gegenentwurf vom Volk verworfen wird, gilt der Rückzug der Initiative nicht und es wird auch noch über die Initiative abgestimmt.

In vielen aktuellen Beiträgen rund um den Vaterschaftsurlaub wird davon ausgegangen, dass die Ausmarchung direkt zwischen dem Gegenentwurf und der Initiative stattfindet. Das stimmt so nicht.

1https://bit.ly/2Sth29h
2www.vaterschaftsurlaub.ch und für die Vernehmlassungsstellungnahme http://www.travailsuisse.ch/themen/gleichstellung/mutterschaft_und_vaterschaft
3Der Medianlohn für Arbeitnehmende (Vollzeit und Teilzeit) lag 2017 gemäss Bundesamt für Statistik bei 67600 Franken und bei Selbständigerwerbenden bei 60000 Franken jährlich.(siehe https://bit.ly/2rpu78m )

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2019 01 22 Forderung nach 20 Tagen Vaterschaftsurlaub bleibt.docx 23 KB

22. Januar 2019, Matthias Kuert Killer, Leiter Sozialpolitik Drucker-icon

Teilzeitarbeit auf dem Vormarsch – Diskriminierungen bleiben

Das Bundesamt für Statistik hat heute die neusten Zahlen zur Entwicklung der Teilzeiterwerbstätigkeit veröffentlicht. Teilzeitarbeit hat in den letzten Jahren deutlich an Bedeutung gewonnen. Travail.Suisse, der unabhängige Dachverband der Arbeitnehmenden, fordert die Politik auf, die Diskriminierungen der Teilzeitarbeitenden zu bekämpfen und Teilzeitarbeit der Vollzeitarbeit gleichzustellen. mehr

1.7 Millionen Arbeitnehmenden arbeiten in der Schweiz in einem Teilzeitpensum. Dies entspricht einem Anteil von 36.8 Prozent und damit einer Zunahme von 8.4 Prozent in den letzten 20 Jahren. Auch wenn eine gewisse Anpassung zwischen den Geschlechtern feststellbar ist, ist der Anteil der Frauen in Teilzeitarbeit immer noch mehr als dreimal so hoch wie bei den Männern (59% gegenüber 17.6%). Besonders ausgeprägt ist der Geschlechterunterschied bei Haushalten mit kleinen Kindern. „Dies zeigt, dass immer noch der Grossteil der Familienarbeit von den Frauen geleistet wird“, betont Gabriel Fischer, Leiter Wirtschaftspolitik bei Travail.Suisse. Im Zuge des zunehmenden Wandels zur Dienstleistungsgesellschaft und der fortschreitenden Digitalisierung wird Teilzeitarbeit weiter zunehmen. „Die Politik ist dringend gefordert, Teilzeitarbeit als Realität auf dem Arbeitsmarkt anzuerkennen und die Diskriminierung der Teilzeiterwerbstätigen zu stoppen“, so Fischer weiter. Eine Diskriminierung von Teilzeitarbeitenden ortet Travail.Suisse insbesondere in folgenden Bereichen:

• In den Sozialversicherungen hindern Eintrittsschwelle und Koordinationsabzug einen gleichberechtigen Rentenaufbau in der zweiten Säule.
• Bei der Überzeitarbeit beginnt die zuschlagspflichtige Arbeit für Teilzeitarbeitende bei der gleichen Anzahl Wochenarbeitsstunden wie für Vollzeitarbeitende.
• Karrierechancen, Lohnerhöhungen und Unterstützung bei Weiterbildungen sind bei Teilzeitarbeit eingeschränkt.
• Probleme bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie und eine zu teure familienexterne Kinderbetreuung führen zu überproportionaler Teilzeitarbeit von Frauen.

Für mehr Informationen:
Gabriel Fischer, Leiter Wirtschaftspolitik, Tel. 031 370 21 11 oder 076 412 30 53

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2019 01 17 Teilzeitarbeit BFS.docx 41 KB

17. Januar 2019, Gabriel Fischer, Leiter Wirtschaftspolitik Drucker-icon

Vereinbarkeit – jetzt braucht es massive Investitionen!

Wenn auf Bundesebene nichts unternommen wird, wird sich die Vereinbarkeit von Beruf und Familie immer schwieriger gestalten. Arbeitnehmende und Unternehmen zahlen bereits einen hohen Preis für diese Spannungen, und dieser Preis wird steigen. Der Bund muss nun freiwillig und bestimmt handeln und massiv in Massnahmen zur Erleichterung der Vereinbarkeit investieren. Der Vorstand von Travail.Suisse, dem unabhängigen Dachverband der Arbeitnehmenden, hat die Situation erfasst, Fakten und Zahlen analysiert und im November 2018 eine entsprechende Resolution verabschiedet. mehr

In der Schweiz fehlen die Rahmenbedingungen, um Berufstätigkeit und Privatleben miteinander zu vereinbaren. Es ist schwierig, Erwerbsarbeit, Familie und Angehörigenbetreuung unter einen Hut zu bringen, oder gar weitere Verpflichtungen einzubeziehen (politisches oder soziales Engagement usw.), welche die Vitalität unserer Gesellschaft gewährleisten. Die Situation wird sich nicht verbessern, ganz im Gegenteil. Wegen der demografischen Alterung der Bevölkerung, der niedrigen Geburtenrate und der steigenden Anforderungen des Arbeitsmarktes an die Arbeitnehmenden (Fragmentierung der Arbeitszeit, Flexibilität der Arbeitszeiten, Druck auf die Arbeitszeiterfassung) besteht ein grosses Risiko, dass es immer schwieriger wird, Privatleben – ob im familiären, sozialen oder politischen Umfeld – und Beruf unter einen Hut zu bringen.

Stress kostet die Unternehmen Milliarden

Die Spannungen zwischen Berufstätigkeit und privater Verantwortung nehmen zu. Welches sind die Folgen? Heute zeigen sie sich bereits in Form vom Stress, den die Arbeitnehmenden, die unter Druck sind, erleben. Schon 2003 hatte das Staatssekretariat für Wirtschaft SECO einen Teil dieser Kosten beziffert und kam auf eine Summe von jährlich 4,2 Milliarden Franken. Eine Zahl, die nur die Kosten widerspiegelt, die bei den Unternehmen direkt in Form von Absenzen und Produktivitätsverlusten entstehen. Dazu kommen noch die Renten für Invalidität und vorzeitige Pensionierungen – was die Rechnung auf fast 10 Milliarden Franken ansteigen lässt . 2010 hat das SECO die Studie weitergeführt, diesmal ohne die Kosten zu beziffern, jedoch mit der Feststellung, dass der Anteil der betroffenen Personen deutlich gestiegen sei . Gesundheitsförderung Schweiz schätzt die Kosten, die allein zulasten der Unternehmen gehen, auf 6,5 Milliarden Franken im Jahr 2018 . Das ist ein enormer Produktivitätsverlust für die Wirtschaft und natürlich eine Verschwendung aus menschlicher Sicht.

Gesundheitskosten zulasten der Angestellten

Wenn man die Schnur spannt, reisst sie nur allzu häufig. Stress wirkt sich unweigerlich auf die Gesundheitskosten aus, weil Krankheiten sich chronisch breitmachen. Der Druck kann in der schlimmsten stressbedingten Krankheit münden: im Burn-out oder in emotionaler Erschöpfung. Bei einem Burn-out braucht es häufig einen ärztlich verordneten Arbeitsunterbruch. Während der Zeit der Arbeitsunfähigkeit gilt die Lohnfortzahlung, und die Angestellten sind vor einer Kündigung des Arbeitsvertrags geschützt (zwischen 3 Wochen und 6 Monaten). Doch die medizinischen Kosten für die Behandlung der Burn-out-Symptome wird von der Krankenversicherung der Angestellten bezahlt.

Die Studie «Barometer Gute Arbeit» ermöglicht es Travail.Suisse, zu bestätigen, dass 40 Prozent der Arbeitnehmenden häufig bis sehr häufig unter Stress stehen und dass diese Arbeitnehmenden dies grossmehrheitlich als (eher) belastend empfinden. Das 2018 zum vierten Mal erschienene Barometer zeigt eine ständige Zunahme des Anteils der Arbeitnehmenden, die sich nach einem Arbeitstag sehr häufig emotional erschöpft fühlen.

Zeitlich beschränkte und ungenügende Reaktionen

Angesichts dieser beunruhigenden Entwicklung reagiert der Bund mit wenig weit reichenden und zeitlich begrenzten Massnahmen. Das grösste Hindernis für eine gute Vereinbarkeit von Berufs- und Familienleben sind die fehlenden und/oder teuren Krippenplätze. Aus dem Grund hat das Parlament Impulsprogramme für die familienergänzende Betreuung verabschiedet, erstmals im Jahr 2003.

Leider sind diese Programme zeitlich beschränkt und sie werden von einer bürgerlichen Partei im Parlament stets heftig bekämpft. Das momentane 100 Millionen schwere Impulsprogramm ist auf fünf Jahre beschränkt (1.7.2018–29.6.2023). Es fördert nicht mehr die Schaffung neuer Plätze für die familienergänzende Betreuung, sondern soll die Kosten zulasten der Eltern senken und die Öffnungszeiten der Krippen an aussergewöhnliche Zeitpläne der Eltern anpassen. Doch der Finanzierungsbedarf ist immer noch sehr hoch. Gemäss der Einschätzung des Impulsprogramms bekommen 19,9 % der Kinder im Vorschulalter und 18 % der Kinder im Schulalter keinen Platz in solchen Einrichtungen, obwohl ein Bedarf seitens der Eltern besteht . Die Evaluation zeigt, dass 42 % der befragten Eltern die Auswahl an Kinderbetreuungsangeboten als ungenügend einstufen. Die Eltern bedauern, dass es in den Schulferien grosse Betreuungslücken gibt. Daher muss der Zweck dieser Programme in einem echten Rahmengesetz über die Bundesfinanzierung für familienergänzende Betreuungseinrichtungen für Kinder oder für unterstützte Angehörige beschrieben werden.

Resolution des Vorstands von Travail.Suisse zugunsten eines ehrgeizigen Aktionsplans

In Anbetracht der Situation hat der Vorstand von Travail.Suisse zum ersten Mal in seiner Geschichte eine Resolution verabschiedet, die vom Bund fordert, massiv in die Vereinbarkeit zu investieren. Er untermauert seinen Entscheid durch bekannte Fakten und Zahlen, die letztlich ein düsteres Bild der heutigen und künftigen Lage zeichnen. Wenn man die Beschäftigungsfähigkeit und die Gesundheit der Arbeitnehmenden und langfristig die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen erhalten will, die übrigens bereits heute unter dem Fachkräftemangel leiden, braucht es ein freiwilliges und ehrgeiziges Vorgehen. Zu den bisher bereits investierten 2,2 Milliarden Franken müssen mindestens weitere 5 Milliarden hinzukommen, d. h. 500 Millionen pro Jahr während mindestens 10 Jahren, zulasten der Sozialversicherungen und der öffentlichen Hand. Dieser Aktionsplan muss alle als wirksam anerkannten Massnahmen für eine optimale Vereinbarkeit abdecken: Schaffung von Betreuungsplätzen für Kinder im Vorschul- und Schulalter und für betreute Personen, bezahlter Vaterschaftsurlaub von 20 Tagen, bezahlter Elternurlaub von 24 Wochen, Langzeiturlaub für betreuende Angehörige usw.

Der Vorstand von Travail.Suisse verlangt, dass die Schweiz, die als eines der reichsten Länder Europas eingestuft wird, bei den Ausgaben zugunsten von Familien und Vereinbarkeit nicht mehr als Schlusslicht fungiert. Unser Land ist eines der Industrieländer, die in Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) am wenigsten Geld für die Familienpolitik ausgeben, insbesondere was die Betreuung von Kleinkindern betrifft. Die gesamten öffentlichen Ausgaben (Bund, Kantone, Gemeinden) im Bereich der Kleinkinderbetreuung werden auf 600 Millionen Franken pro Jahr geschätzt, das entspricht 0,1 % des BIP. Das ist dreimal weniger, als der Durchschnitt der OECD-Länder (0,3 % des BIP) für diesen Bereich ausgibt .

Diese Resolution ermöglicht es den Nationalräten Adrian Wüthrich, Präsident von Travail.Suisse, und Jacques-André Maire, Vizepräsident, im Parlament aktiv zu werden. Denn wenn nichts unternommen wird, treffen die Auswirkungen zuerst die Arbeitnehmenden mit gesundheitlichen Konsequenzen und schliesslich die gesamte Wirtschaft. Für das Wohl aller ist es nun Zeit, Ehrgeiz walten zu lassen und zu investieren.

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2018 12 17 TravailSuisse Plan-d-action Conciliation d.docx 28 KB

16. Dezember 2018, Valérie Borioli Sandoz, Leiterin Gleichstellungspolitik Drucker-icon

RESOLUTION: Vorstand von Travail.Suisse fordert 5 Milliarden Franken, um den Rückstand in der Vereinbarkeit von Beruf und Familie aufzuholen

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2018 11 22 Resolution Aktionsplan Vereinbarung d.pdf 202 KB

22. November 2018, Valérie Borioli Sandoz, Leiterin Gleichstellungspolitik und Adrian Wüthrich, Präsident Drucker-icon

5 Milliarden Franken, um den Rückstand in der Vereinbarkeit von Beruf und Familie aufzuholen

Travail.Suisse, der unabhängige Dachverband der Arbeitnehmenden, fordert vom Bund die Verabschiedung eines Aktionsplans mit Massnahmen zugunsten der Vereinbarkeit. Gemäss den neusten Erkenntnissen und Daten belaufen sich die dafür nötigen Investitionen auf insgesamt 5 Milliarden Franken, das heisst 500 Millionen Franken jährlich während mindestens 10 Jahren.

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Ehrgeiz: Damit lässt sich zusammenfassen, was Travail.Suisse vom Bund in Sachen Vereinbarkeit fordert. Der unabhängige Dachverband der Arbeitnehmenden setzt sich seit vielen Jahren für mehr Vereinbarkeit ein. Er ist überzeugt, dass die bisher ergriffenen, zu zaghaften und zeitlich befristeten Massnahmen unser Land langsam, aber sicher in die Katastrophe führen.

Die Schweiz muss jetzt in Vereinbarkeit investieren

Viele Parameter erklären die aktuelle Sackgasse: die Alterung der Bevölkerung, der immer stärker wachsende Bedarf an familienergänzenden Betreuungsstrukturen für Kinder und an Betreuungsstrukturen für kranke und älter werdende Angehörige, der Fachkräftemangel oder etwa die tiefe Geburtenrate trotz anhaltend grossem Kinderwunsch. Diese Parameter erfordern ehrgeizige Massnahmen und erhebliche Investitionen. Adrian Wüthrich, Nationalrat und Präsident von Travail.Suisse: "Die Schweiz, eines der reichsten Länder der Welt, muss für Vorschulkinder mindestens so viel ausgeben wie die anderen OECD-Länder. Das ist durchschnittlich achtmal mehr“. Investitionen in die Vereinbarkeit von Beruf und Familie fördern die Gleichstellung von Frauen und Männern in der Praxis, denn heute sind es vor allem die Frauen, die in Sachen Vereinbarkeit den Grossteil der Last tragen.

Der Vorstand von Travail.Suisse hat eine Resolution für einen Aktionsplan Vereinbarkeit verabschiedet und fordert, dass die Schweiz massiv in die Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und allen anderen Lebensbereichen investiert. Die Schweiz soll mindestens 10 Jahre lang jährlich rund 500 Millionen Franken dafür einsetzen, insgesamt also 5 Milliarden Franken. Dieser Betrag besteht aus der Summe der Kosten, welche die Umsetzung der wichtigsten Massnahmen verursacht (Krippenplätze, Betreuungsstrukturen für Kleinkinder, Finanzhilfen im Hinblick auf die Senkung der Kosten zulasten der Eltern, Vaterschaftsurlaub und andere Elternurlaube, Urlaube für betreuende und pflegende Angehörige usw.). Bereits im Budget 2019, das einen Überschuss von 1,3 Milliarden vorsieht, besteht für Travail.Suisse die Möglichkeit 700 Millionen Franken dafür einzustellen.

Im Rahmen der Fachkräfteinitiative (FKI) wurde die Vereinbarkeit als wichtigster Pfeiler für die Ausschöpfung des Fachkräftepotenzials bezeichnet. Leider hatte der Bundesrat abgelehnt, konkrete Massnahmen vorzuschlagen. Jetzt ist das Parlament gefordert, denn jeder in die Vereinbarkeit investierte Franken generiert einen Gewinn für die öffentlichen Finanzen.

Parlamentarische Vorstösse sind geplant

Adrian Wüthrich, Präsident von Travail.Suisse und Nationalrat sowie Jacques-André Maire, Vizepräsident von Travail.Suisse und Nationalrat werden in der Wintersession einen Vorstoss für ein Rahmengesetz für die Betreuungsinfrastruktur als Service public einreichen. Die heutige Anschubfinanzierung des Bundes kann zu einem solchen Rahmengesetz umgebaut werden, damit die Betreuungsinfrastruktur für Kinder und pflegebedürftigen ältere Menschen finanziert und aufgebaut werden kann. Der Vorstoss ist ein erster Schritt in die richtige Richtung, weitere werden folgen. Klar ist: Wird nichts unternommen, so werden die Arbeitnehmenden als erste mit ihrer Gesundheit für die Versäumnisse bezahlen und mittelfristig wird es die gesamte Wirtschaft treffen. Für das Wohl aller ist jetzt die Zeit gekommen, mit Ehrgeiz in die Vereinbarkeit zu investieren.

Für mehr Informationen :
Adrian Wüthrich, Nationalrat und Präsident, Tel. 079 287 04 93
Jacques-André Maire, Nationalrat und Vizepräsident, Tel. 078 709 48 50
Valérie Borioli Sandoz, Leiterin Gleichstellungspolitik, Tel. 079 598 0637

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2018 11 22 RESOLUTION Aktionsplan Vereinbarkeit 5Milliarden-Franken-sind-gefordert d.docx 48 KB

2018 11 22 Resolution Aktionsplan Vereinbarung d.pdf 202 KB

22. November 2018, Valérie Borioli Sandoz, Leiterin Gleichstellungspolitik und Adrian Wüthrich, Präsident Drucker-icon