Themen – Arbeit – Löhne

Der nächste Prüfstand für die Beziehungen Schweiz – EU

Nach einer Zeit der Unsicherheiten hat der Bundesrat nun Klarheit geschaffen über die Weiterentwicklung der Schweizer Beziehungen zur Europäischen Union. Für Travail.Suisse, den unabhängigen Dachverband der Arbeitnehmenden, ist entscheidend, dass die flankierenden Massnahmen auf dem Weg zu einem institutionellen Rahmenabkommen nicht zur Verhandlungsmasse werden. Neben diesen Verhandlungen steht auch die Initiative zur Kündigung der Personenfreizügigkeit am Horizont. Es ist daher unabdingbar, mit einer wirksamen Stellenmeldepflicht die Position der inländischen Arbeitskräfte zu stärken und mit einer gerechteren Verteilung der Freizügigkeitsrendite die Zustimmung der Bevölkerung zur Personenfreizügigkeit zu erhalten. mehr

Seit dem Staatsbesuch von EU-Ratspräsident Jean-Claude Juncker in Bern Ende letzten Jahres steht die Zukunft der Beziehungen zwischen der Schweiz und der europäischen Union wieder stärker im Fokus der Öffentlichkeit. Dass die EU eine Weiterentwicklung der bilateralen Verträge wünscht, ist nichts Neues. Bereits 2013 hat die Schweiz ein Verhandlungsmandat für ein institutionelles Rahmenabkommen verabschiedet. Im Kern geht es um die Fragen, wie einerseits das statische bilaterale Vertragswerk mit der dynamischen Rechtsentwicklung in Einklang gebracht werden kann und andererseits wie man bei Uneinigkeiten über die Auslegung der Verträge eine Streitbeilegung erreicht.

Doch obschon bereits diverse Verhandlungsrunden zu einem institutionellen Rahmenabkommen stattgefunden haben, scheint eine Einigung schwierig. An die Öffentlichkeit dringt wenig Konkretes. Die EU zeigte sich jedenfalls mit den Fortschritten unzufrieden und liess kurzerhand die Muskeln spielen – die Schweiz fand sich Ende 2017 unvermittelt auf einer grauen Liste für Steueroasen wieder und die Äquivalenz der Börsenrichtlinie wurde nur auf ein Jahr befristet erteilt.

Aus dem Bundesrat und hohen Verwaltungskreisen kamen in den letzten Monaten sehr unterschiedliche Zeichen und Signale. So hiess es einmal, die Verhandlungen zum institutionellen Rahmenabkommen seien kurz vor dem Abschluss, dann war von kaum überwindbaren Hindernissen die Rede. Es wurde angeregt, den Verhandlungen mit der Kumulation von verschiedene Dossiers (z.B. Abkommen über die Strommarktöffnung) zum Durchbruch zu verhelfen und der neue Aussenminister Cassis verunsicherte mit seiner Suche nach dem „Reset-Knopf“.

Aus Sicht der Arbeitnehmenden hat ein institutionelles Rahmenabkommen keinen inhärenten Wert. Travail.Suisse steht aber für geregelte Beziehungen mit den wichtigsten Handelspartnern und direkten Nachbarn – für eine kleine, offene und exportorientierte Volkswirtschaft ist dies unabdingbar. Dass dabei die Rechtsentwicklung berücksichtigt werden muss, um den Marktzugang zum EU-Raum längerfristig zu sichern, ist selbstverständlich. Eine Institutionalisierung dieses Prozesses ist wohl kaum zu umgehen oder wird auf Dauer zumindest deutlich effizienter sein als die jeweils sektoriellen Prozesse. Entscheidend für Travail.Suisse ist in erster Linie, dass die flankierenden Massnahmen (FlaM) nicht zum Spielball im Konflikt um ein solches Rahmenabkommen werden. Für die Arbeitnehmenden ist klar: Die Personenfreizügigkeit gibt es nur mit effektiven flankierenden Massnahmen. Denn es ist nicht selbstverständlich, dass Arbeitnehmervertreter einer Personenfreizügigkeit und damit der uneingeschränkten Konkurrenz der inländischen Arbeitskräfte zustimmen. Diese Zustimmung braucht eine Garantie, dass Personenfreizügigkeit nicht zu einem Dumping der Schweizer Löhne führt und dass die Lohn- und Arbeitsbedingungen geschützt bleiben. Dazu wurden die FlaM eingeführt und dazu braucht es die FlaM auch heute noch.

Eckpunkte zu den Verhandlungen über ein institutionelles Rahmenabkommen

Nach einer mehrteiligen Klausur ist der Bundesrat unlängst zu einer gemeinsamen Position zur Zukunft der Beziehungen zwischen der Schweiz und der EU gelangt. Im Kern wurde die Suche nach einem institutionellen Rahmen für die bilateralen Verträge bestätigt. Entscheidend und richtigerweise werden die FlaM nicht Teil dieser Verhandlungen sein. Der Bundesrat möchte allerdings rasch zu einem Verhandlungsergebnis kommen, nicht zuletzt weil momentan ein Verhandlungsfenster erkennbar ist, das sich gegen Ende des Jahres wieder schliesst. Am 30. März 2019 wird der Brexit stattfinden und anschliessend sind sowohl in der EU als auch in der Schweiz Wahlen angesagt, was zu einer Blockade in den Verhandlungen führen wird. Als grösste Änderung soll die Einführung eines Schiedsgerichtes als Streitschlichtungsinstanz geprüft werden. Damit soll die Rolle des europäischen Gerichtshofes (EuGH) beschränkt werden, um so die toxische Diskussion der „fremden Richter“ abzuschwächen. Inwieweit dies gelingen wird, wird sich zeigen, schliesslich wird sich der EuGH zumindest für diejenigen Teile in den bilateralen Verträgen, die aus einer Übernahme von EU-Recht bestehen, kaum die Kompetenz zur Auslegung entziehen lassen.

Keine Kündigung der Personenfreizügigkeit aber gerechtere Nutzenverteilung

Unabhängig vom Resultat der Verhandlungen zum institutionellen Rahmenabkommen wird das Verhältnis zur EU auf der politischen Tagesordnung bleiben. So bewirtschaftet die SVP ihr Hauptthema weiter und hat zu Beginn des Jahres ihre Initiative zur Kündigung der Personenfreizügigkeit lanciert. Im Gegensatz zur Masseneinwanderungsinitiative wird diesmal reiner Wein eingeschenkt und unmissverständlich die Kündigung der Personenfreizügigkeit gefordert und damit der Wegfall der durch die Guillotine-Klausel verbundenen Bilateralen I in Kauf genommen. Die Folgen wären eine negative Wirtschaftsentwicklung mit grossem Stellenverlust und zunehmender Druck auf die Löhne und Arbeitsbedingungen durch die prekäre Beschäftigung von ausländischen Arbeitnehemnden in einem Kontingentssystem – aus Sicht der Arbeitnehmenden ist diese Initiative ein Irrweg.

Es ist aber auch klar, dass die negativen Begleiterscheinungen einer Personenfreizügigkeit noch stärker angegangen werden müssen. Nur mit einer erfolgreichen Ausschöpfung des inländischen Arbeitskräftepotenzials, funktionierenden flankierenden Massnahmen zum Schutz der Löhne und Arbeitsbedingungen und einer gerechteren Verteilung der Freizügigkeitsrendite kann die Zustimmung der Bevölkerung zur Personenfreizügigkeit nachhaltig aufrechterhalten werden. Dabei ist die Einführung einer effektiven Stellenmeldepflicht ein wichtiger erster Schritt. Im Kern werden so die Chancen von arbeitslosen Personen auf ein Bewerbungsgespräch und allenfalls eine Wiederanstellung erhöht. Besonders davon profitieren dürften bei der Arbeitssuche diskriminierte Personen, deren Dossiers im Bewerbungsverfahren vorschnell aussortiert würden. Allerdings bedingt es zur Wirksamkeit des Instrumentes einen Kulturwandel bei den Arbeitgebern. Einerseits müssen die Vorurteile gegenüber den bei den RAVs gemeldeten Personen abgebaut und andererseits muss diesen Personen dann auch tatsächlich eine Chance gegeben werden anstatt vorschnell im Ausland zu rekrutieren: Nur so können die Chancen der inländischen Erwerbsbevölkerung tatsächlich verbessert werden. Ausserdem braucht es Investitionen in die Infrastruktur und den Service Public, statt über Steuerdumping weiter ausländische Firmen und zusätzliche Arbeitskräfte anzulocken. Die Freizügigkeitsrendite darf nicht nur den Unternehmen zugutekommen, egal ob in Form von Gewinnen oder über Steuersenkungen. Sie muss zwingend auch für die Bevölkerung spürbar werden. Dies kann beispielsweise über Massnahmen gegen steigende Mieten und Krankenkassenprämien, für mehr finanzierbare familienexterne Kinderbetreuung, für zusätzliche Unterstützung bei der Aus- und Weiterbildung oder der Einführung eines bezahlten Vaterschaftsurlaubes geschehen.

Zentral bleibt aber auch die Situation auf dem Arbeitsmarkt. Denn die Angst vor einer Verschlechterung auf dem Arbeitsmarkt – sei es direkt durch Verdrängungseffekte und schlechtere Chancen bei der Stellenbesetzung, sei es durch mehr Druck auf die Arbeitsbedingungen oder eine stagnierende Lohnentwicklung – ist der Nährboden, auf dem die Chancen für eine Initiative zur Kündigung der Personenfreizügigkeit wachsen können.

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2018 03 19 EU-Schweiz Eine-Auslegeordnung-aus-Sicht-der-Arbeitnehmenden d.docx 20 KB

19. März 2018, Gabriel Fischer, Leiter Wirtschaftspolitik Drucker-icon

Ergebnisse der Lohnrunde 2018: Arbeitnehmer profitieren zu wenig vom Aufschwung

Die Schweizer Wirtschaft profitiert von der Erholung im Euroraum und dem sich abschwächenden Schweizer Franken. Sie steht am Anfang eines Aufschwungs: Für nächstes Jahr wird ein BIP-Wachstum von bis zu 2.4 Prozent prognostiziert. Im Kontrast dazu steht der diesjährige Lohnherbst. Neben einigen Nullrunden werden sich die Löhne für die Arbeitnehmenden in der Schweiz lediglich um zwischen 0.5 und 1 Prozent erhöhen. Travail.Suisse, der unabhängige Dachverband der Arbeitnehmenden, beurteilt die Lohnrunde 2018 als ungenügend. Positiv im Vergleich zu den letzten Jahren ist die zunehmende Gewährung von generellen Lohnmassnahmen. mehr

Der Dachverband Travail.Suisse und die ihm angeschlossenen Verbände Syna, transfair und Hotel&Gastro Union haben im August 2017 die Lohnrunde 2018 eingeläutet. Unter der sich bereits abzeichnenden wirtschaftlichen Erholung wurden Lohnerhöhungen in der Grössenordnung von rund 1.5 Prozent gefordert. Dank der wirtschaftlichen Stabilisierung im europäischen Umfeld und der spürbare Abschwächung des Schweizer Frankens hat sich die Wirtschaftsentwicklung in der Schweiz im zweiten Halbjahr 2017 laufend verbessert. Auch die Aussichten sind positiv. So wurde der Einkaufsmanagerindex der Credit Suisse für November unter dem Titel „Schweizer Industrie boomt wieder“1 veröffentlicht. Der PMI befindet sich bei 65.1 Punkten, was dem höchsten Wert seit über sieben Jahren entspricht. Das bedeutet: Die Auftragsbücher sind prall gefüllt und die Produktion brummt. Dass sich die Schweizer Wirtschaft in einem breit abgestützten Aufschwung befindet zeigen auch die BIP-Prognosen für das kommende Jahr. Sowohl SECO, KOF wie auch BAK Basel rechnen für nächstes Jahr mit einem Wirtschaftswachstum von bis zu 2.4 Prozent. Von der positiven Wirtschaftsentwicklung und den blendenden Aussichten konnten die Arbeitnehmenden bisher zu wenig profitieren – das zeigt ein Blick auf die Ergebnisse der Lohnverhandlungen in diesem Herbst.

Ungenügende Resultate der Lohnrunde – wieder gerechtere Verteilung

Für einen Grossteil der Arbeitnehmenden werden die Löhne 2018 zwischen 0.5 und 1 Prozent steigen. Dieses Ergebnis ist insbesondere mit Blick auf die Teuerungsentwicklung ungenügend. Nach einer längeren Periode mit praktisch Nullteuerung, hat die Inflation im Jahresverlauf 2017 angezogen und wird für das gesamte Jahr bei etwa 0.5 Prozent zu liegen kommen. Ebenfalls stark gestiegen sind die Krankenkassenprämien. Gemäss Bundesamt für Statistik2 sind damit die verfügbaren Einkommen 2017 um 0.3 Prozent geschrumpft. Die meisten Arbeitnehmenden werden somit trotz Lohnerhöhungen real nicht mehr Geld in ihrem Budget zur Verfügung haben. Besonders unbefriedigend ist die Situation in der Baubranche. Hier wurde erneut eine Nullrunde verhängt; obwohl die Branche sehr gute Jahre hinter sich hat und bereits die letzten Jahre von einer Lohnstagnation gekennzeichnet waren. Auch die gescheiterten Lohnverhandlungen in der Gastronomie sind besorgniserregend und werden nicht zu einer Verbesserung des Images der Branche beitragen. So zeigt das «"Barometer Gute Arbeit":CHOOSE_INTERNAL_LINK» von Travail.Suisse deutlich, dass gerade im Gastgewerbe die Unzufriedenheit mit der Einkommenssituation am ausgeprägtesten ist – rund 54 Prozent der Arbeitnehmenden halten ihr Einkommen für nicht angemessen.3 Etwas positiver fällt das Urteil mit Blick auf die Verteilung aus. Zwar dominieren nach wie vor individuelle Lohnmassnahmen. Das hat zur Folge, dass längst nicht alle am positiven Geschäftsgang partizipieren können und Lohnerhöhungen wenig transparent und bis zu einem gewissen Grad auch willkürlich gewährt werden. Insbesondere in einzelnen Branchen wie dem Detailhandel oder dem öffentlichen Verkehr finden sich fast ausschliesslich individuelle Lohnmassnahmen. Gleichzeitig hat aber der Anteil an generell ausgerichteten Lohnerhöhungen im Vergleich zu den letzten Jahren wieder zugenommen. Das beharrliche Pochen auf generelle Lohnerhöhungen durch die Gewerkschaften scheint zumindest im Gewerbe und der Industrie zunehmend von Erfolg gekrönt zu sein. Mit einem Anziehen der Inflation über das nächste Jahr hinaus werden flächendeckende generelle Lohnerhöhungen zum Erhalt der Kaufkraft der Arbeitnehmenden wieder an Bedeutung gewinnen müssen.

Zuwenig Bewegung bei Mindestlöhnen, Frauenlöhnen und dem Vaterschaftsurlaub

Aufgrund der bescheidenen Lohnerhöhungen hätte die Möglichkeit bestanden im Bereich der Mindest- und Frauenlöhne oder den Regelungen zum Vaterschaftsurlaub ein Zeichen zu setzen; leider wurden diese Möglichkeiten durch die Arbeitgeber verpasst. In den meisten Branchen konnten keine Erhöhung der Mindestlöhne erzielt werden. Dass dies möglich wäre zeigen die Beispiele Bäcker-, Konditoren- und Konfiseurgewerbe sowie die Reinigungsbranche, die ihre Mindestlöhne erhöhen oder Fenaco und Auto Uri AG, welche die tiefen Einkommen überproportional an den Lohnerhöhungen partizipieren lassen. Mit Bezug auf die Lohngleichheit zwischen den Geschlechtern waren die Arbeitgeber auch dieses Jahr nicht bereit, einen besonderen Effort bei der Erhöhung der Frauenlöhne zu leisten. Travail.Suisse unterstreicht, dass die Lohngleichheit zwischen den Geschlechtern auf freiwilligem Weg nicht erreicht werden kann und unterstützt deshalb eine politische Lösungsfindung. Es ist höchste Zeit, dass sich das Parlament endlich mit der Botschaft der Revision des Gleichstellungsgesetzes befasst und die Unternehmen zumindest zu einer Kontrolle der Lohngleichheit aufgefordert werden. Es ist aber absehbar, dass griffige Massnahmen im Bereich der Kontrollen und Sanktionen ergänzt werden müssen, um das Ziel der Lohngleichheit wirklich zu erreichen. Auch bei der Thematik Vaterschaftsurlaub konnten kaum Fortschritte erzielt werden. Mit Ausnahme der Auto Uri AG (neu 4 Wochen) und im Orgelbau (neu 5 Tage) konnten keine Verbesserungen erzielt werden. Es verbleiben zuviele Arbeitnehmenden beim gesetzlichen Minimum von einem Tag Vaterschaftsurlaub – das ist gleich viel wie für einen Wohnungswechsel. Die von Travail.Suisse und weiteren Organisationen lancierte Initiative (www.vaterschaftsurlaub.ch) bleibt somit der realistischste Weg zu einem vernünftigen Vaterschaftsurlaub von 20 Tagen für alle Arbeitnehmenden.


1 https://www.procure.ch/magazin/artikel/1/pmi-november-schweizer-industrie-boomt-wieder/
2 Vgl. Krankenversicherungsprämienindex 2017 ; Bundesamt für Statistik
3 vgl. http://www.travailsuisse.ch/themen/arbeit/barometer_gute_arbeit

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2017 12 18 Lohnergebnisse-2018 Arbeitnehmende-profitieren-zu-wenig d.doc 51 KB

18. Dezember 2017, Gabriel Fischer, Leiter Wirtschaftspolitik Drucker-icon

Travail.Suisse fordert endlich mehr Lohn für Arbeitnehmende

Der Schweizer Wirtschaft geht es gut. Für das Jahr 2018 wird ein BIP-Wachstum von bis zu 2.4 Prozent prognostiziert. Leider scheint sich dies für die Arbeitnehmenden nicht wirklich auszuzahlen, denn zusätzlich zu einigen Nullrunden werden sich ihre Löhne lediglich um zwischen 0.5 und 1 Prozent erhöhen. Ausserdem arbeiten bürgerliche Kräfte aktiv daran, das im internationalen Vergleich schon sehr liberale Arbeitsgesetz auszuhöhlen. Travail.Suisse, der unabhängige Dachverband der Arbeitnehmenden, beurteilt die Lohnrunde 2018 als ungenügend und fordert, dass die Arbeitnehmenden in der Schweiz am wirtschaftlichen Aufschwung beteiligt und weiterhin durch das Arbeitsgesetz geschützt werden.%(mehr)mehr%

Travail.Suisse, der unabhängige Dachverband der Arbeitnehmenden, und die ihm angeschlossenen Verbände Syna, transfair und Hotel&Gastro Union haben im August 2017 ihre Lohnforderungen für das Jahr 2018 präsentiert. Die positiven Vorzeichen haben sich mit dem abschwächenden Franken verbessert und die Aussichten sind blendend: Die Auftragsbücher sind prall gefüllt, die Produktion brummt und die Prognosen für 2018 sehen ein BIP-Wachstum von bis zu 2.4 Prozent vor. Bei den Arbeitnehmenden kommt der Aufschwung aber nur ungenügend an – das zeigt der Blick auf die Ergebnisse der diesjährigen Lohnverhandlungen.

Teuerung und steigende Krankenkassenprämien fressen Lohnerhöhungen auf

„Mit Lohnerhöhungen zwischen 0.5 und 1 Prozent werden die Arbeitnehmenden 2018 real kaum mehr Geld im Portmonee haben – die allgemeine Teuerung und steigende Krankenkassenprämien fressen Lohnerhöhungen auf“, sagt Gabriel Fischer, Leiter Wirtschaftspolitik bei Travail.Suisse. Besonders schlecht steht es um die Baubranche, die erneut eine Nullrunde verhängt bekam, obschon gerade diese Branche sehr gute Jahre hinter sich hat. Doch es gibt auch Lichtblicke: Individuelle Lohnmassnahmen dominieren zwar nach wie vor, doch der Anteil genereller Lohnerhöhungen hat zugenommen. Das beharrliche Pochen durch die Gewerkschaften zeigt zumindest in Gewerbe und Industrie Wirkung. Das reicht aber nicht: Zieht die Inflation künftig an, so müssen flächendeckende generelle Lohnerhöhungen zum Erhalt der Kaufkraft der Arbeitnehmenden stärker an Bedeutung gewinnen.

Weniger für Arbeitnehmende, mehr für Arbeitgeber

Statt die Arbeitnehmenden vom Aufschwung profitieren zu lassen, versuchen bürgerliche Kräfte im Parlament, das Arbeitsgesetz weiter zu liberalisieren: Die Arbeitszeiterfassung soll abgeschafft und gleichzeitig die Wochenarbeitszeit erhöht werden. Dabei belegt das «Barometer Gute Arbeit» von Travail.Suisse bereits jetzt einen zunehmenden Verlust der Arbeitszeitautonomie für die Arbeitnehmenden. „Wir werden uns mit aller Kraft gegen diese Aushöhlung des ohnehin schon liberalen schweizerischen Arbeitsgesetz wehren“, bekräftigt Fischer. Auch im Bereich der Frauenlöhne sowie dem Vaterschaftsurlaub bewegt sich wenig: Die Arbeitgeber waren nicht bereit in Bezug auf die Lohngleichheit zwischen den Geschlechtern einen Effort zu leisten. „Damit ist definitiv klar, dass die Arbeitgeber die Lohngleichheit nicht auf gut schweizerischem, sozialpartnerschaftlichem Weg vorantreiben wollen. Alle Versprechen diesbezüglich waren vor allem eines: heisse Luft“, sagt Fischer. Für Travail.Suisse ist es daher höchste Zeit, dass sich das Parlament endlich mit der Botschaft der Revision des Gleichstellungsgesetzes befasst und die Unternehmen zumindest zu einer Kontrolle der Lohngleichheit aufgefordert werden.

Für mehr Informationen:
• Gabriel Fischer, Leiter Wirtschaftspolitik Travail.Suisse, Tel. 076 412 30 53
• Arno Kerst, Präsident Syna, Tel. 079 598 67 70
• Stefan Müller-Altermatt, Nationalrat und Präsident des Personalverbands transfair, Tel. 076 332 15 26

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2017 12 18 MK Lohnergebnisse-2018 Redetext Fischer TravailSuisse d.doc 77 KB

2017 12 18 MK Lohnergebnisse-2018 Redetext Kerst Syna d.docx 61 KB

2017 12 18 MK Lohnergebnisse-2018 Redetext Mueller-Altermatt transfair d.docx 44 KB

18. Dezember 2017, Gabriel Fischer, Leiter Wirtschaftspolitik Drucker-icon

Der Aufschwung muss auch den Arbeitnehmenden zu Gute kommen

Die wirtschaftlichen Aussichten sind positiv wie lange nicht mehr. Von der weltweiten Erholung und insbesondere der Verbesserung im Euroraum profitieren auch die Schweizer Unternehmen. Die Prognosen lassen ein solides und anziehendes Wirtschaftswachstum erwarten. Daran müssen auch die Arbeitnehmenden beteiligt werden, um die Kaufkraft zu stärken und den Nachholbedarf bei den Löhnen zu beheben. Travail.Suisse, der unabhängige Dachverband der Arbeitnehmenden, und die angeschlossenen Verbände Syna, transfair und Hotel&Gastro Union fordern, dass im Lohnherbst 2017 die meisten Arbeitnehmenden Lohnerhöhungen von bis zu 2 Prozent erhalten. mehr

Nach angespannten Zeiten bahnt sich die wirtschaftliche Erholung an. Prognosen des SECO lassen ein Wirtschaftswachstum von 1.4 Prozent für das laufende Jahr und 1.9 Prozent fürs nächste Jahr erwarten. Weitere Indikatoren liegen deutlich über dem längerfristigen Durchschnitt und verdeutlichen die positive Stimmung in der Wirtschaft. Dieser Aufschwung muss sich auch auf die Arbeitnehmenden auswirken. Es braucht spürbare Lohnerhöhungen von bis zu 2 Prozent.

Nachholbedarf bei den Löhnen

In den letzten Jahren mussten sich die Arbeitnehmenden mit bescheidenen Lohnerhöhungen – teilwiese gar mit Nullrunden – zufrieden geben. Dies hat mitgeholfen in den Krisenjahren und in der Zeit des stark überbewerteten Frankens die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen zu erhalten. Von der wirtschaftlichen Erholung müssen jetzt auch die Arbeitnehmenden profitieren. Eine Steigerung der Kaufkraft fliesst nicht zuletzt in den privaten Konsum als wichtiger Konjunkturstützer und hilft die wirtschaftliche Erholung zu festigen.

Fokus auf generelle Massnahmen und Frauenlöhne

Seit 2013 hat der Anteil an generellen Lohnerhöhungen kontinuierlich abgenommen, intransparente und teilweise willkürliche individuelle Massnahmen haben Überhand genommen. Das ist zu korrigieren, denn nur mit generellen Lohnerhöhungen können alle Arbeitnehmenden am Wirtschaftswachstum partizipieren. Auch die anziehende Teuerung verlangt einen Fokus auf generelle Lohnmassnahmen – nur so kann die Kaufkraft der Arbeitnehmenden erhalten und diese vor Reallohnverlust geschützt werden.

Ein zweiter Fokus muss auf den Frauenlöhnen liegen. Die noch immer bestehende Diskriminierung der Frauenlöhne von 7.4 Prozent ist absolut stossend und Lohngleichheit zwischen den Geschlechtern ist zwingend anzustreben. Eine Erhöhung der Frauenlöhne ist nicht zuletzt deshalb notwendig, weil die Frauen mit der Erhöhung ihres Rentenalters in der AHV-Reform 2020 einen grossen und wichtigen Beitrag zur längerfristigen Sicherung und Finanzierung der Altersvorsorge leisten.

Mehr Informationen:

  • Gabriel Fischer, Leiter Wirtschaftspolitik Travail.Suisse, Tel. 076 412 30 53
  • Arno Kerst, Präsident der Gewerkschaft Syna, Tel. 079 598 67 70
  • Roman Helfer, Politischer Verantwortlicher Hotel & Gastro Union, Tel. 079 540 78 37
  • Stefan Müller-Altermatt, Präsident Personalverband transfair, Tel. 076 332 15 26

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2017 08 08 MK-Lohnforderungen-2018 Dossier d.pdf 819 KB

08. August 2017, Gabriel Fischer, Leiter Wirtschaftspolitik Drucker-icon

Lohndiskriminierung : Die KMU stehen im Fokus

Weibliche Arbeitnehmende unter 30 Jahren und ohne Kaderfunktion, die in einem kleinen Restaurant mit weniger als 20 Angestellten arbeiten – diese Personen erleiden die krasseste Lohndiskriminierung in der Schweiz. Im Falle dieser Angestellten sind zwischen 52 und 65 Prozent der Lohndifferenz zu männlichen Angestellten objektiv nicht erklärbar. Es handelt sich also um pure Diskriminierung, die schweizweit eine Lohnsumme von fast 8 Milliarden Franken ausmacht. Am Vortag des Internationalen Frauentages steht fest: Diese Lohndiskriminierung ist schlicht skandalös. mehr

Die Analyse der Lohnunterschiede, die heute vom Bundesamt für Statistik präsentiert wurde, zeigt nach wie vor ein düsteres Bild für die Lohngleichheit zwischen Frauen und Männern in der Schweiz. Bekannt ist, dass der unerklärte Teil der Lohnungleichheit – die eigentliche Lohndiskriminierung – innerhalb der Branchen stark variiert: Die Hotellerie-Restauration (65.2 Prozent), der Detailhandel (56,9%) und die Maschinenindustrie (41,7 Prozent) stehen an der Spitze der Rangliste der schlechten Vorbilder. Nicht nur die Branche, sondern auch die Grösse der Unternehmung ist massgebend für die Lohndiskriminierung. Frauen, die in KMU mit weniger als 20 Angestellten arbeiten, werden am stärksten diskriminiert. Mehr als 56 Prozent der Lohnunterschiede zu ihren männlichen Kollegen können nicht durch objektive Kriterien erklärt werden (siehe Kasten). Besonders alarmierend ist, dass KMU mit weniger als 20 Angestellten in der Schweiz 95 Prozent der Unternehmen mit 36 Prozent der Arbeitnehmenden ausmachen.

«Das NFP60 zur Gleichstellung der Geschlechter hatte bereits auf die Lohndiskriminierung der jungen Frauen unmittelbar nach der Lehre aufmerksam gemacht, mit einem unerklärten Lohnunterschied von 7 Prozent», betont Valérie Borioli Sandoz, Leiterin Gleichstellung bei Travail.Suisse. Die Analyse des BFS bestätigt diesen Sachverhalt: Bei den unter 30jährigen Frauen ist mehr als die Hälfte des Lohnunterschieds diskriminierend (52,2 Prozent), der diskriminierende Anteil nimmt erst mit dem Alter etwas ab (36,8 Prozent bei den über 50jährigen).

Der öffentliche Sektor übertrifft in Bezug auf die unerklärte Lohndifferenz sogar noch den nationalen Durchschnitt: 41,7 Prozent der Lohnunterschiede zwischen den Geschlechtern sind im öffentlichen Sektor unerklärt, während der entsprechende nationale Durchschnitt bei 38,1 Prozent liegt. Insgesamt hat sich im öffentlichen Sektor der Lohnunterschied kaum verändert (16,6 Prozent) und ist nach wie vor kleiner ist als jener im privaten Sektor (19,5 Prozent).

Jeden Monat verlieren die Frauen aufgrund der Lohndiskriminierung mehrere hundert Franken. Und jedes Jahr beläuft sich das wirtschaftliche Volumen der Diskriminierung auf 7.7 Milliarden Franken. Die während ihres ganzen Lebens diskriminierten Frauen werden auch längerfristig, nämlich bei ihrer Pensionierung, benachteiligt. Es ist deshalb mehr als angebracht, am Vortag des Internationalen Tags der Frau an den Skandal zu erinnern, der mit diesen Zahlen und ihren Auswirkungen verbunden ist.

DEFINITION

Lohnungleichheit: Die Lohnunterschiede zwischen den Geschlechtern sind von verschiedenen Faktoren abhängig : personelle Faktoren (Alter, Ausbildung, Anzahl Dienstjahre), mit dem Arbeitsplatz verbundene Faktoren (berufliche Position, Qualifikationsniveau, Tätigkeitsbereich) und betriebliche Faktoren (Unternehmensgrösse, Wirtschaftszweig, Region).

Lohndiskriminierung: Nach Ausschluss der objektiv erklärbaren Faktoren mittels einer Regressionsanalyse (Modell Oaxaca) werden die verbleibenden Unterschiede, die nicht erklärt werden können, von den Fachleuten als Lohndiskriminierung eingestuft.

Für mehr Informationen:
Valérie Borioli Sandoz, Leiterin Gleichstellung Travail.Suisse, 079 598 06 37

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2017 03 07 Lohndiskriminierung d.doc 59 KB

07. März 2017, Valérie Borioli Sandoz, Leiterin Gleichstellungspolitik Drucker-icon