Themen – Bildung – HFKG

Das neue Hochschulförderungs- und -koordinationsgesetz

Das neue HFKG ist ein für die Schweizer Bildungslandschaft einzigartiges Projekt: Alle Hochschulen – also Universitäten, ETH, EPFL, Fach- und Pädagogische Hochschulen – werden ab 2015 zentral gefördert und koordiniert. Diese Umstrukturierung bewegt das Hochschul-Umfeld: Neue Organisationen haben sich gebildet, alte verändern sich und die Mitsprache wurde verstärkt. Auch Travail.Suisse, der unabhängige Dachverband der Arbeitnehmenden, redet mit.

Aus diesem Anlass versenden wir periodisch ein Info-Mail und beleuchten für Sie Akteure, Stärken und noch offene Baustellen des neuen HFKG. Wollen Sie das Info-Mail ebenfalls erhalten, dann tragen Sie sich bitte hier ein:










Die Texte aus den Info-Mails finden Sie hier:

Erziehungsdirektoren äussern Bedenken zu neuen Ärzte-Ausbildungen

Überstürzt und am ursprünglichen Ziel vorbeiführend – so die Reaktion der Erziehungsdirektoren auf die beabsichtigten Massnahmen für mehr Studienplätze in der Medizin. Schon bevor die Anschubfinanzierung von 100 Millionen bewilligt ist, zeichnet sich ein Verteilkampf ab. mehr

Die Erziehungsdirektoren drängen auf mehr Koordination. Das zumindest geht aus einem Schreiben hervor, das sie Mitte September an Bundesrat Johann Schneider-Ammann gerichtet haben. Zwar begrüssen die Regierungsräte das Sonderprogramm des Bundes, das 100 Millionen Franken für mehr Studienplätze in der Humanmedizin zur Verfügung stellen will. Sie zweifeln jedoch daran, dass die vorgesehenen Massnahmen ohne verstärkte Koordination zum gewünschten Ziel führen – nämlich, dass möglichst bald mehr Schweizer Ärzte für die Grundversorgung zur Verfügung stehen sollen.

Hintergrund des besorgten Briefes ist einerseits das Vorpreschen der ETH. Die renommierte Institution hat im September bekannt gegeben, dass sie in die Ausbildung von Ärzten einsteigen will. Ab Herbst 2017 plant sie einen neuen naturwissenschaftlich ausgerichteten Bachelorstudiengang mit 100 Plätzen. Den Master sollen die angehenden Ärzte danach an einer Universität mit medizinischer Fakultät erwerben.

Anderseits irritierten die Erziehungsdirektoren offensichtlich die Vorschläge für ein neues Ausbildungssystem, das ihnen Anfang September im Hochschulrat präsentiert worden war (siehe Interview mit Antonio Loprieno). Das Konzept sieht vor, den medizinischen Masterstudiengang für Absolventen von naturwissenschaftlichen oder gar pflegewissenschaftlichen Bachelorstudiengängen zu öffnen – ähnlich dem Schema des ETH-Projekts.

Nicht mehr Hausärzte mit neuem Modell

Eine Diskussion über neue Ausbildungssysteme sei zu begrüssen, steht im Brief, den EDK-Präsident Christoph Eymann im Namen des Vorstands unterschrieben hat. Doch sie müsse zwingend im neuen Ausschuss Hochschulmedizin geführt werden – und zwar in einem Zeitraum, der die nötige Sorgfalt erlaube. Wolle man möglichst schnell neue Studienplätze schaffen, so würde man hingegen besser auf das bestehende Modell setzen, schreiben die Regierungsräte. Dies sei ein Zielkonflikt, der politisch ausgehandelt werden müsse. Zudem zweifeln die Unterzeichnenden daran, dass mit den neu gestalteten Ausbildungen die ursprünglich definierten Ziele erfüllt werden können: Nachwuchs für die Grundversorgung ausbilden – also vor allem Hausärzte statt Spezialisten.

Aus diesem Grund stösst den Regierungsräten auf, dass die ETH einen Anteil der Anschubfinanzierung beansprucht. Sollte sie die gewünschten 10 Millionen Franken erhalten, fordern die Erziehungsdirektoren eine Erhöhung der gesamten Mittel. Insbesondere wollen sie erreichen, dass auch bereits erfolgte Massnahmen berücksichtigt werden. Die meisten Universitäten mit medizinischen Fakultäten haben ihre Anzahl Studienplätze schon in den letzten Jahren kontinuierlich erhöht. Für die entsprechenden Mehraufwendungen seien sie – abgesehen von den regulären Grundbeiträgen des Bundes – selbst aufgekommen, stellt der Vorstand fest. Bei der Medizin handle es sich um einen kostenintensiven Bereich, was zu einer guten Koordination und Aufgabenteilung unter den Kantonen verpflichte. Mit einer Projektausschreibung, wie sie der Bund vorsieht, könne dies nicht erreicht werden. Der Ausbau müsse langfristig finanzierbar bleiben, also auch für die Periode 2017-2020, betonen die Unterzeichnenden. Und: „Die Finanzierung darf nicht zulasten der Beiträge für die übrigen Hochschuldisziplinen, die Fachhochschulen und die Berufsbildung gehen.“

15. Oktober 2015, Andrea Söldi, freie Journalistin BR

Medizinische Grundversorgung sicherstellen:
Es braucht mehr als nur mehr Ärzte

Die Debatte um die Ausbildung von mehr Ärzten ist voll im Gang. Endlich! Mit dem Sonderprogramm des Bundes, das 100 Millionen Franken für mehr Studienplätze in der Humanmedizin zur Verfügung stellen will, wurde diese notwendige Diskussion angestossen. Eine wichtige Rolle bei den bevorstehenden Entscheidungen wird der ständige Ausschuss für Fragen der Hochschulmedizin haben (vgl. Art. 15.1a HFKG). Er wird die Vorabklärungen in Bezug auf Effizienz, Effektivität und die Nachhaltigkeit der eingegeben Projekte der Hochschulen machen. mehr

Travail.Suisse unterstützt diesen geplanten Prozess und die beabsichtigten finanziellen Aufwendungen. Trotzdem möchten wir auf vier Punkte hinweisen, die uns wichtig sind und in der Gefahr stehen, in der hitzigen Debatte vergessen zu werden:

1. Die Schweiz braucht nicht einfach mehr selbstausgebildete Ärzte, sondern mehr Hausärzte und Hausärztinnen, um die medizinische Grundversorgung sicherstellen zu können. Bei der Auswahl der Projekte ist dies zu berücksichtigen. Die Projekte sollten zeigen, was sie unternehmen, um dieses Ziel besser erreichen zu können.
2. Um die medizinische Grundversorgung auch in Zukunft garantieren zu können, ist zwar das Ziel anzustreben, gegen 400 (Haus-)Ärzte pro Jahr mehr in der Schweiz auszubilden. Aber es sind auch andere Massnahmen anzupacken, wie sie in einem Bericht des Bundesrates ausformuliert wurden 1 . Die Frage stellt sich: Braucht es für die eine oder andere Massnahme allenfalls auch eine Anschubfinanzierung durch den Bund?
3. Das Problem des Ärztemangels kann nur entschärft werden, indem das Potenzial der verschiedenen Gesundheitsberufe 2 optimal ausgenutzt wird. Die Zahl plus 400 (Haus-)Ärzte funktioniert nur, wenn die Leistungen, welche nicht zwingend durch sie erbracht werden müssen, durch andere Gesundheitsberufe übernommen werden. Die Entscheidungen diesbezüglich sind daher parallel zum Aufbau von mehr Studienplätzen für (Haus-)Ärzte vorwärtszutreiben. Die Fragen, die sich hier aufdrängen, lauten: Welcher Auf- und Ausbau ist allenfalls nötig bei den verschiedenen Gesundheitsberufen? Welche Bildungsanbieter übernehmen diesbezüglich den Lead? Wer trägt die allfälligen Investitionskosten?
4. Die gemachten Überlegungen zeigen, dass das Problem der medizinischen Grundversorgung nicht allein durch die universitäre Humanmedizin gelöst werden kann. Die anderen Bildungsbereiche (Fachhochschulen, Höhere Fachschulen) sind daher mit ihrem Knowhow auch in die Diskussionen einzubinden.

1 Strategie gegen Ärztemangel und zur Förderung der Hausarztmedizin, Bericht des Bundesrates
in Erfüllung der Motion 08.3608 von Nationalrätin Jacqueline Fehr „Strategie gegen Ärztemangel und zur Förderung der Hausarztmedizin“ vom 2. Oktober 2008. http://www.bag.admin.ch/themen/berufe/13932/13933/14201/index.html?lang=de&download=NHzLpZeg7t,lnp6I0NTU042l2Z6ln1acy4Zn4Z2qZpnO2Yuq2Z6gpJCKdnt,f2ym162epYbg2c_JjKbNoKSn6A—
2 Der Bericht des Bundesrates „Strategie gegen den Ärztemangel“ nennt als Beispiel folgende Berufe: spezialisierte Pflegende, spezialisierte medizinische Praxisassistentinnen, Ernährungsberatung, Apothekerinnen und –apotheker. Vgl. S. 62.

15. Oktober 2015, Bruno Weber-Gobet, Leiter Bildungspolitik

Mitwirkung in Bezug auf die strategischen Prozesse nötig

Travail.Suisse, der unabhängige Dachverband der Arbeitnehmenden, hat am Kongress vom 12. September 2015 auch hochschulspezifische Forderungen verabschiedet. Eine betrifft die Mitwirkungsrechte der Dozierenden, eine andere das Problem der Veradministrierung der Hochschulen. mehr

Durch das Inkrafttreten des Hochschulförderungs- und –koordinationsgesetzes HFKG besteht Raum für Reformen im Hochschulbereich. Durch die institutionelle Akkreditierung, welche angemessene Mitwirkungsrechte für die Hochschulangehörigen verlangt (Art. 30.1a.4 HFKG), ist an jeder Hochschule die Frage nach den „angemessenen“ Mitwirkungsrechten (neu) gestellt. Die Studierenden haben es vorgemacht, wie die Mitwirkungsstandards für sie aussehen sollten.^1^ Ähnliches muss aus Sicht von Travail.Suisse auch im Hinblick auf die Dozierenden erarbeitet werden. Die Dozierenden brauchen Mitwirkungsrechte, die ihrer Bedeutung entsprechen. Die Lehrenden und Forschenden sind nicht einfach nur Angestellte. Ihre Arbeit bildet den Inhalt und den Kern der Hochschulen. Das ist zwar allen bewusst, schlägt sich aber nicht an allen Hochschulen in den Mitwirkungsrechten nieder. Die Mitwirkung sollte die Partizipation über alle Geschäfte auf allen Führungsebenen garantieren und den Dozierenden die Rahmenbedingungen zur Verfügung stellen, „die ihnen ein unabhängiges Funktionieren ermöglichen“. 2 Mitwirkung, die sich auf die operative Ebene von Instituten oder Studiengängen beschränkt, kann nicht als Mitwirkung im eigentlichen Sinn angesehen werden. Diese ist zwar wichtig. Mitwirkung im eigentlichen Sinn beginnt erst dort, wo die Dozierenden in den strategischen Prozessen in den relevanten Mitwirkungsgebieten voll als Partner akzeptiert werden. 3 Hier sind aus Sicht von Travail.Suisse insbesondere bei den Fachhochschulen noch grosse Fortschritte zu erzielen.

1 http://www.vss-unes.ch/wp-content/uploads/2014/12/RZ_FH_Publikation_Web.pdf
2 Richtlinien des Hochschulrates für die Äkkreditierung im Hochschulbereich, Anhang 1, Punkt 2.3 http://www.news.admin.ch/NSBSubscriber/message/attachments/39608.pdf
3 Relevante Mitwirkungsgebiete aus Sicht des Fachhochschuldozierendenverbandes FHCH sind zum Beispiel zu finden auf http://www.fh-ch.ch/~fhch/upload/110820_Mitwirkung_d_def.pdf

Das Problem der Veradministrierung der Hochschulen

Eine Frage, die mit den Dozierenden auf strategischer Ebene unbedingt diskutiert werden muss, ist die Administration an Hochschulen. Ist alles nötig, was heute gemacht wird? Besteht nicht die Gefahr einer Veradministrierung, die der Lehre und der Forschung unnötig Finanzen entzieht? Travail.Suisse weiss, dass die „Veradministrierung“ ein dorniges Thema ist. Schon vor Jahren versuchten wir einmal, Licht ins Dunkel in Bezug auf den Vorwurf der Veradministrierung der Hochschulen zu bringen. Wir sind aber – was einige freuen wird – an der Autonomie der Hochschulen gescheitert. Leider ist aber der Vorwurf seit damals nicht verklungen. Im Gegenteil. Der Spardruck auf die Lehrenden und Forschenden steht oft im Gegensatz zum Ausbau auf Seiten der Administration. Und da dies nicht offen im Rahmen der erwarteten strategischen Mitwirkung zusammen mit den Dozierenden diskutiert wird, bleibt der Vorwurf der Veradministrierung als demotivierende Grösse auf Seiten der Lehrenden und Forschenden bestehen. Ein guter Grund, etwas dagegen zu unternehmen!

15. Oktober 2015, Bruno Weber-Gobet, Leiter Bildungspolitik

„Ich halte die Autonomie der Hochschulen für extrem wichtig“

Als neu gewählter Vizepräsident der Schweizerischen Hochschulkonferenz kann Bernhard Pulver erheblichen Einfluss nehmen. Zu Themen wie Akkreditierung, Ärzte-Ausbildung und Doktorat für Fachhochschul-Absolventen hat er klare Vorstellungen. mehr

Seit Ende Mai bekleiden Sie einen wichtigen Posten in der Hochschulpolitik. Wie werden Sie die Aufgabe wahrnehmen?
Bernhard Pulver: Natürlich sind viele Themen von der politischen Agenda her bereits gesetzt. Dennoch haben wir vom Präsidium einen Gestaltungsspielraum. Im Hinblick auf die Session des Hochschulrats vom 28. Mai war ich das erste Mal an einer Vorbereitungssitzung unter der Leitung von Bundesrat Johann Schneider-Ammann. Ich habe gespürt, dass er eine vertiefte politische Diskussion anstrebt und nicht nur formelle Traktanden abhaken will.

An seiner letzten Sitzung hat der Hochschulrat die Akkreditierungsrichtlinien verabschiedet und die Förderung des medizinischen Nachwuchses unterstützt. Sind die Beschlüsse nach Ihrem Sinn verlaufen?
Zum Teil. Bei den Akkreditierungsrichtlinien bin ich kritisch. Ich befürchte, dass der Prozess mit einem riesigen Aufwand für die Hochschulen verbunden ist, welcher der Bildung in diesem Land nichts bringt. Auch renommierte Hochschulen müssen sich nun akkreditieren lassen und das Prozedere alle sieben Jahre wiederholen. Ich habe mich dafür eingesetzt, dass die zweiten Durchläufe in einem vereinfachten Verfahren ablaufen. Dagegen gibt es Widerstände, aber im Grundsatz haben wir dies zum Glück so beschlossen.

Und was halten Sie von der Absicht, die Kapazitäten im Medizinstudium zu erhöhen?
Dieses Anliegen ist nun gut aufgegleist. Bei diesem teuren Studiengang müssen die Kantone gemeinsam möglichst kostengünstige Lösungen finden. Ich halte es a priori für zielführender, die bestehenden medizinischen Fakultäten zu erweitern, als anderorts von Grund auf neue aufzubauen – aber entschieden ist noch nichts.

Welche Anliegen wollen Sie sonst noch einbringen?
Mir ist es sehr wichtig, dass die drei verschiedenen Hochschultypen eigenständige Profile wahren.

Das ist doch bereits heute der Fall und wurde im HFKG nochmals ausdrücklich festgehalten.
Ja, aber vielen fehlt das Verständnis für die verschiedenen Rollen. Zum Beispiel bemängeln Politiker oft, die Universitäten würden ihre Forschung zu wenig auf die Bedürfnisse der Wirtschaft und der Gesellschaft ausrichten. Wirtschafts-Vertreter dagegen fordern, die Fachhochschulen sollten sich auf die Ausbildung von Fachleuten konzentrieren, statt in der Forschung mitzumischen. Ich muss regelmässig erklären, dass die Grundlagenforschung Aufgabe der universitären Hochschulen ist und dass auch die Fachhochschulen einen Forschungsauftrag haben, allerdings einen anwendungsorientierten. Eine gute Lehre ist zwingend mit Forschung verbunden.

Ist der Anspruch nicht auch berechtigt, dass die von Steuergeldern finanzierte Forschung den Bedürfnissen der Gesellschaft dient?
Ich halte die Autonomie der Hochschulen sowie eine gewisse Konkurrenz untereinander für extrem wichtig. Über den Nationalfonds, der eingereichte Projekte auswählt, hat die Politik ja immer noch ein Instrument in der Hand, um die Aktivitäten ein Stück weit zu steuern.

Was halten Sie von der Forderung der Fachhochschulen nach Doktoratsprogrammen?
Ich habe an sich Verständnis für dieses Anliegen. Die Fachhochschulen müssen auch Dozierende ausbilden. Deren Anforderungsprofil ist bis jetzt nicht klar definiert. Ich kann mir einen dritten Zyklus für Fachhochschulen vorstellen, der speziell für sie konzipiert wird und einen anderen Namen trägt. Somit wären die Doktorate weiterhin den universitären Hochschulen vorbehalten. Der Hochschulrat hat sich bereits mit dem Thema befasst und ein Projekt bewillig, in welchem nun konkrete Vorschläge erarbeitet werden.

Bernhard Pulver ist seit 2006 Erziehungsdirektor des Kantons Bern. Der 49-jährige Jurist gehört der Grünen Partei an. Ende Mai wurde er Vizepräsident der Schweizerischen Hochschulkonferenz, anstelle der zurückgetretenen Zürcherin Regine Aeppli. Präsidiert wird die SHK von Bundesrat Johann Schneider-Ammann, zweite Vizepräsidentin ist die Waadtländerin Anne-Catherine Lyon.

30. Juni 2015, Andrea Söldi, freie Journalistin BR

Bund will mehr Ärzte ausbilden

Der Hochschulrat stellt sich hinter die Absicht des Bundes, die Studienplätze in der Humanmedizin zu erhöhen. Nun zeigen auch andere Kantone Interesse an einer medizinischen Fakultät. mehr

Wer sich kürzlich im Spital behandeln liess, wird festgestellt haben, dass ein Grossteil der Ärzte und Ärztinnen nicht Schweizer Dialekt spricht. Der Eindruck täuscht nicht: Unsere hochstehende Gesundheitsversorgung können wir nur dank der vielen ausländischen Fachkräfte aufrechterhalten. In den letzten Jahren wurden bedeutend mehr ausländische Diplome anerkannt als schweizerische ausgestellt, wie ein Bericht des Bundesrats aus dem Jahr 2011 zeigt. Diese Entwicklung ist problematisch. Denn einerseits könnte die Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative den Zugang für ausländische Ärzte künftig erschweren. Anderseits zeichnet sich in den umliegenden Ländern ebenfalls ein Ärztemangel ab. Somit ist die Versorgungssicherheit auch hierzulande in Gefahr. Zudem ist es nicht besonders fair, auf Fachkräfte zu setzen, die im Ausland eine teure Ausbildung genossen haben und dort danach fehlen.

100 Millionen für die Medizin vorgesehen

Nun will der Bund Gegensteuer geben. In seiner Sitzung vom 28. Mai hat sich der Hochschulrat dafür ausgesprochen, die Anzahl Masterabschlüsse in der Humanmedizin zu erhöhen. Bereits in den vergangenen Jahren wurden die Studienkapazitäten kontinuierlich ausgebaut. Schliessen derzeit in der gesamten Schweiz jährlich knapp 800 Personen ein Medizinstudium ab, sollten es 2019 bereits über 1000 sein. Definiertes Ziel sind 1200 bis 1300 Abschlüsse. Um die benötigten Ausbildungsplätze zu schaffen, sieht der Bund eine Anschubfinanzierung von bis zu 100 Millionen Franken für die Zeitspanne von 2017 bis 2020 vor. Die Hochschulen können Projekte einreichen. Der Betrag muss aber nächstes Jahr noch vom Parlament genehmigt werden. Bei einer Studienzeit von sechs Jahren, wird die angestrebte Zahl neuer Ärzte wohl erst in etwa 12 Jahren erreicht.

Hatten bis anhin die bestehenden medizinischen Fakultäten in Basel, Bern, Freiburg, Genf, Lausanne, Neuenburg und Zürich ihre Kapazitäten erweitert, so zeigen nun auch andere Universitäten Interesse an der Studienrichtung. Weit fortgeschritten sind die Pläne im Kanton Tessin. In St. Gallen und Luzern sind Abklärungen am Laufen.

Studienplätze allein reichen nicht

Wie aber will man erreichen, dass die Mediziner künftig vermehrt die benötigten Fachrichtungen wählen? „Schönheitschirurgen in Zürich gibt es wahrscheinlich bereits genug“, sagt Corina Wirth vom Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI). Bedarf bestehe hingegen bei Hausärzten, vor allem in ländlichen Gebieten, und Psychiatern. Um mehr Studienabgänger für diese Fachrichtungen zu gewinnen, arbeitet das Bundesamt für Gesundheit mit verschiedenen Ärzteorganisationen zusammen. Es sollen mehr attraktive, interprofessionelle Versorgungsmodelle entstehen. Noch nicht entschieden ist, ob auch das Tarifsystem, das Hausärzte finanziell schlechter stellt als Spezialisten, weiter angepasst wird.

Werden in Zukunft also wieder mehr Ärzte mit Schweizer Pass in unseren Spitälern und Praxen arbeiten? „Die Erhöhung der Abschlüsse allein genügt nicht“, sagt Corina Wirth. Denn einerseits steigt der Bedarf durch das Bevölkerungswachstum und die älter werdende Gesellschaft. Anderseits gehen in den nächsten Jahren mehr Ärzte in Pension als Junge nachkommen. Und mit der zunehmenden Anzahl Frauen, die den Beruf wählen, nimmt die Bereitschaft zu hohen Erwerbspensen ab. Der Bund plant deshalb Massnahmen, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu verbessern.

30. Juni 2015, Andrea Söldi, freie Journalistin BR

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