Themen – Familie – Pflegende Angehörige

Erste nationale Plattform für pflegende und betreuende Angehörige

In Zukunft werden immer mehr ältere Menschen auf Betreuung und Pflege angewiesen sein. Viele von ihnen möchten möglichst lange zu Hause bleiben. Um das zu ermöglichen, bieten ihnen Angehörige oft ihre Hilfe an – zum Teil obwohl sie einer Erwerbstätigkeit nachgehen.

Die Website www.info-workcare.ch von Travail.Suisse stärkt die generationenübergreifende Hilfe innerhalb der Familien. Sie bietet kostenlose Informationen, Ratschläge, Tools und nützliche Adressen für alle erwerbstätigen pflegenden Angehörigen.

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Veranstaltung zum Tag der Angehörigenpflege

Am Montag, 30. Oktober 2017, findet in Zürich die Impulsveranstaltung “Berufstätig sein und Angehörige betreuen” statt. Im Fokus steht die Vereinbarkeit von Erwerbs- und Betreuungsarbeit. Denn die Unterstützung von kranken, behinderten oder hochaltrigen Angehörigen ist eine Herausforderung – für den einzelnen Menschen, für die Gesellschaft und für die Wirtschaft.

Die Impulsveranstaltung soll die aktuelle Situation sichtbar machen, den Dialog zwischen Angestellten, Arbeitgebern und der öffentlichen Hand fördern, aber auch Erfolgsmodelle und Stolpersteine thematisieren.

» Mehr zur Veranstaltung vom 30. Oktober finden Sie hier


Betreuende und pflegende Angehörige: Ja zum Gesetzesentwurf, aber es braucht weitere Massnahmen

Travail.Suisse, die unabhängige Dachorganisation der Arbeitnehmenden, unterstützt die vom Bundesrat vorgeschlagenen Massnahmen zur Entlastung von erwerbstätigen Personen, die kranke Angehörige betreuen. Diese Massnahmen sind nötig und dringend. Der entsprechende Gesetzesentwurf weist allerdings Lücken auf und muss nun durch zusätzliche Massnahmen ergänzt werden. mehr

» zur Vernehmlassung

Aufgrund der Alterung der Bevölkerung und des Fachkräftemangels ist es nötig, dass der Bund Massnahmen zur besseren Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Angehörigenpflege ergreift. „Heute haben die betroffenen Arbeitnehmenden grosse Schwierigkeiten, alle ihre Verpflichtungen unter einen Hut zu bringen. Sie gefährden damit ihre eigene Gesundheit und ihre Zukunft“, unterstreicht Valérie Borioli Sandoz, Leiterin Gleichstellungspolitik bei Travail.Suisse.

Travail.Suisse unterstützt die Stellungnahme der Nationalen Interessengemeinschaft für betreuende und pflegende Angehörige zum Gesetzesentwurf. Die unabhängige Dachorganisation der Arbeitnehmenden gehört neben dem Schweizerischen Roten Kreuz, der Krebsliga Schweiz, Pro Infirmis und Pro Senectute zu den Gründungsmitgliedern dieser Interessengemeinschaft. So beurteilt Travail.Suisse den Kurzzeiturlaub von drei Tagen für die Betreuung von Angehörigen in gewissen Fällen ebenfalls als zu kurz (das gilt zum Beispiel für alleinerziehende Familien oder bei der Unterstützung eines Angehörigen beim Eintritt in eine Einrichtung). Der Langzeiturlaub seinerseits sollte nicht nur Eltern von schwer kranken Kindern gewährt werden, sondern auch bei Betreuung anderer Angehöriger in einer schwierigen Situation gelten (bei schwerer Krankheit, am Ende ihres Lebens).

Travail.Suisse hat die eigene Stellungnahme mit zusätzlichen Punkten ergänzt, welche für die Arbeitnehmenden, die Angehörige betreuen, wichtig sind:

• Travail.Suisse erachtet die Dauer des vorgeschlagenen Langzeiturlaubs als zu kurz und fordert wie die Interessengemeinschaft für betreuende und pflegende Angehörige eine Verlängerung auf 24 Wochen. Die Dauer sollte allerdings dem Alter der Kinder angepasst werden. Die maximale Dauer wäre dabei der Betreuung von Kindern bis zu 6 Jahren vorbehalten.
• Die Betreuungs- und Erziehungsgutschriften in der AHV müssen kumuliert werden können. Tatsächlich betrifft die Doppelbelastung vor allem die „Sandwich“-Generation der erwerbstätigen Frauen zwischen 40 und 60 Jahren, die noch ihre Kinder betreuen und sich bereits um ihre Eltern oder Schwiegereltern kümmern. Das fiktive Einkommen auf ihrem AHV-Konto wird sie nicht reich machen, aber Vorsorgelücken in der 1. Säule verhindern.
• Es braucht eine Lösung für die Frage der Lücken in der beruflichen Vorsorge jener Personen, die für die Angehörigenbetreuung oder –pflege ihr Arbeitspensum reduzieren oder die Erwerbsarbeit ganz aufgeben. Der Bund sollte mindestens den Arbeitgeberbeitrag übernehmen für die Zeit, in der die Erwerbsarbeit zugunsten der Angehörigenbetreuung oder –pflege reduziert oder eingestellt wird
• Wer auf Arbeitssuche und beim RAV registriert ist und gleichzeitig Angehörige betreut oder pflegt, sollte Anspruch auf eine Verlängerung seiner Rahmenfrist haben, so wie dies bei einer Ausbildung der Fall ist.

Travail.Suisse wird sich auch in Zukunft für die erwerbstätigen Personen einsetzen, die in die Unterstützung und Begleitung von nahestehenden Personen, seien dies ihre Kinder oder Angehörige, eingebunden sind.

16. November 2018, Valérie Borioli Sandoz, Leiterin Gleichstellungspolitik

Travail.Suisse: Vernehmlassung zum Bundesgesetz über die Verbesserung der Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Angehörigenbetreuung

(Vernehmlassungsantwort nur auf Französisch)

15. November 2018, Valérie Borioli Sandoz, Leiterin Gleichstellungspolitik

IG Betreuende und pflegende Angehörige: Erste Schritte in die richtige Richtung, aber das ist erst der Anfang

Die IG Betreuende und pflegende Angehörige unterstützt die Absicht des Bundesrates die Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Angehörigenbetreuung zu verbessern. Weitere Unterstützungsangebote zur Entlastung von betreuenden und pflegenden Angehörigen sind aber notwendig.

» zur Vernehmlassungsantwort mehr

Angehörige, die ihre Nächsten betreuen oder pflegen sind einer grossen Belastung ausgesetzt. Für erwerbstätige Angehörige kann die Mehrfachbelastung sowohl gesundheitliche als auch finanzielle Einbussen zu Folge haben. Die IG begrüsst daher den Vorschlag des Bundesrates, die Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Angehörigenpflege zu verbessern.

Die IG begrüsst
• die Ausweitung des Anspruchs auf kurzzeitige Abwesenheiten vom Arbeitsplatz aufgrund Krankheit oder Unfall auf verwandte und nahestehende Personen. Die rechtliche Verankerung dieses Anspruchs sowie der Lohnfortzahlung bringt Rechtssicherheit für alle.
• einen Urlaub für erwerbstätige Eltern, deren Kind erhöhten Bedarf an Betreuung und Pflege hat. Die Dauer des Betreuungsurlaubs sowie der Bezug von einzelnen Tagen muss geprüft werden. Neben Krankheit und Unfall kann ein erhöhter Betreuungs- und Pflegebedarf auch aufgrund einer Behinderung anfallen, deshalb sollen diese drei Ursachen gleichwertig im Gesetz umschrieben sein.
• eine Erweiterung des Anspruchs auf AHV-Betreuungsgutschriften für die Betreuung von Angehörigen mit leichter Hilflosigkeit, sowie für Konkubinatspaare.

Bedarfsgerechte, bezahlbare und niederschwellige Unterstützungsangebote ausbauen

In der Vorlage fehlen notwendige Massnahmen, um betreuende und pflegende Angehörige zu entlasten. Die Zahl der erwerbstätigen betreuenden und pflegenden Personen in der Schweiz steigt seit Jahren kontinuierlich an und wird weiter zunehmen. Um ein längerfristiges und nachhaltiges Engagement der Angehörigen zu sichern, braucht es eine besserer Vereinbarkeit mit der Berufstätigkeit sowie bedarfsgerechte, bezahlbare und niederschwellige Unterstützungsangebote im Gesundheits- und Sozialbereich – beispielsweise wirkungsvolle Massnahmen wie Erholungszeit und Betreuungszulagen.


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Netzwerk der IG Betreuende und pflegende Angehörige
Die nationale Interessengemeinschaft für betreuende und pflegende Angehörige (IG Betr. Angehörige) wurde im Frühling 2018 gegründet, um den betreuenden und pflegenden Angehörigen in der Schweiz eine Stimme zu geben, ihre Anliegen gegenüber der Politik zu vermitteln und ihre Interessen auf nationaler Ebene zu vertreten.

Gründungsmitglieder:
Schweizerisches Rotes Kreuz, Krebsliga Schweiz, Pro Infirmis, Pro Senectute Schweiz, Travail.Suisse

Netzwerk unterstützender Organisationen:
AGILE.CH, Alzheimer Schweiz, Entlastungsdienst Schweiz, Evangelische Frauen Schweiz, Fondation Pro-XY, Inclusion Handicap, Lungenliga Schweiz, männer.ch, Procap, Pro Juventute, sages, SBK-ASI, Stiftung Pro Mente Sana, transfair, UBA, VASOS
Wissenschaftlicher Partner:
Careum Forschung

Für zusätzliche Informationen
Valérie Borioli Sandoz,
Geschäftsstelle IG Pflegende und betreuende Angehörige, Tel. 079 598 06 37, E-Mail
Andreas Bircher,
Leiter Entlastung, Schweizerisches Rotes Kreuz, Tel. 078 685 94 46, E-Mail
Ursula Koch,
Leiterin Vorsorge, Betreuung & Nachsorge, Krebsliga Schweiz, Tel. 079 753 87 19, E-Mail
Benoit Rey,
Leiter Dienstleistungen Romandie und Tessin, Pro Infirmis, Tel. 079 305 52 93, E-Mail
Alexander Widmer,
Public Affairs, Pro Senectute, Tel. 044 283 89 57, E-Mail
Adrian Wüthrich,
Präsident Travail.Suisse und Nationalrat, Tel. 079 287 04 93, E-Mail

15. November 2018, Adrian Wüthrich, Präsident und Valérie Borioli Sandoz, Leiterin Gleichstellungspolitik

Pflegende Angehörige – heutigen und künftigen Bedürfnissen gerecht werden

Kurz vor den Sommerferien wurde der Gesetzesentwurf, der endlich Unterstützung für berufstätige und pflegende Angehörige bringen soll, in die Vernehmlassung geschickt. Diese Gesetzesvorlage umfasst drei Massnahmen, um die meisten Notsituationen zu regeln. Doch die pflegenden Angehörigen haben viele Bedürfnisse. Die alltäglichsten Situationen, in denen regelmässige Hilfe und Unterstützung geleistet wird, werden vom Entwurf nicht abgedeckt. Es sind also weitere Massnahmen in verschiedenen Bereichen notwendig. Travail.Suisse, der unabhängige Dachverband der Arbeitnehmenden, fordert den Gesetzgeber auf, diesen ersten Entwurf zu ergänzen. Nur so kann die Schweiz weiterhin von den enormen sozialen Beiträgen profitieren, welche die gegenseitige Hilfe innerhalb und ausserhalb des Familienkreises bringt. mehr

Die drei Massnahmen zur besseren Vereinbarkeit von Berufstätigkeit und Care-Arbeit, die im Gesetzesentwurf enthalten sind, der sich noch bis November in der Vernehmlassung befindet, wurden in einer früheren Medienmitteilung bereits ausgeführt1. Da diese Massnahmen notwendig sind, akzeptiert Travail.Suisse sie natürlich. Allerdings müssten sie ergänzt und zum Teil präzisiert werden. Dieses kleine Massnahmenpaket müsste zudem durch weitere, ebenso notwendige Massnahmen vervollständigt werden.

Die Herausforderung ist riesig und akut

Bereits Anfang Jahr2 haben wir erwähnt, dass Not- und Ausnahmesituationen wie schwere Erkrankungen, Unfälle und sämtliche Notfälle, die sich unerwartet ereignen und die das Eingreifen und die Anwesenheit der Arbeitnehmenden bedingen, geregelt werden müssen. Doch genau für diese Situationen haben die Arbeitgeber am häufigsten Verständnis zeigen und bieten sie Hand für Lösungen. Unsere politischen Vertreter haben zudem die Aufgabe, innovative Massnahmen hinsichtlich der regelmässigen und langfristigen Care-Arbeit zu finden.

Denn die Herausforderung ist da und sie ist enorm. Wegen der alternden Bevölkerung wird auch die Anzahl der pflegenden Angehörigen zunehmen. Die Anzahl berufstätiger Personen (zwischen 15 und 64 Jahren), die mindestens eine Care-Aufgabe wahrnehmen, wird auf 1,9 Millionen geschätzt. Gemäss der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung 20143 organisieren sich über die Hälfte der insgesamt über 4 Millionen Erwerbstätigen mit Betreuungsaufgaben (56 %) so, dass sie aus familiären Gründen ganze Tage freinehmen können. In der Schweiz sind täglich fast 340 000 Personen mit solchen Schwierigkeiten konfrontiert – eine Zahl, die wegen der alternden Bevölkerung, der zunehmenden Anzahl Einpersonenhaushalte und mangelnder Betreuungseinrichtungen steigen wird. Gleichzeitig herrscht in der Wirtschaft Fachkräftemangel. Doch 11 Prozent der Personen, die Betreuungsaufgaben für Erwachsene übernehmen, gaben an, ihre Arbeitszeit für mindestens einen Monat reduziert zu haben, und 7 Prozent haben ihre Erwerbsarbeit für mehr als einen Monat ganz unterbrochen. Letztes Jahr haben 15 000 Personen (davon 87 % Frauen) ihre Berufstätigkeit aus persönlichen oder familiären Gründen gar ganz aufgegeben. Dabei sind die Pensionierten, die Angehörige pflegen, noch nicht einmal berücksichtigt. Denn diese Personen – mehrheitlich Frauen – befinden sich ausserhalb des Arbeitsmarktes, setzen ihre Gesundheit und ihr Gleichgewicht aufs Spiel, weil sie zu viel machen wollen.

Keine Spur von Betreuungsurlaub oder Betreuungszulagen

Der Nationalrat hat zwei parlamentarischen Initiativen der früheren CVP-Nationalrätin Lucrezia Meier-Schatz zum Thema pflegende Angehörige aus dem Jahr 2011 Folge gegeben4. Anschliessend wurde ein Postulat der SGK-NR 20135 ebenfalls im Plenum verabschiedet. Die Finanzierung eines Betreuungsurlaubs und von Betreuungszulagen für alle betreuenden Angehörigen wurde diskutiert. Doch diese Vorlagen sind im vorliegenden Entwurf leider keineswegs berücksichtigt worden. Für die Regierung ist die Arbeit also nicht getan: Sie hat ihre Aufgabe, den Bedürfnissen der pflegenden Angehörigen Rechnung zu tragen, nicht erfüllt.

Innovative Ideen und eine harmonisierte Politik sind gefragt

In seinem Positionspapier zur Gleichstellung6 nennt Travail.Suisse weitere Massnahmen, die zur Unterstützung der pflegenden Angehörigen beitragen könnten. Einige Massnahmen wurden dem Parlament bereits unterbreitet: Jacques-André Maire, Vizepräsident von Travail.Suisse und Nationalrat, will, dass die Freiwilligen, die langfristige Care-Arbeit in für direkte Care-Aufgaben anerkannten Organisationen leisten, mit einer Aufbesserung ihrer AHV-Rente für ihr Engagement «belohnt» werden7. In Bezug auf die zweite Säule hat Stefan Müller-Altermatt, Präsident von transfair und Nationalrat, ein Postulat eingereicht, das vom Bundesrat genehmigt und vom Nationalrat verabschiedet wurde. Es verlangt, dass der Staat den Arbeitnehmeranteil übernimmt, wenn pflegende Angehörige ihren Beschäftigungsgrad in einem bestimmten Rahmen reduzieren (um höchstens 20 %, Beschäftigungsgrad von mindestens 60 %)8.

In einer Studie, die als Meilenstein gewertet werden kann, wurden weitere Bedürfnisse bereits angekündigt9. Die Hilflosenentschädigung bei der AHV könnte etwa verdoppelt werden, wie das bei der Invalidenversicherung (IV) gemacht wird, wenn die Pflege zuhause erfolgt. Die Assistenzbeiträge der IV könnten auch den Angehörigen in der Familie entrichtet werden und nicht nur externen Dritten. Eine weitere Möglichkeit wäre, die Pflege- und Betreuungsaufgaben, die in Vollzeit geleistet werden, zur Verlängerung der Rahmenfrist in der Arbeitslosenversicherung anzurechnen, wie dies für Erziehungsperioden ohne Erwerbstätigkeit bei der Erziehung und Betreuung von Kindern unter vier Jahren vorgesehen ist. Diese neue Bestimmung sollte auch zum Tragen kommen, wenn die betreffende Person ihren Beschäftigungsgrad reduziert, um sich um Angehörige zu kümmern.

Weiter wäre es sinnvoll, ein Recht auf Teilzeitarbeit für alle Angehörigen einzuführen, die Kinder oder Erwachsene betreuen. Diese Forderung stellt Travail.Suisse seit mehreren Jahren immer wieder. Denn es ist wichtig, dass berufstätige pflegende Angehörige ihre Erwerbstätigkeit beibehalten: Es geht um ihr persönliches Gleichgewicht und ihre künftige Rente, während die Unternehmen so qualifizierte und erfahrene Fachkräfte behalten können. Das Recht auf Teilzeitarbeit müsste jedoch beschränkt werden, ähnlich wie bei den geltenden Bestimmungen für das Personal der Bundesverwaltung (Reduktion um höchstens 20 %, sofern der Beschäftigungsgrad nicht unter eine gewisse Schwelle sinkt, damit der Zugang zu den Spargeldern der beruflichen Vorsorge bestehen bleibt, in der Regel nicht unter 60 %). Das Recht auf Teilzeitarbeit könnte zeitlich begrenzt werden, um eine Neubeurteilung der Situation der Arbeitnehmenden und eine entsprechende Anpassung des Pensums zu ermöglichen.

Finanzen und soziale Beiträge

Die Betreuung von Angehörigen dient der gesamten Gesellschaft. Gemäss dem Bundesamt für Statistik kostet eine Betreuung im Pflegeheim 8700 Franken im Monat (d. h. 9,5 Milliarden für die ganze Schweiz). Zwei Drittel davon werden den Bewohnerinnen und Bewohnern als Hotel- und Animationskosten belastet und sind von der Krankenversicherung und der Pflegekostenbeteiligung nicht gedeckt. Mit anderen Worten: Bleibt eine Person zuhause, bringt das dem Staat (und uns als Steuerzahlern) Einsparungen von 8000 bis 10 000 Franken pro Monat. Für Menschen, die sich die Kosten der Unterbringung ihrer hilfsbedürftigen Angehörigen in einer spezialisierten Einrichtung nicht leisten können, ist die Betreuung zuhause die einzige Lösung. Sie werden so zu pflegenden Angehörigen und müssen diese schwere Aufgabe auf sich nehmen.

Neulich wurden die Zahlen der an Alzheimer erkrankten Personen von der Presse in Erinnerung gerufen10. Ein grosser Teil der auf 9,5 Milliarden Franken geschätzten Kosten (43,5 %) wird von den Angehörigen übernommen: Das entspricht 4,2 Milliarden Franken, während sich die direkten Kosten für Pflegeheime, Spitäler, Hauspflegedienste usw. auf 5,3 Milliarden Franken belaufen. Es ist ausserdem bekannt, dass sich die Zahl der Betroffenen – 150 000 im Jahr 2018 – bis 2030 verdoppeln könnte.

Allerdings wäre es etwas simpel, die Thematik nur unter finanziellen Gesichtspunkten zu betrachten. In erster Linie ist es eine Frage der Menschlichkeit, dieses freiwillige Engagement zwischen Menschen zu fördern und zu unterstützen. Die sozialen Beiträge können zwar nicht beziffert werden, doch lässt sich leicht erfassen, was eine Gesellschaft ohne gegenseitige Hilfe verlieren würde. Daher darf eine Politik zugunsten der pflegenden Angehörigen auf jeden Fall einige Prozentpunkte unseres üppigen BIP kosten.


1 Valérie Borioli Sandoz, «Pflegende Angehörige – drei Massnahmen und noch mehr Bedürfnisse», Medienservice, 20. August 2018
2 Valérie Borioli Sandoz, « Es braucht bezahlte Urlaube für die Betreuung von Angehörigen », Medienservice, 6. Februar 2018.
3 BFS, Schweizerische Arbeitskräfteerhebung: «"Vereinbarkeit von Beruf und Familie": https://www.bfs.admin.ch/bfsstatic/dam/assets/349762/master», Neuenburg, Oktober 2014
4 Lucrezia Meier-Schatz, «Betreuungszulage für pflegende Angehörige», parlamentarische Initiative 11.411; «Rahmenbedingungen für die Entlastung von pflegenden Angehörigen», parlamentarische Initiative 11.412.
5 SGK-NR «Betreuungszulagen und Entlastungsmöglichkeiten für pflegende Angehörige», Postulat 13.3366
6 Valérie Borioli Sandoz, « Gleichstellung von Frau und Mann heute und morgen. 28 Forderungen für mehr Wahlfreiheit und zur Gewährleistung der Lebensqualität von Arbeitnehmenden », Travail.Suisse, Bern, April 2018.
7 Jacques-André Maire, «Anerkennung und Gutschriften für Freiwilligenarbeit in der Hilfe und Unterstützung für Dritte», Postulat 18.3422
8 Stefan Müller-Altermatt, «Angemessene BVG-Deckung für Personen, welche Care-Arbeit leisten», Postulat 16.3868
9 H. Stutz und C. Knupfer, «Absicherung unbezahlter Care-Arbeit von Frauen und Männern», EBG, Bern, Mai 2012.
10 Sylvie Logean, «Alzheimer, l’impossible consensus», Le Temps, 20. September 2018.

05. November 2018, Valérie Borioli Sandoz, Leiterin Gleichstellungspolitik

Arbeitslose pflegende Angehörige – Nationalrat verpasst eine wichtige Chance

Die Motion „Care-Arbeit und Arbeitsanforderungen vereinbaren“ von Stefan Müller-Altermatt, Präsident von transfair, ist leider heute vom Nationalrat abgelehnt worden. Die Motion forderte, dass das Arbeitslosenversicherungsgesetz Avig so ausgestaltet wird, dass es mit Care-Arbeit vereinbar wird. Travail.Suisse bedauert, dass die Wichtigkeit der Motion unterschätzt wurde. mehr

Die Pflege von Angehörigen muss besser berücksichtigt werden – auch wenn die pflegende Person arbeitslos ist. Arbeitnehmende, die bei der regionalen Arbeitsvermittlung RAV angemeldet sind, müssen jede Arbeit annehmen, die als “zumutbar” eingestuft wird. Dazu gehört auch ein Arbeitsort, der bis zu 4 Stunden Pendelzeit pro Tag erfordert. Das ist allerdings mit der Pflege von Angehörigen (auch Care-Arbeit) kaum vereinbar.

Die Mehrheit des Nationalrates folgte der Empfehlung des Bundesrates, die Motion abzulehnen. „Leider scheint sie die Tragweite von Erwerbslosigkeit und Angehörigenpflege nicht erfasst zu haben“, sagt Valérie Borioli Sandoz, Leiterin Gleichstellungspolitik bei Travail.Suisse. Der Bundesrat hatte argumentiert, dass die heutigen gesetzlichen Bestimmungen ausreichend seien. Doch die Motion zielte in erster Linie auf eine flexiblere Umsetzung ab, welche die persönliche Situation der pflegenden Angehörigen auch wirklich berücksichtigen kann. Tatsächlich besteht heute für die RAV ein beträchtlicher Interpretationsspielraum bei der Einschätzung, ob die vorgeschlagene Arbeit an die persönliche Situation der/des Erwerbslosen angepasst ist. Travail.Suisse bedauert die verpasste Gelegenheit, dem SECO den Auftrag zu erteilen, die RAV aufzufordern, die Flexibilität des Gesetzes zugunsten von erwerbslosen pflegenden Angehörigen zu nutzen.

Weitere Informationen:
Valérie Borioli Sandoz, Leiterin Gleichstellungspolitik Travail.Suisse, Mobile: 079 598 06 37 37

26. September 2018, Valérie Borioli Sandoz, Leiterin Gleichstellungspolitik

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