Themen – Gleichstellung – Mutterschaft und Vaterschaft

Vaterschaftsurlaub braucht dringend eine gesetzliche Basis

Travail.Suisse hat die Zahlen zur Verbreitung des Vaterschaftsurlaubs in der Schweizer Wirtschaft aktualisiert (Stand Juli 2017). Dabei wurden die grössten und dazu die allgemeinverbindlich erklärten Gesamtarbeitsverträge analysiert (45 GAV). Es zeigt sich: Es geht nur langsam vorwärts mit einem Vaterschaftsurlaub. Für fast die Hälfte der einem Gesamtarbeitsvertrag unterstellten Arbeitnehmenden sind nach wie vor nur 1-2 Tage Vaterschaftsurlaub vorgesehen. Bei den grossen Unternehmen gibt es zahlreiche Beispiele mit 10 bis 20 Tagen Vaterschaftsurlaub.

Aktualisiert wurden auch die Zahlen zur öffentlichen Hand als Arbeitgeberin. Beim Bund, den Kantonen, den 30 grössten Städten und den Kantonshauptorten werden 5-10 Tage Vaterschaftsurlaub je länger je mehr zur Norm. Einen Vaterschaftsurlaub im Bereich von 20 Arbeitstagen, wie von der Volksinitiative von Travail.Suisse gefordert, bieten jedoch nur grössere städtische Zentren an.

Insgesamt besteht ein grosser Unterschied zwischen grossen und kleinen Arbeitgebern: Grosse Arbeitgeber sehen einen – wenn auch bescheidenen – Vaterschaftsurlaub vor, kleinere Arbeitgeber in der Regel nicht. Diese Lücke kann nur mit einer gesetzlichen Regelung zum Vaterschaftsurlaub und einer solidarischen Finanzierung geschlossen werden, welche gleiche Bedingungen für alle schafft.

> Factsheet Vaterschaftsurlaub in 45 Gesamtarbeitsverträgen
> Factsheet Vaterschaftsurlaub bei der öffentlichen Hand


Vollständig überarbeitetes Handbuch «InfoMutterschaft»
auf dem Internet

Die Gesetzgebung entwickelt sich laufend weiter. Deshalb musste auch das Handbuch «InfoMutterschaft – um Mutterschaft und Erwerbsarbeit in Einklang zu bringen» auf den aktuellen Stand gebracht werden. Diese Überarbeitung erfolgte 2012. Das neue Handbuch berücksichtigt neue Vorschriften am Arbeitsplatz im Zusammenhang mit einer Mutterschaft und ist in neuer Aufmachung und anwendungsfreundlich auf einer eigenen Internetseite zugänglich. mehr

Die Rechte erwerbstätiger Frauen, die Mutter werden, stehen im Zentrum der von Travail.Suisse durchgeführten und vom Eidgenössischen Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann unterstützten Kampagnen «InfoMutterschaft». Ziel dieser Kampagnen ist es, über den Gesundheitsschutz für berufstätige werdende Mütter und ihre Kinder zu informieren. Denn im Gesetz sind zahlreiche Vorschriften zur Umsetzung dieses Ziels vorgesehen, die entsprechenden Informationen müssen aber auch tatsächlich für die Hauptbetroffenen zugänglich sein.

Die erste Kampagne wurde im Jahr 2000 mit einem Handbuch von und für juristische Fachpersonen lanciert. 2003 und 2004 folgte eine zweite Kampagne mit einer Broschüre in 12 Sprachen für Arbeitnehmerinnen in der Schweiz, welche über die wichtigsten Rechte schwangerer Frauen am Arbeitsplatz informierte, und mit einer gebührenpflichtigen «Infoline» in mehreren Sprachen, über die sich während einiger Monate insgesamt über 1500 Frauen zusätzliche Informationen einholten.

Nach der Einführung des Mutterschaftsurlaubs in der ganzen Schweiz im Jahr 2005 wurden die Broschüren aktualisiert. 2007 wurde das Handbuch ein erstes Mal revidiert. Dies bot Gelegenheit, gleichzeitig auch die Broschüre neu aufzulegen, diesmal aber in vier Sprachen. Das Handbuch wurde auch erstmals auf der Internetseite von Travail.Suisse veröffentlicht.

2012 nahm die Juristin Sarah Maran vom Beratungszentrum «CAP Conseil & Accompagnement professionnel Femme et Travail» in Neuchâtel die zweite Aktualisierung vor. Dies war für Travail.Suisse Anlass, im Februar 2013 eine eigene Internetseite zu dieser Thematik mit dem Titel www.infomutterschaft.ch / www.infomaternite.ch aufzuschalten. Die italienische Version ist in Prüfung und sollte folgen.

Inhalt des Handbuchs «InfoMutterschaft»

Das Handbuch «InfoMutterschaft – um Mutterschaft und Erwerbsarbeit in Einklang zu bringen» richtet sich als Referenzwerk in erster Linie an Fachpersonen, die Arbeitnehmerinnen beruflich begleiten und beraten, steht aber allen Interessierten offen. Behandelt werden in fünf Kapiteln alle Bereiche des Arbeitsrechts, welche Schwangerschaft, Stillen und Mutterschaft betreffen. Es enthält insbesondere folgende Punkte:

• Genaue Informationen für erwerbstätige und erwerbslose Frauen in unterschiedlichen Lebenssituationen, die Mutter werden (mit Verweis auf die gesetzlichen Grundlagen).
• Informationen für die Zeit der Schwangerschaft (Gesundheit, Absenzen, Versicherungen, prekäre Arbeitsverhältnisse, Kündigung usw.), für den Mutterschaftsurlaub und für die Rückkehr an den Arbeitsplatz.
• Verständliche Erklärungen zu besonderen Situationen wie Diskriminierung oder Mobbing am Arbeitsplatz.
• Wichtige Informationen für Frauen und Männer, die ihre Erwerbsarbeit aus familiären Gründen aufgeben wollen (z.B. in Bezug auf Unfälle, Invalidität, Arbeitslosigkeit, Ruhestand).

Neuerungen

Die Gesetzgebung entwickelt sich laufend weiter. Deshalb wurden folgende Themen überarbeitet:

• Die Liste der beschwerlichen und gefährlichen Arbeiten und insbesondere das Kapitel zu den chemischen Stoffen und zu den Kennzeichnungsvorschriften.
• Der aktuelle Stand der Rechtssprechung in der Frage des Arztzeugnisses bei Absenzen und des Lohnanspruchs.
• Ausführungen dazu, was unter prekären und atypischen Verträgen genau zu verstehen ist, da solche bei Frauen leider besonders häufig sind.
• Die freiwillige Taggeldversicherung: Dieses Kapitel wurde vollständig neu verfasst (Einzel- oder Kollektivversicherung, nach Krankenversicherung und Unfallversicherung VVG).
• Die Leistungen der obligatorischen Unfallversicherung.
• Die Höhe der Mutterschaftsentschädigung und die Rechtssprechung zur Lohnfortzahlung bei einer Hospitalisierung des Neugeborenen nach der Geburt.
• Die Bestimmungen zur Elternschaft (Mutterschafts-, Vaterschafts-, Adoptions- und Elternurlaub) in den grössten öffentlichen Unternehmen: Bundesverwaltung, Eidgenössische Technische Hochschulen, Die Post, SBB und der Sonderfall Swisscom.
• Die Schweizerische Zivilprozessordnung wird erläutert, insbesondere im Zusammenhang mit einigen Artikeln zum Bundesgesetz über die Gleichstellung von Frau und Mann.
• Das Kapitel zu den Familienzulagen wurde vollständig überarbeitet und mit den aktuellsten Neuerungen ergänzt, beispielweise mit dem Anspruch der Selbständigerwerbenden auf Kinderzulagen, für den Travail.Suisse lange gekämpft hatte.
• Das Arbeitslosenversicherungsgesetz und das Invalidenversicherungsgesetz wurden revidiert, was Auswirkungen für die von Mutterschaft betroffenen Frauen hat.

Flexibel und schnell

Die Publikation auf dem Internet ermöglicht es, Informationen rasch zu aktualisieren. Dies wird zum Beispiel demnächst der Fall sein, wenn der Bundesrat in einer Verordnung zum Arbeitsgesetz präzisieren wird, dass der Lohn während Stillpausen zu bezahlen ist, wie dies das Parlament mit seiner Zustimmung zur Ratifizierung des Übereinkommens über den Mutterschutz der Internationalen Arbeitsorganisation beschlossen hat 1 .

Übrigens: Die kostenlose digitale Agenda «mamagenda.ch», ein Angebot von Travail.Suisse, das sich spezifischer an Vorgesetzte von Frauen richtet, das aber betroffene Frauen auch selber benutzen können, ist mit dem Handbuch «InfoMutterschaft» verlinkt.

Das Handbuch «InfoMutterschaft» ist nicht auf Papier erhältlich, kann aber auf CD-Rom direkt bei Travail.Suisse zum moderaten Preis von 40 Franken pro Stück bestellt werden. Die elektronische Version umfasst 160 Seiten und bietet als grossen Vorteil direkte Links zu den erwähnten Gesetzestexten (Hyperlinks).

1 Siehe Mediendienst vom 22. Oktober 2012, «Stillzeit bei der Arbeit bald entlöhnt?», Valérie Borioli Sandoz

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PD Vollständig überarbeitetes Handbuch infoMutterschaft auf dem Internet.doc 42 KB

13. Mai 2013, Valérie Borioli Sandoz, Leiterin Gleichstellungspolitik Drucker-icon

Stillen am Arbeitsplatz: Arbeitszeit, die endlich auch bezahlt werden soll

Der Ständerat hat heute in letzter Instanz der Parlamentarischen Initiative Maury Pasquier zugestimmt, die verlangt, dass die Schweiz das IAO-Übereinkommen Nr. 183 über den Mutterschutz ratifiziert. Der Text ist im Laufe der Zeit mit der Schweizer Gesetzgebung vereinbar geworden – ausser in der Frage, ob die Stillzeit erwerbstätiger Mütter am Arbeitsplatz zu entschädigen ist. Der Bundesrat hat vorgeschlagen, dieses letzte Detail über den Verordnungsweg zu regeln. Der Nationalrat hat im September zugestimmt, und nun hat auch die kleine Kammer zugunsten der Frauen entschieden. Travail.Suisse, die unabhängige Organisation von 170’000 Arbeitnehmenden, begrüsst diesen Entscheid. mehr

Die Schweiz kann dann endlich einen internationalen Vertrag ratifizieren, den sie bereits vor Jahren unterzeichnet hat. Am IAO-Übereinkommen Nr. 183 über den Mutterschutz waren nachträglich Änderungen vorgenommen worden, die bewirkten, dass der Text nicht mehr mit dem schweizerischen Recht vereinbar war, namentlich beim Mutterschaftsurlaub, der damals in der Schweiz noch nicht existierte.

Seit 2005 gibt es in der Schweiz jedoch einen Mutterschaftsurlaub, und nur noch die Frage, ob die zum Stillen verwendete Zeit entschädigt wird, stand einer Ratifikation im Weg. Für erwerbstätige Frauen ist dieser Aspekt ein ernsthaftes Problem, wenn sie es mit einem Arbeitgeber zu tun haben, der ohne Rücksicht auf die Gesundheit von Säuglingen und Frauen diese unbedeutenden Einsparungen realisiert. Travail.Suisse, die unabhängige Dachorganisation von 170’000 Arbeitnehmenden, hat das Parlament schon vor längerer Zeit für diese drängende Frage sensibilisiert.

Geringfügige Änderung an einer Verordnung

Die Genfer Sozialdemokratin Maury Pasquier hatte die Frage mit der Einreichung einer Parlamentarischen Initiative 2007 neu lanciert. Es brauchte schliesslich fünf Jahre, bis der Bundesrat einen Vorschlag zur Regelung des letzten Details mit einer Änderung an Artikel 60 der Verordnung ArGV 1 vorlegte. Gemäss diesem Artikel gilt die Stillzeit im ersten Lebensjahr des Kindes für die Mutter seit Langem als Arbeitszeit. Es genügt, zu präzisieren, dass diese Zeit entschädigt wird.

Nach der Zustimmung des Ständerats kann der Bundesrat den Prozess zur Revision der Verordnung einleiten. Sobald die revidierte Verordnung in Kraft tritt, kann das IAO-Übereinkommen Nr. 183 ratifiziert werden. Dann werden die Frauen endlich in der Lage sein, ihre Kinder nach der Rückkehr an den Arbeitsplatz weiter zu stillen, ohne wegen einer ärgerlichen Gesetzeslücke finanzielle Nachteile zu erleiden.

12. Dezember 2012, Valérie Borioli Sandoz, Leiterin Gleichstellungspolitik Drucker-icon

Änderung des Zivilgesetzbuches, der Zivilprozessordnung und des Zuständigkeitsgesetzes (Unterhalt des Kindes)

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Consultation TS Droit d'entretien 2012.pdf 110 KB

05. November 2012, Valérie Borioli Sandoz, Leiterin Gleichstellungspolitik Drucker-icon

Elternurlaub: Patentrezept für eine höhere Erwerbsbeteiligung der Frauen?

Nach Ansicht von Bundesrätin Simonetta Sommaruga würde ein grosszügiger Vaterschaftsurlaub mit anschliessendem langem Elternurlaub dafür sorgen, dass mehr Frauen berufstätig bleiben und grössere Pensen übernehmen. Travail.Suisse, die unabhängige Dachorganisation von 170’000 Arbeitnehmenden, teilt die Ansicht, dass es für die Frauen selber und für die ganze Gesellschaft wichtig ist, die Präsenz der Frauen auf dem Arbeitsmarkt zu stärken. Doch um dieses Ziel zu erreichen, braucht es eine beherzte Politik mit Sofortmassnahmen statt der im Parlament in familienpolitischen Fragen üblichen Politik der kleinen Schritte. mehr

Die Frauen müssen mehr arbeiten, das heisst sowohl die Zahl der erwerbstätigen Frauen als auch der Beschäftigungsgrad der berufstätigen Frauen muss zunehmen. So lautete die Botschaft von Simonetta Sommaruga, als sie vor einigen Wochen für einen Vaterschaftsurlaub von mindestens vier Wochen plädierte, der Teil eines Elternurlaubs von mindestens sechs Monaten bei 80 Prozent Lohn ist und somit gleich entlöhnt würde wie der Mutterschaftsurlaub, den er ergänzen soll.

Legitime finanzielle Überlegungen

Was sind die Gründe für diesen Kurswechsel? Während die Frauen bisher praktisch allein für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie verantwortlich waren, sollen sie nun helfen, den akuten Fachkräftemangel zu beheben. Weshalb wird nun das brachliegende Arbeitspotenzial der Frauen, die häufig teilzeitlich arbeiten und eine zu tiefe Erwerbsquote aufweisen (83,9 Prozent gegenüber 97,7 Prozent bei den Männern), plötzlich zum Thema? Und ist die Einführung eines Vaterschaftsurlaubs mit anschliessendem langem Elternurlaub die richtige und die einzig notwendige Massnahme?

Neben dem legitimen Gleichstellungsziel, die Familien- und Hausarbeit nach der Geburt eines Kindes zu teilen, liegen der Initiative der sozialdemokratischen Departementsvorsteherin zweifellos auch finanzielle Überlegungen zugrunde: Wenn die Frauen mehr arbeiten, steigen dadurch die Steuereinnahmen und die Sozialversicherungsbeiträge. Bei einer Scheidung (immerhin fast jede zweite Ehe wird geschieden) läuft eine Frau, die immer berufstätig war, weniger Gefahr, Sozialhilfe in Anspruch nehmen zu müssen. Sie finanziert auch ihre Pensionierung und wird seltener auf Ergänzungsleistungen angewiesen sein.

Aufgabe der Erwerbstätigkeit ist langfristig problematisch

Wenn mehr Frauen erwerbstätig sein sollen, gilt es zu vermeiden, dass sich diese bei einer Mutterschaft aus der Arbeitswelt zurückziehen. Eine Viertelmillion Frauen geben jedes Jahr ihre Berufstätigkeit aus familiären Gründen auf, sei es freiwillig oder gezwungenermassen. Später ist es für diese Frauen sehr schwierig, wieder eine Stelle zu finden. Sie haben zudem keinen Anspruch mehr auf die arbeitsmarktlichen Massnahmen, die im Arbeitslosenversicherungsgesetz vorgesehen sind: Mit der letzten Revision des AVIG wurden die Ansprüche bei einem Wiedereinstieg ins Berufsleben drastisch reduziert. Die Analyse des Bundesamts für Statistik vom vergangenen August zur Arbeitslosigkeit von Frauen zeigt, dass bei den Frauen ein Teil der Arbeitslosigkeit in den üblichen Statistiken nicht erscheint, weil die meisten Frauen eine Stelle suchen, ohne sich bei einem RAV anzumelden.

Es wäre klug, dieser «Verschwendung» ein Ende zu setzen und dafür zu sorgen, dass die staatlichen Investitionen in die Ausbildung der weiblichen Bevölkerung eine höhere Rendite abwerfen. Dazu müssen wir uns vor Augen halten, vor wie vielen Hürden Frauen stehen, die wieder in den Beruf einsteigen wollen oder müssen. Es fehlt sowohl an finanziellen Mitteln als auch an konkreter Unterstützung. Dies zeigt die laufende Forschungsarbeit «Expérience ReProf»1 von Travail.Suisse.

Kantone sollen Rechenschaft über Massnahmen
zur beruflichen Wiedereingliederung ablegen

Laut Berufsbildungsgesetz kann zwar der Bund Massnahmen für den Wiedereinstieg nach einem Erwerbsunterbruch finanzieren, es ist aber Sache der Kantone, wie sie diese Mittel einsetzen. Die Kantone organisieren sich daher nach eigenem Gutdünken und müssen dem Bund nicht nachweisen, wie sie den Geldsegen verwenden. Es ist Zeit, dass die Kantone Rechenschaft darüber ablegen, wie sie die spezifische Problematik des Wiedereinstiegs der Frauen angehen.

Travail.Suisse unterstützt im Übrigen die Einführung von Bildungsgutscheinen. Diese würden dazu beitragen, dass die Frauen für den Arbeitsmarkt gerüstet sind, und dass ein Kursangebot entsteht, das auf diese Bevölkerungsgruppe mit beschränkten finanziellen Mitteln abgestimmt ist.

Digitale Agenda «mamagenda»: vorbeugen statt heilen

Vorbeugen ist besser als heilen! Wenn das Erwerbspotenzial der weiblichen Bevölkerung besser genutzt werden soll, müssen wir sicherstellen, dass die Frauen ihre Berufstätigkeit nicht aufgeben. Dafür stehen effiziente Hilfsmittel zur Verfügung. Eines davon ist die kostenlose digitale Online-Agenda «mamagenda.ch» von Travail.Suisse. Die Agenda richtet sich an erwerbstätige Frauen, die Mutter werden, und an deren Vorgesetzte. Sie hilft diesen, die Zeit des Mutterschaftsurlaubs und die Rückkehr der jungen Mutter an den Arbeitsplatz für beide Seiten optimal zu organisieren.

Ist ein grosszügiger Vaterschaftsurlaub mit anschliessendem mehrmonatigem Elternurlaub also das Patentrezept, das die Frauen dazu bringt, mehr zu arbeiten? Ohne weitere Schritte werden diese beiden Massnahmen nicht alle Probleme lösen und die Frauen nicht zurück ins Büro oder in die Werkstatt zaubern. Dazu braucht es auch verlässliche Rahmenbedingungen für die Familien. Zur Erinnerung: Nirgendwo sonst wird so viel gearbeitet wie in der Schweiz, gemessen sowohl an den Wochenstunden als auch an den Ferien- und Feiertagen sowie der Arbeitswegzeit. Das ergab die 5. Europäische Erhebung über die Arbeitsbedingungen, die vom Staatssekretariat für Wirtschaft 2010 veröffentlicht wurde. Auch Lohndiskriminierungen gegenüber Frauen sind noch immer verbreitet: Vorsichtige Schätzungen gehen davon aus, dass es für 40 Prozent der Lohnunterschiede keinerlei objektive Gründe gibt, und je nach gewählten Kriterien ist der Anteil noch höher. Schliesslich fehlt es noch immer an Betreuungsstrukturen für Kinder, aber auch zunehmend an Einrichtungen zur Betreuung älterer Menschen.

Nein zur «Politik der kleinen Schritte» in der Familienpolitik!

Ein sechsmonatiger Elternurlaub mit einem Teil, der ausschliesslich vom Vater bezogen werden kann und als Vaterschaftsurlaub bezeichnet wird: So lautete bereits 2010 der mutige Vorschlag der Eidgenössischen Koordinationskommission für Familienfragen (EKFF). Heute mahnt hingegen die neue Präsidentin, die ehemalige Nationalrätin Thérèse Meyer, zu typisch schweizerischer Zurückhaltung. Sie befürwortet eine «Politik der kleinen Schritte» zu einem Zeitpunkt, in dem alle Signale auf rot stehen.

In unserem Land braucht es dringend ein durchdachtes Massnahmenpaket für Familien, das die Frauen gezielt von der Bürde entlastet, Beruf und Familie aus eigener Kraft vereinbaren zu müssen. Nur unter diesen Voraussetzungen – und zu diesem Preis – werden die Mütter auf dem Arbeitmarkt präsenter sein und die Väter die Möglichkeit erhalten, mehr als «Wochenendväter» zu sein.

1Siehe Medienservice vom 10. September 2012 «Weiterbildungsgutscheine für Wiedereinsteigerinnen», Medienservice vom 7. Mai 2012 «Finanzierung der Weiterbildung als Knackpunkt», und Medienservice vom 20. Februar 2012 «Rückkehr ins Berufsleben begleiten» von Angela Zihler.

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PD Patentrezept für eine höhere Erwerbsbeteiligung der Frauen.doc 113 KB

01. Oktober 2012, Valérie Borioli Sandoz, Leiterin Gleichstellungspolitik Drucker-icon

Zusammengebastelter Vaterschaftsurlaub geht auf Kosten der Gesundheit

Väter, die in der Schweiz arbeiten, haben bei der Geburt eines Kindes keinen Anspruch auf eine bezahlte Auszeit. Viele Männer nehmen jedoch einige Tage frei und ziehen dafür Ferien oder Überstunden ein. Als Folge davon drohen Erschöpfung und gesundheitliche Beschwerden. Nationalrätin Yvonne Gilli erschien diese Situation stossend, weshalb sie in der letzten Parlamentssession ein Postulat einreichte. mehr

«Es ist offensichtlich, dass immer mehr Väter auch zuhause Verantwortung in ihrer Elternschaft übernehmen. Diese neue Rollenverteilung entspricht einer gesellschaftlichen Entwicklung der gleichen Rechte und Pflichten, unabhängig von Mutter- respektiv Vaterschaft“. Mit diesen Worten fasst die St. Galler Parlamentarierin und Ärztin Yvonne Gilli die Problematik in ihrer Interpellation an den Bundesrat vom Juni zusammen.

Die bezahlte Auszeit, die Eltern bei der Geburt oder Adoption eines Kindes in Anspruch nehmen können, ist in der Bundespolitik immer wieder Thema. Parlamentsmitglieder wie Marco Romano (CVP TI)1 oder Valérie Piller Carrard (SP FR)2, die erst seit Kurzem im Nationalrat sitzen, haben Lösungen für das Problem vorgeschlagen. Auch die Grüne Yvonne Gilli ist über die gesundheitlichen Folgen für Väter, die sich bei der Geburt eines Kindes selber einen Urlaub «zusammenbasteln», besorgt.

Heute besteht eine Ungleichbehandlung von Müttern – die seit 2005 Anspruch auf einen bezahlten Mutterschaftsurlaub von 14 Wochen haben – und Vätern, die nur einen einzigen freien Tag erhalten. Dieser Tag wird den Vätern im Rahmen der «üblichen freien Tage» gemäss Obligationenrecht (Art. 329 Abs. 3) gewährt, d.h. als ausserordentliche Abwesenheit, die Arbeitnehmenden zusteht, um persönliche Angelegenheiten zu regeln. Bei einer Geburt in der Familie präsent zu sein und familiäre Pflichten zu übernehmen, wird somit nicht höher gewichtet als ein Umzug oder ein Zahnarztbesuch.

Notlösungen auf Kosten der Gesundheit

Väter, deren Arbeitgeber auf privater Ebene keinerlei Lösungen anbieten, müssen deshalb mit Notlösungen vorlieb nehmen. Wie sehen diese aus? Die künftigen Väter sparen in den Monaten vor der Geburt Ferientage zusammen oder leisten mehr Überstunden, die sie dann bei der Geburt einziehen können. Eine solche Strategie bleibt nicht ohne Folgen für die Gesundheit… und ist nicht gesetzeskonform! Denn das Gesetz definiert Ferien als arbeitsfreie Zeit, die dazu dient, sich zu erholen. Gerade weil der Druck am Arbeitsplatz ständig zunimmt und die Fristen immer kürzer werden, ist es heute wichtiger denn je, dass sich die Arbeitnehmenden erholen können. Dass Väter bei der Geburt eines Kindes Ferien nehmen müssen, zahlt sich nicht aus, denn diese Zeit eignet sich nicht zur Erholung, ganz im Gegenteil. Bei der Geburt eines Kindes muss die gesamte Familienstruktur umgestellt werden, und die Eltern sind rund um die Uhr gefordert.

Gleichzeitig bleiben Wöchnerinnen immer weniger lang im Spital, weil die Gesundheitskosten eingedämmt werden sollen. Schon kurz nach der Geburt kommt die Mutter wieder nach Hause, und wenn ein Paar bereits eines oder mehrere Kinder hat, ist die Anwesenheit des Vaters unabdingbar, damit der Haushalt, die Kinderbetreuung und die Pflege von Ehefrau und Neugeborenem reibungslos funktionieren. Zur Erinnerung: Heutzutage können immer weniger junge Familie auf die Unterstützung von Angehörigen zählen, etwa weil die Grosseltern arbeiten oder die Familienmitglieder zu weit voneinander entfernt wohnen.

Deshalb gefährden Männer, die sich bei der Geburt ihres Kindes selber eine «Vaterzeit» zusammenbasteln, ihre Gesundheit. Sie sind bereits müde, wenn das freudige Ereignis eintritt, da sie ihre Ferien gespart oder mehr Arbeitsstunden geleistet haben, und sie kehren nach einigen psychisch und körperlich anstrengenden Tagen noch erschöpfter an ihren Arbeitsplatz zurück, ohne dass sie sich regenerieren konnten. Diese aufgestaute Müdigkeit schränkt mit Sicherheit die Produktivität ein und kann für den Arbeitnehmer sogar gefährlich sein.

Investitionen von 180 Millionen für den Schutz der Gesundheit der Väter

Weil heute andere Arbeits- und Familiensituationen dominieren als noch vor einer Generation, ist das Argument nicht mehr plausibel, Kinder seien ausschliesslich Privatsache und gingen den Staat nichts an. Eine bezahlte Auszeit für Väter bei der Geburt eines Kindes wäre gemäss Schätzungen von Travail.Suisse mit Kosten von rund 180 Millionen Franken pro Jahr verbunden3. Es wäre eine Investition in die Familie, zum Schutz der Arbeitnehmer und zur Beseitigung einer Ungleichbehandlung von Frauen und Männern.

Zwar müssen sich die Väter nicht von den körperlichen Folgen einer Geburt erholen. Sie müssen aber zusätzliche anstrengende Pflege- und Betreuungsaufgaben übernehmen, wenn ein Baby im Haus ist, ganz zu schweigen von den emotionalen Herausforderungen dieser Zeit. Weshalb sollte ein Arbeitnehmer seine Gesundheit aus Spiel setzen müssen, um seiner Rolle als Vater gerecht zu werden? Nicht nur die Unternehmen brauchen optimale Rahmenbedingungen, sondern auch die Familien.

1Siehe Medienservice vom 19. März 2012

2Siehe Medienservice vom 4. Juni 2012

3Bei einem 20-tägigen Urlaub mit 80% Lohn wie bei der Mutterschaftsentschädigung. Siehe Medienservice vom 4. Juni 2012 für Einzelheiten zur Schätzung.

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PD Zusammengebastelter Vaterschaftsurlaub geht auf Kosten der Gesundheit.doc 110 KB

27. August 2012, Valérie Borioli Sandoz, Leiterin Gleichstellungspolitik Drucker-icon