Themen – Bildung – HFKG

Das neue Hochschulförderungs- und -koordinationsgesetz

Das neue HFKG ist ein für die Schweizer Bildungslandschaft einzigartiges Projekt: Alle Hochschulen – also Universitäten, ETH, EPFL, Fach- und Pädagogische Hochschulen – werden ab 2015 zentral gefördert und koordiniert. Diese Umstrukturierung bewegt das Hochschul-Umfeld: Neue Organisationen haben sich gebildet, alte verändern sich und die Mitsprache wurde verstärkt. Auch Travail.Suisse, der unabhängige Dachverband der Arbeitnehmenden, redet mit.

Aus diesem Anlass versenden wir periodisch ein Info-Mail und beleuchten für Sie Akteure, Stärken und noch offene Baustellen des neuen HFKG. Wollen Sie das Info-Mail ebenfalls erhalten, dann tragen Sie sich bitte hier ein:










Die Texte aus den Info-Mails finden Sie hier:

Hochschul-Studie stösst auf Kritik

Avenir Suisse fordert ein Fitnessprogramm für die Schweizer Hochschulen: mehr Wettbewerb, weniger Politik. Geistes- und Sozialwissenschaftler halten das Rezept nicht für zielführend. mehr

Im Januar hat die Denkfabrik Avenir-Suisse eine Studie zur Thematik der Hochschulen publiziert. „Exzellenz statt Regionalpolitik im Hochschulraum Schweiz“, so der vielsagende Titel. Im knapp 100 Seiten langen Bericht fordert die mehrheitlich von Unternehmen finanzierte Organisation in erster Linie mehr Qualität statt Wachstum in die Breite. Um im internationalen Wettbewerb bestehen zu können, müssten die finanziellen Mittel gezielter eingesetzt werden – also nach Meinung der Verfasser stärker in der Spitzenforschung und –lehre, aber weniger den regionalen Interessen verpflichtet. Ansonsten drohe eine Nivellierung nach unten.

Damit ist Markus Zürcher nicht einverstanden. Der Generalsekretär der der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften erinnert an die grosse Bedeutung, die vor allem Fachhochschulen für die regionale Wirtschaft haben. Sie seien ein Standortvorteil für die Ansiedelung neuer Firmen, weil sie qualifizierte Fachkräfte hervorbringen und anwendungsorientierte Entwicklungen ermöglichen. Und nicht zuletzt hätten die Bildungsinstitutionen auch gesellschaftlich einen grossen Wert: Sie ziehen junge Leute an, die Leben in kleinere Städte wie etwa Chur bringen. Eine Zweiklassengesellschaft, wie sie die USA mit ihren rund sieben Top-Universitäten unterstützt, findet Zürcher nicht erstrebenswert.

Forschen um des Geldes willen

Weiter fordert die Denkfabrik eine andere Ausrichtung der Finanzierung. Der Wettbewerb soll insbesondere bei den Forschungsgeldern intensiviert werden und die Wirtschaft soll sich stärker engagieren, wobei mit transparenten vertraglichen Regelungen die inhaltliche Einflussnahme verhindert werden soll. Auch dies hält Zürcher für keine gute Idee. In den letzten zehn Jahren habe sich die kompetitive Finanzierung sowieso schon beinahe verdoppelt, während die Grundfinanzierung weniger stark zugenommen habe, erklärt er. Der stärkere Wettbewerb führe zu vielen Leerläufen: Das Verfassen von Forschungsgesuchen und deren Begutachtung nehmen viel Zeit in Anspruch. Unter dem Druck, unmittelbar verwertbare Resultate zu liefern, geben sich Wissenschaftler zu grossen Versprechungen hin. Auch wenn sich schon nach wenigen Monaten abzeichnet, dass der Ansatz nicht funktioniert, werden Projekte häufig bis ans Ende der Laufzeit durchgezogen, um der Forschergruppe das Geld nicht zu entziehen. Viele vorschnell publizierte Resultate können nicht mit Anschlussstudien bestätigt werden. „Es fehlt an Kontinuität“, stellt Zürcher fest. Zudem sei es oft die von Neugier getriebene, scheinbar nutzlose Grundlagenforschung, welche das Terrain für die Innovationen von übermorgen bereite. Und mit der immer stärkeren finanziellen Unterstützung von Unternehmen und Stiftungen bestehe die Gefahr der Einseitigkeit: „Life Sciences würden stark gefördert, während Geisteswissenschaften kaum eine Chance hätten.“

Wirtschaft im Wandel ist auf Flexibilität angewiesen

Einige Punkte, welche die Studie aufgreift, werfen aber durchaus Fragen auf. Wieso zum Beispiel betreibt die Universität Luzern seit 2014 eine wirtschaftswissenschaftliche Fakultät, obwohl die Hochschule Luzern – eine Fachhochschule – schon länger eine starke Managementausbildung anbietet? Auch in Zürich betreiben Universität und ETH in nächster Nähe Chemiestudiengänge mit vergleichbarer Ausrichtung. Solche Doppelspurigkeiten würden nicht zu einem gesunden Qualitätswettbewerb führen, hält Avenir Suisse fest. Diesen Kritikpunkt lässt Markus Zürcher halbwegs gelten. Es gelte aber zu bedenken, dass sich verschiedene Fachrichtungen an derselben Institution gegenseitig befruchten. „Eine Hochschule, die stark in Recht und Wirtschaft ist, sollte gleichzeitig auch gute Englischkenntnisse vermitteln.“ Was Absolventen auf dem Arbeitsmarkt abhebe, seien einzigartige Kombinationen wie etwa Juristen, die zugleich über kunstwissenschaftliches Wissen verfügen oder Betriebswirtschafter, die eine nicht europäische Sprache sprechen.

Legitim findet der Vertreter der Geistes- und Sozialwissenschaften das Anliegen, MINT-Fächer (Mathematik-Informatik-Naturwissenschaften- Technik) stärker zu fördern. Jedoch solle dies nicht auf Kosten anderer Studienrichtungen geschehen, betont Zürcher. Denn zu viele Abgänger gebe es lediglich in einigen wenigen Fächern wie etwa Geschichte und Psychologie. Dagegen seien Menschen mit Kenntnissen der Slawistik sowie indischer oder alter Sprachen äusserst gefragt. „Und wer hätte vor 20 Jahren gedacht, dass Islamwissenschaften bald wichtig werden?“, fragt er rhetorisch. Zwei Drittel der Jobs von 2040 seien heute noch gar nicht bekannt. Und auch unter den Geistes- und Sozialwissenschaftlern sei die Arbeitslosenquote tief, argumentiert Markus Zürcher. „Wir brauchen motivierte, flexible und glückliche junge Leute, die Grundkompetenzen mitbringen.“

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04. Juni 2018, Andrea Söldi, freie Journalistin BR Drucker-icon

„Wir wollen nicht sparen, aber die Mittel effizienter einsetzen“

Die Denkfabrik Avenir Suisse hat kürzlich mit einer Hochschul-Studie für viel Stirnrunzeln gesorgt. Co-Autor Matthias Ammann erklärt, wieso die Politik weniger mitreden soll, nicht jede Pädagogische Hochschule forschen muss und Studierende mehr bezahlen sollen. mehr

Sie fordern in einem Zehn-Punkte-Programm eine Fitnesskur für die Schweizer Hochschulen. Steht es so schlecht um unsere Bildungsinstitutionen?
Matthias Ammann
*: Die meisten leisten solide Arbeit. Sechs Schweizer Universitäten, an denen fast 40 Prozent aller Studierender eingeschrieben sind, gehören zu den weltweit besten 150 Hochschulen. Das ist im internationalen Vergleich ein Spitzenwert. Aber der Wettbewerb nimmt zu und das Niveau wird schwierig zu halten sein, wenn sich die Hochschulen verzetteln statt sich auf bestimmte Wissens- und Forschungsgebiete zu konzentrieren. Die Bildung kostet viel und immer mehr Geld. Deshalb muss man genau hinschauen, was damit erreicht wird. Wir wollen nicht sparen, aber die Mittel effizienter einsetzen.

Mit den Änderungen im Zusammenhang mit dem Hochschul-Förderungs- und Koordinationsgesetz (HFKG) hat sich der Hochschulraum erst gerade grundlegend verändert. Wieso wollen Sie nun schon wieder am System herumschräubeln?
Das HFKG hat einige durchaus positive Veränderungen gebracht. Zum Beispiel eine Reduktion der verschiedenen Organe und Gremien sowie mehr Autonomie für die einzelnen Hochschulen. Doch wir erachten das Gewicht der Politik als zu gross. Hochschulen sollen sich stärker nach dem internationalen Wettbewerb und dem Bedarf der Wirtschaft richten als nach regionalen Interessen. Ungesund ist auch, dass Politiker in Hochschulräten vertreten sind. So haben sie zwei verschiedene Hüte an: Sie erteilen einen Leistungsauftrag und sitzen gleichzeitig im Gremium, das ihn erfüllen muss. Wir wünschen uns in den Hochschulräten ausschliesslich Experten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft.

Wer könnte die Interessen der Gesellschaft besser vertreten als demokratisch gewählte Politiker?
Das Problem ist, dass Politiker die Interessen der Regionen vertreten statt der gesamten Schweizer Hochschulbildung. Sie wollen wiedergewählt werden und sind deshalb bestrebt, möglichst viel Geld in ihren Kanton zu holen.

Das ist doch legitim. Hochschulen tragen massgeblich zu wirtschaftlichen Entwicklungen auch in Randregionen bei. Es entstehen zahlreiche Synergien mit den Unternehmen.
Leider ist das nicht überall gleichermassen der Fall. Während es zum Beispiel in Winterthur mit Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften sehr gut funktioniert, fehlt es anderorts an genügend Unternehmen, damit sich ein Cluster entwickeln kann.

Mehr Exzellenz statt breite Angebotspaletten: Das mag bei der Spitzenforschung berechtigt sein, kann aber wohl nicht für alle Hochschulen gelten. Ist es bei einer kleinen Pädagogischen Hochschule nicht ausreichend, wenn sie gute Lehrpersonen für die jeweilige Region ausbildet?
Einverstanden. Und genau deshalb sollte man das Humboldtsche Prinzip – die Einheit von Lehre und Forschung – auch mal in Frage stellen. Guter Unterricht muss nicht in jedem Fall durch eigene Forschung gestützt werden. Auch in diesem Bereich fordern wir mehr Konzentration statt Verzettelung. Bei der Vergabe von Forschungsgeldern sollen ausländische und unabhängige Experten gewährleisten, dass die Projektgelder an exzellente und anerkannte Spitzenforscher gehen.

Einer Ihrer Kritikpunkte sind Doppelspurigkeiten: Vergleichbare Studiengänge in unmittelbarer Nähe zueinander. Wäre nicht gerade die vom HFKG angestrebte Koordination geeignet, Absprachen und die Zusammenarbeit zu verbessern?
Das HFKG kann nur in den kostenintensiven Bereichen koordinieren, also vor allem in der Medizin und in hochtechnologisierten Fachrichtungen. Zudem sind wir planwirtschaftlichen Instrumenten gegenüber skeptisch eingestellt. Besser ist es, die Rahmenbedingungen zu verändern – konkret: Der Anreiz muss über finanzielle Mittel erfolgen. Man sollte die Grundbeiträge pro Studierenden kürzen und das Geld stärker nach Qualitätskriterien verteilen.

Sie fordern höhere Studiengebühren. Wer nicht aus einer gut situierten Familie stammt, muss aber heute schon belastend hohe Arbeitspensen wahrnehmen. Wie wollen Sie die Chancengleichheit gewährleisten?
Die Semestergebühr liegen im internationalen Vergleich sehr tief, variieren aber je nach Hochschule stark. Dies führt zu vielen Studienabbrüchen und –wechseln, weil sich viele Studierende der Kosten nicht bewusst sind. So finanziert die arbeitende Bevölkerung Töchter und Söhne aus gutem Haus – eine Umverteilung von unten nach oben. Bei höheren Gebühren müsste man aber das Darlehenswesen aufbauen, um die Chancengerechtigkeit zu wahren.

Für ausländische Studierende fordern Sie gar kostendeckende Gebühren. Dies widerspricht dem Bestreben, die besten in die Schweiz zu holen. Damit würden sie nur noch solche erreichen, die es sich leisten können.
Wir sehen zwei mögliche Strategien: Hochschulen können als Bildungsdienstleister auftreten, die von ausländischen Studierenden einen namhaften Beitrag an die Kosten verlangen. Oder sie betreiben Talentimport: Sie ermöglichen den intelligentesten und fähigsten Leuten ein Studium in der Schweiz. Ein Problem ist aber das Drittstaatenkontingent, das Anstellungen von hier ausgebildeten Fachkräften häufig verhindert. Hier sollte man Ausnahmen machen.

Matthias Ammann ist Mitautor der Studie „Exzellenz statt Regionalpolitik im Hochschulraum Schweiz“ und Bildungsexperte bei der Denkfabrik Avenir Suisse.

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04. Juni 2018, Andrea Söldi, freie Journalistin BR Drucker-icon

Es braucht Kooperationen und Partnerschaften statt Wettbewerb

Avenir Suisse fordert ein Fitnessprogramm für die Schweizer Hochschulen, ausgelöst durch mehr Wettbewerb unter ihnen. Leider werden aus Sicht von Travail.Suisse gerade jene Themen ungenügend behandelt, welche eine wirkliche Stärkung der Hochschulen beinhalten. mehr

Avenir Suisse beschwört die Autonomie der Hochschulen, definiert diesen Begriff aber nur sehr oberflächlich. Insbesondere klärt sie nicht, wer an einer Hochschule das Recht haben soll zu entscheiden. Entsprechend fehlt in der ganzen Studie auch das Wort „*Mitwirkung*“. Dabei – wie die bisherigen Akkreditierungen zeigen – besteht hier an den Hochschulen ein Nachholbedarf . Avenir Suisse setzt lieber auf neue Managementmodelle als dass sie fragt, wie die Erfahrungen der aller Hochschulangehörigen in die Entscheidungen einfliessen können und wie dadurch ein motivierendes und förderndes Klima entstehen kann. Denn – das sei hier vermerkt – die Hochschulen leben immer noch davon, dass sich die unterschiedlichsten Personen in ihren verschiedenen Rollen voll engagieren. Die Beschwörung von Wettbewerb und neuen Managementmodellen wirken diesbezüglich gerade oft kontraproduktiv.

In diesen Kontext gehört auch der ganze Bereich der Adminstration der Hochschulen. Man mag das Problem zwar kleinreden. Aus unserer Erfahrung liegt hier aber ein Problem vor, indem das Management der Hochschulen über eine Überadministrierung der Hochschulen der Lehre und der Forschung immer mehr Finanzen entziehen. Gerade die Vertreter und Vertreterinnen der Wirtschaft in den Hochschulräten hätten hier die Möglichkeit, sich ein transparentes Bild von der Situation vor Ort zu verschaffen und allfällige administrative Abbaumassnahmen zu verlangen.

Ganz wichtig für die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Schweizer Hochschulen ist aber die Kooperationsfähigkeit innerhalb der Schweiz selber . Statt den Wettbewerb unter ihnen stärker anzustacheln, wie das Avenir Suisse verlangt, sollten von den Hochschulen vielmehr die Kooperationsmöglichkeiten, die heute schon vorhanden sind, besser ausgenutzt und bewusst wahrgenommen werden. Auch hier hätten die Hochschulräte ein Handlungsfeld vor sich, welches sie bis heute kaum wahrgenommen haben, nämlich den Austausch mit anderen Hochschulräten und das Ausloten von Kooperationen und Partnerschaften.

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04. Juni 2018, Bruno Weber-Gobet, Leiter Bildungspolitik Drucker-icon

Nicht ein stärkerer Wettbewerb, sondern mehr Kooperationen sind gefordert

Avenir-Suisse hat unter dem Titel „Exzellenz statt Regionalpolitik im Hochschulraum Schweiz“ eine Studie mit einem 10-Punkte-Programm für wettbewerbsfähige Hochschulen veröffentlicht. Der Grundgedanke hinter der Studie ist, dass die Schweiz im internationalen Wirtschaftswettbewerb nur bestehen kann, wenn sie über exzellente Hochschulen und über exzellente Forschungsstätten verfügt. Dazu braucht es aber in der Schweiz eine stärkere wettbewerbsorientierte Hochschulpolitik – so Avenir-Suisse. Diese soll die heutige Hochschulpolitik ablösen, welche zu häufig durch die Brille der kantonalen Standortpolitik betrieben wird. (S.87/31). Aus Sicht von Travail.Suisse führen aber die Vorschläge nicht zu mehr Exzellenz, sondern zu mehr Administration und zu einer Bildung ohne Bodenhaftung. mehr

Das Wort „Wettbewerb“ ist der prägende Begriff der Avenir-Suisse-Studie. Einmal wird das Wort „Wettbewerb“ dazu gebraucht, um die aktuelle Wirtschaftssituation zu beschreiben: Die Schweiz steht vor enormen Herausforderungen angesichts des globalen Wirtschaftswettbewerbs. Das Wort „Wettbewerb“ steht aber auch für die Lösung des Problems. Dank einem verstärkten Wettbewerb unter den Schweizer Hochschulen soll die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz gestärkt werden. Stimmen diese Behauptungen? Dass die Schweiz in einem herausfordernden globalen Wirtschaftswettbewerb steckt, wird wohl niemand bestreiten. Aber hilft der Begriff „Wettbewerb“ auch, um die Hochschulen zu stärken. Travail.Suisse ist von den Lösungsansätzen von Avenir-Suisse nicht überzeugt:

1. Die Hochschulen der Schweiz werden mit Ausnahme der Eidgenössisch Technischen Hochschulen (ETHZ, EPFL) hauptsächlich von den Kantonen finanziert. Möchte man also zur Erhöhung des Wettbewerbs unter den Hochschulen die Verteilung der vorhandenen Gelder anhand von Qualitätskriterien vornehmen, um Exzellenz zu fördern, so stehen dazu nur die Bundesgelder zur Verfügung. Mit diesen baut man aber nur schwerlich ein wirkliches Anreizsystem auf! Warum? Da die Bundesgelder nur einen kleineren Teil der Hochschulfinanzierung ausmachen, ist ihre Wirkung von Anfang an begrenzt. Wenn man dann noch bedenkt, dass die Verteilung der Bundesgelder nach Qualitätskriterien grosse administrative Abklärungen braucht, die dem System Geld entziehen, so merkt man, dass die Idee von Avenir-Suisse zuerst nicht dazu führt, dass die Qualität, sondern dass die Administration erhöht wird. Das wichtigste Argument gegen die Idee Avenir-Suisse ist aber das folgende: Jede Hochschule verfügt über verschiedenste Studiengänge. Es ist vorauszusehen, dass sie aufgrund der Qualitätskriterien für die einen Studiengänge mehr, für die anderen Studiengänge weniger als heute erhalten wird. Es ist daher wahrscheinlich, dass jede Hochschule über alle Studiengänge hinweg etwa gleich viel erhält oder der Unterschied sich im kleinen einstelligen Prozentbereich bewegt. Viel Aufwand mit wenig Wirkung! Und dabei ist das Problem noch nicht gelöst, wie Qualität wirklich sinnvoll gemessen werden kann, und zwar so, dass die Qualitätskriterien nicht falsche Anreize setzen.

2. Eine Stärke der Schweiz besteht darin, dass sie sowohl über eine starke Berufsbildung wie auch eine starke Hochschulbildung verfügt. Vor allem die Berufsbildung ist ein sehr effizientes System, indem die berufliche Grundbildung zum grossen Teil über die Wirtschaft und die Leistungen der Lernenden finanziert wird und indem die Höhere Berufsbildung als Teil des Tertiärbereichs die Hochschulen entlastet, da dieser Teil des Tertiärbereichs keinen Forschungsauftrag beinhaltet. In anderen Ländern mit fehlender starker Berufsbildung müssen die Hochschulen oft auch Funktionen der Berufsbildung übernehmen und sind daher vielfach Massenuniversitäten. Die Schweizer Hochschulen haben hier einen Vorteil. Sie können sich wirklich als Hochschulen verstehen und sind im Vergleich mit anderen Hochschulen klein. Der Begriff der „Exzellenz“, den Avenir-Suisse so gerne braucht, ist vor allem in Ländern wichtig, in denen sich die Hochschulen angesichts der Massen fragen müssen, wie sie noch wirklich Hochschule sein können, um sich von einer Massenuniversität abzuheben. Diese Frage stellt sich in der Schweiz nicht in der gleichen Weise. Nicht alle drängen an die Hochschule. Die Formel von Avenir-Suisse „Exzellenz statt Regionalpolitik im Hochschulraum Schweiz“ macht uns aber glauben, regionalpolitische Überlegungen würden wie die Massenhochschulen die Hochschulen schwächen. Ist dem so? Avenir-Suisse unterschätzt meiner Meinung nach die Wichtigkeit der regionalen Verankerung der Hochschulen. Es gibt nicht nur die internationalen, sondern auch die regionalen Herausforderungen, die bewältigt werden müssen, sei dies durch die Bildung von hochqualifizierten Personen für diese regionalen Aufgaben, sei dies durch die auf die Herausforderung der Region bezogene Forschung, sei dies durch die wissenschaftliche Unterstützung der in der Region tätigen Unternehmen, die oft in internationalen Wettbewerbssituationen stehen. Unterschätzen wir also bitte die Wichtigkeit der regionalen Verankerung der Hochschulen nicht. Sie helfen mit, dass die Hochschulen nicht die Bodenhaftung verlieren.

Aus Sicht von Travail.Suisse ist es wichtiger, dass zur Erreichung und zum Erhalt der Exzellenz der Hochschulen in der kleinen/kleinräumigen Schweiz nicht der Wettbewerb unter den Hochschulen, sondern ihre Zusammenarbeit und Kooperation gefördert wird. Nur so bleiben sie im internationalen Kontext wettbewerbsfähig.

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04. Juni 2018, Bruno Weber-Gobet, Leiter Bildungspolitik Drucker-icon

An den Hochschulen sollen alle mehr mitreden

Das HFKG nimmt es bereits vorweg: Studierende, Dozierende und andere Gruppen an Hochschulen sollen sich in Entscheidungsprozesse einbringen können. Nun verlangt der Verband der Dozierenden Nägel mit Köpfen. mehr

Eine straffe Hierarchie hat sich der Gesetzgeber für die Hochschulen offensichtlich nicht gewünscht. Das Hochschulförderungs- und Koordinationsgesetz (HFKG) sieht angemessene Mitwirkungsrechte für alle Hochschulangehörigen vor. Dieser Forderung verleihen die Dozierenden nun Nachdruck: In einem Antrag an die Schweizerische Hochschulkonferenz verlangt der Verband Swissfaculty, in dem die Dozierenden aller drei Hochschultypen vereinigt sind, dass konkrete Empfehlungen formuliert werden.

An den universitären Hochschulen mit teils jahrhundertelanger Tradition funktioniere die Mitwirkung in der Regel bereits gut, erklärt Stephan Morgenthaler, Professor an der EPFL und Vertreter von Swissfaculty im Hochschulrat. Etablierte Strukturen stellen sicher, dass sich Studierende, Dozierende und zum Teil auch andere Berufsgruppen in Entscheidungsprozesse einbringen können. Sie nehmen zum Beispiel Einsitz in Kommissionen, die sich mit Themen wie Berufungen für Lehrstühle, Ethik oder Sport befassen. Hingegen bestehe an Fachhochschulen und Pädagogischen Hochschulen diesbezüglich noch Handlungsbedarf, weiss Morgenthaler. „Häufig verläuft der Informationsfluss ausschliesslich von oben nach unten, und auch dies erst, wenn bereits entschieden wurde.“ Mancherorts seien zwar Mitspracherechte vorhanden, doch sie würden kaum genutzt, weil den Hochschulangehörigen die Zeit dazu fehlt.

Mitsprache bei Details statt Wichtigem

Dies bemängelt auch Denise Martin, Generalsekretärin des Verbands der Fachhochschuldozierenden fh-ch. Zudem beschränke sich die Mitwirkung meist auf wenig relevante Bereiche: Zum Beispiel dürfen Betroffene sich zur Farbe äussern, in der das Labor gestrichen wird, haben aber nichts zu sagen zu einem Personalreglement, bei dem es auch um die Gewährung von Forschungssemestern geht. Häufig sei es die Schulleitung, welche Vertreter für ein Gremium bestimmt, statt dass die Person vom Kollegium abgeordnet wird. Stellungnahmen werden zwar eingeholt, aber nicht immer berücksichtigt. „Bleiben konkrete Massnahmen aus, sinkt die Bereitschaft, sich zu engagieren“, stellt Martin klar.

In den Pädagogischen Hochschulen sei die Mitwirkung unterschiedlich weit gediehen, sagt Richard Kohler, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Lehrerinnen –und Lehrerbildung. Während die Dozierenden sehr kleiner Schulen fast automatisch in alle relevanten Prozesse eingebunden sind, werde in den mittleren und grossen in der Regel nur eine Mitsprache ermöglicht, nicht aber eine Mitbestimmung.

Drei Hochschulen müssen nachbessern

Mitwirkung ist auch in den Akkreditierungsverfahren ein wichtiges Kriterium. Drei der vier Hochschulen, die bisher nach neuem Recht akkreditiert wurden, haben in diesem Punkt eine Auflage erhalten. Während die Hochschule für Wirtschaft Zürich ihre Strukturen für die Mitwirkung explizit definieren soll, verlangt der Akkreditierungsrat von der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik, dass sie die Partizipation der Studierenden in allen Gremien aktiv fördert und von der Pädagogischen Hochschule Bern, dass sich sämtliche Angehörige an Projekten beteiligen.

Expertenwissen verbessert Qualität

Parallel zu den Dozierenden streben auch die Studierenden und der Mittelbau mehr Mitsprache an und bereiten entsprechende Vorstösse vor. Swissfaculty-Vertreter Morgenthaler hält es für sinnvoll, dass der Hochschulrat für alle Gruppen gleichzeitig Empfehlungen ausarbeitet. Nicht alle sollten aber bei den gleichen Themen mitreden können, betont Morgenthaler. So sei die Einschätzung der Studierenden zum Beispiel bei der Beurteilung von Lehre und Angeboten der Hochschule überaus willkommen. In organisatorischen Fragen mit langfristiger Wirkung für die Mitarbeitenden sei ihre Mitsprache hingegen weniger sinnvoll, da Studierende lediglich einige Jahre an der Hochschule bleiben.

Swissfaculty fordert eine aktive Förderung des Engagements aller Beteiligten sowie eine rechtzeitige Information, damit sich die jeweiligen Experten fundiert äussern können. In sämtlichen Gremien und auf allen Führungsebenen sollte ihnen ein Antragsrecht gewährt werden. Mit klar definierten Strukturen könne das Potenzial aller Beteiligten und Betroffenen besser genutzt werden, ist Stephan Morgenthaler überzeugt. „Dies verbessert die Qualität von Lehre und Forschung.“

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21. November 2017, Andrea Söldi, freie Journalistin BR Drucker-icon